Der Präsident und sein Publikum

Joachim Gauck Gaucks Amtszeit bot auch gesellschaftlichen Kräften, die sich selbst als progressiv verstehen, mindestens eine Chance. Dummerweise passte sie aber nicht ins Feindbild.
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Gauck nervt

Daniela Dahn →zitiert in einem Beitrag für die aktuelle Ausgabe aus Chats zu der Berichterstattung in den Leitmedien, in denen der Präsident für eine elitenfromme Predigtkultur kritisiert wird:

Viele Leser finden sein Verständnis von Verantwortung, nämlich den Status quo der Macht zu bewahren, nervig. „Anpassung ist seine Lieblingsdisziplin“, heißt es in der FAZ-Community.

Und Dahn fügt, nicht zuletzt im Kontext des präsidial-mahnenden →Raunens angesichts eines "roten Ministerpräsidenten" in Thüringen, im Herbst 2014, hinzu:

Auch erinnert man sich, wie er nach 1990 seine Macht genoss, als Millionen unter Generalverdacht gestellte Menschen mit nicht selten eigenwilliger Akteninterpretation nach Stasi-Belastendem für Beruf und Rente „gegauckt“ wurden.

Das ist ein interessanter Aspekt. Worin drückte sich der Machtgenuss aus? Äußerte Gauck ihn unmissverständlich?

Gauck ist geil

Am anderen Ende der Jury sitzt Holger Schmale, mit einem Artikel in der "Frankfurter Rundschau", den Dahn gemeint haben könnte, als sie von lobhudelnden Medien schrieb:

Heute wissen wir: Joachim Gauck hat seine Aufgaben mit Bravour bewältigt. 84 Prozent der Bundesbürger haben ihm gerade in einer Umfrage bestätigt, dass er in ihren Augen ein guter Präsident war, nur elf Prozent sind anderer Meinung. Wer eine solche Bewertung erfährt, kann nicht viel falsch gemacht haben. [...]

Zugegeben: wenn es einen politischen Schwarmextremismus gibt, haben wir hier ein Beispiel dafür vorliegen. Und eine Schwäche des Präsidenten legt Schmale just mit dem Gauck-Zitat bloß, mit dem er ihn doch eigentlich loben will:

Die entscheidende Trennlinie verläuft zwischen Demokraten und Nicht-Demokraten. Es zählt nicht die Herkunft, es zählt die Haltung.

Ungeachtet des Kontexts (siehe Link): ein solcher Spruch gehört ins Schatzkästchen politischer Dummheit. Ungefähr die selbe Zahl von Bundesbürgern, die Gaucks hohe Zustimmungsrate mitträgt, würde stutzig, wenn sie sich diese Botschaft einmal zehn Minuten lang ungestört auf der Zunge zergehen ließe. Aber die Frage ist, wie viel Aufmerksamkeit das Schatzkästchen verdient.

Man tut Gauck wohl nicht Unrecht wenn man ihm unterstellt, dass er im eigenen Spiegel ein gern gesehener Gast ist. Er ist kein bescheidener Mann. Aber Bescheidenheit ist auch gar keine Bürgerpflicht.

Gauck war schon darum ein guter Präsident, weil er fast niemanden kalt oder wenigstens cool ließ. An ihm schieden - und scheiden - sich die Geister; sowohl an seiner Biografie, als auch an seiner Message.

Zweifellos fanden manche Bundesbürger sein Eintreten für den Status Quo "nervig", wie Dahn schreibt. Mindestens so nervig aber findet mindestens →ein Bundesbürger den abergläubischen Hass, der sich bei manchen Zeitgenossen schon damit provozieren lässt, dass man nur einmal den Namen des nochpräsidialen Gottseibeiuns nennt.

Gauck ist nicht nur ein Beispiel dafür, welche selektive Wahrnehmung die Bevölkerungsmehrheit - laut Umfragen - befallen hat, sondern auch, wie die selbe Krankheit weite Teile des gauck-kritischen Publikums heimsucht.

Zwei Beispiele, von jeder Seite eins.

Die Gauck-Fans

Holger Schmale:

[Gauck] war ein politischer Präsident im besten Sinne, der sich einmischt und Position bezieht, ein aktiver, orientierender Teil des demokratischen Diskurses. Das wird sein Vermächtnis sein, nicht die eine große Rede oder das eine bestechende Zitat. [...]

Doch - es gab eine große Rede Gaucks. Sie passte aber so schlecht ins deutsche Nachkriegsnarrativ, dass sie nur kurz in der Presse auftauchte, um dann für immer vergessen zu werden.

Gauck thematisierte am 6. Mai 2015 die deutschen Verbrechen an den sowjetischen Kriegsgefangenen des 2. Weltkriegs. Er tat das mit einer Klarheit, die manchem seiner Kritiker - insbesondere derer, die eine Wallfahrt nach Moskau von ihm verlangten - immer noch ungenügend erscheinen mag. Sie dürfte aber alles, oder nahezu alles, übertroffen haben, was in den 63 Jahren vor seiner Amtszeit dazu aus dem Bundespräsidialamt verlautete.

Die wenigsten unter denen, die Gauck loben, oder ihn kritisieren, haben diese Rede dauerhaft (oder überhaupt) zur Kenntnis genommen. Die Erklärung dafür ist einfach: keiner der beiden Seiten wollte sie ins Feindbild passen.

Die Gauck-Kritiker

Es mag sein, dass Gauck erleichtert darüber war, dass nach keinen Zugaben zu seiner Rede vom 6. Mai 2015 gerufen wurde. Aber die Linke, soweit ihr eine Würdigung der sowjetischen Opfer des deutschen Kriegs wirklich wichtiger war als sich vor Gauck zu ekeln, hätte trotzdem danach rufen können. Zumindest aber hätte Gaucks Rede am Tag danach (einem Donnerstag) auf die Titelseiten des "Neuen Deutschland" und der "Jungen Welt" gehört, auf den Online-Auftritt des "Freitag", und auf die Titelseiten aller sonstigen Verdächtigen.

So wäre daraus eine Nachricht mit Wirkungskraft geworden. Das wäre ein politischer Umgang mit dem Bundespräsidenten gewesen.

Man werde den Bundespräsidenten schnell vergessen, heißt es gelegentlich aus berufenen Mündern.

Das mag passieren. Es wurde jedenfalls viel dafür getan, beziehungsweise unterlassen.

Sollte jedenfalls Steinmeier in den nächsten fünf Jahren ebenfalls vorhaben, irgend etwas richtig zu machen, kündigt er es am besten in seiner ersten Weihnachtsansprache an: so laut und unmissverständlich, dass es der verbohrteste Linke nicht vollständig ignorieren kann.

Denn eine gute Rolle kann auch ein Bundespräsident nur spielen, wenn man ihm zuhört.

12:56 11.02.2017
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