Der Rausschmiss des Genossen Hansen (1981)

"Stur in der Spur" Der Vorgang hätte das Zeug zu einem Ohnsorg-Stück gehabt - aber dafür bleibt er zu aktuell. Geheimdiplomatie dem eigenen Land gegenüber warf Hansen seiner Partei vor.
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Schon die Besetzung des Stücks war, folgt man der damaligen Darstellung des "Spiegel", überaus farbenfroh: Ankläger im Namen des SPD-Volks war der nordrhein-westfälische Landwirtschaftsminister Hans Otto Bäumer; Ziel seiner Anklage der SPD-Abgeordnete Karl-Heinz Hansen, ebenfalls aus Nordrhein-Westfalen.

Aber davon abgesehen, dass es vom Dialekt her nicht gepasst hätte, wäre vermutlich die damalige Komödie für die plattdeutsche Bühne wohl zu nostalgisch. Vor allem alte Sozialdemokraten würden so laut schluchzen, dass selbst ein Werner Riepel (R.I.P.) seine Not gehabt hätte, stimmlich dagegen anzukommen.

Denn was sich da im Rückblick präsentiert, ist eine - zumal als hauptsächiche Regierungspartei im Bund - erstaunlich tolerante SPD: einen Oberlehrergenossen wie Hansen ertrüge die Partei heute wohl nur noch als ihren eigenen Vorsitzenden.

Eine Art Geheimdiplomatie gegen das eigene Volk hatte Hansen der SPD-geführten Bundesregierung vorgeworfen, bezogen auf den "NATO-Doppelbeschluss".

Der Parteiausschluss Hansens war - angeblich jedenfalls, vielleicht handelte er ja auch im Auftrag - Bäumers tiefempfundenes Anliegen; Bedenken des damaligen NRW-Ministerpräsidenten Johannes Rau schlug er laut "Spiegel" ebenso in den Wind wie die Hans-Jürgen Wischnewskis, Peter Glotz' oder Herbert Schnoors. Bäumler, so der "Spiegel", blieb "stur in der Spur".

Complaisante Journalisten gab es auch damals zur Genüge. Hansens Rede war gefilmt, aber zunächst nicht für sendenswert gehalten worden. Der "Spiegel":

Bäumer jedoch lud, kaum von der Hansen-Rede unterrichtet, fünf Journalisten, allesamt SPD-nah oder SPD-Mitglieder, zu sich ins Ministerium, um den Fall Hansen diskutieren zu lassen. Ein WDR-Redakteur in der Runde stellte dem Minister prompt in Aussicht, daß der Hansen-Auftritt im Regionalfernsehen gezeigt werde. Hansen-Anwalt Holtfort: "Das Verhalten der Journalisten hat eine große Rolle gespielt."

SPD-Bundesgeschäftsführer Glotz machte, so der "Spiegel", zunächst taktische Überlegungen gegen einen Parteiausschluss Hansens geltend. Schon zwei Monate zuvor, am 25. Mai, hatte der "Spiegel" ausführlicher dargestellt, um welche Überlegungen es sich dabei gehandelt habe. Zu dem Zeitpunkt allerdings hatte Glotz sich bereits von der Vorstellung verabschiedet, Hansen könne "weiterhin einen Platz in der SPD haben":

Wir sind, auch aufgrund eigener Fehler, in der Friedensdiskussion sowieso schon in einer schwierigen Situation. Ein Ausschluss von Hansen kann es noch schwerer machen, zweifelnde und sich abwendende Bürger, insbesondere junge Leute, davon zu überzeugen, dass wir konsequent für eine wirksame Kriegsverhütung kämpfen.

Ein später von Franz Müntefering geprägtes Prinzip galt allerdings auch vor 34 Jahren schon in der SPD: Opposition ist Mist. Erster Akt: Bäumer wird laut. Zweiter Akt: Gewissensqualen, Heulen und Zähneklappern in der SPD. Dritter Akt: Bäumer haut Hansen aus dem Ring. Kein Happy-End.

Denn Bundeskanzler Helmut Schmidt hatte für den Fall, dass die Partei ihm bei der Umsetzung des NATO-Rüstungbeschlusses nicht folge, seinen Rücktritt angedroht. Der "Spiegel" zitierte unter anderem den bayrischen Funktionär Sepp Klasen: Wo wären wir denn, wenn wir den nicht hätten?

Dagegen half auf die Dauer auch kein Willy Brandt.

In einer Plenarsitzung des Bundestags im November 1982 - der unverzichtbare Helmut Schmidt war soeben durch ein konstruktives Misstrauensvotum der Unions- und FDP-Fraktionen gestürzt und durch Helmut Kohl ersetzt worden - zitierte Hansen, nunmehr fraktionsloser Abgeordneter, nach seiner eigenen Aussage seinen früheren Parteigenossen Erhard Eppler:

Herr Eppler, mein ehemaliger Parteikollege, hat j a zu Recht schon vorweg gesagt, die SPD werde sich im Herbst gefallenlassen müssen, wenn sie sich dann langsam vom NATO-Doppelbeschluß heruntergehangelt hat — Herr Reddemann, ich habe die Anführungszeichen mitgesprochen —, gefragt zu werden, wie sie denn überhaupt auf die Frage Antwort geben will: Warum wollt ihr jetzt in der Ohnmacht der Opposition etwas ablehnen, wozu ihr in der Regierung die Macht, etwas effektiv zu verändern, gehabt hättet?

Auch auf den Vorwurf der Geheimdiplomatie kam Hansen zurück:

Es ist ja interessant, daß der Kollege Voigt plötzlich entdeckt hat, man möchte doch bitte heute mit dieser Geheimhaltungsdiplomatie aufhören, und zwar genau ein Jahr, nachdem ein Mitglied seiner Partei wegen dieses Vorwurfs an die vorige Regierung von der Partei ausgeschlossen worden ist.

Knapp vier Monate später wurden die Grünen erstmals in den Bundestag gewesen: die SPD hatte dort in den Jahren zuvor viel Platz für sie frei gemacht. Die Geheimdiplomatie aber blieb.

An Selbstbewusstsein fehlte es dem Dissidenten Hansen wohl nie. Als der "Spiegel" ihn 1997 zum Wiedereintritt in die SPD interviewte, behalf er sich zwar mit einem "freien Zitat", ließ es aber an Eindeutigkeit nicht fehlen:
Im derzeitigen Zustand ist die Partei meiner Hilfe zwar eigentlich nicht würdig, ihrer aber um so dringender bedürftig.

Karl-Heinz Hansen starb am 22. Juli 2014, vor einem Jahr, im Alter von 87 Jahren.

Unvergessen: die Hochzeit des Prince of Wales mit Diana Spencer. Vorher musste aber noch der Hansen abgeräumt werden, damit nichts die feierliche Stimmung stören konnte.

10:35 15.07.2015
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