Die China-Versteher und ihre Feinde

Shitstürme. Wolf Biermann kritisiert "Die Zeit". Dazu veröffentlicht er einen offenen Brief In "Die Welt". Es geht - scheinbar - um China.
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Wolf Biermann ist ziemlich sauer auf die Wochenzeitung "Die Zeit" - genauer: auf ihren Mitherausgeber Helmut Schmidt. Der Ex-Kanzler sei offenbar über beide Ohren verliebt in China. Ein China-Versteher.

Biermann hat Recht. Schmidt ist so verliebt in China - oder das, was er für China hält -, dass er darüber blind wurde. Die Frage stellt sich, wer Schmidt dieses China-Bild eigentlich vermittelt hat: Der frühere chinesische Außenminister Huang Hua, zum Beispiel - ein wunderbarer Kerl. Oder Wen Jiabao, bis vor einigen Tagen amtierender Vorsitzender des chinesischen Staatsrates. Man traf sich immer wieder in Beijing, und zuletzt wohl im April 2012 in Hannover. Auch mit Hu Jintao und dessen Vorgänger Jiang Zemin traf Schmidt wiederholt zusammen, ebenfalls schon als Bundeskanzler a. D.

Hingegen ist von Treffen zwischen Schmidt und chinesischen Dissidenten in der Tat nichts bekannt. Und auch den Islam ließ er sich seinerzeit von einem Kollegen erklären: Anwar El-Sadat, ein - na, was schon - ein wunderbarer Kerl.

Die Frage drängt sich auf, ob man Dissidenten wie Liao Yiwu solche - zum Teil unverschämte - Fragen stellen darf, wie sie z. B. der Sinologe Wolfgang Kubin indirekt in der "Zeit" aufwarf, weil Chinas Machthaber so gut im Geschäft sind, oder weil man es bei uns in Deutschland mit der Wahrheit eben schon immer so genau genommen hat.

Allerdings beziehen sich Biermanns aktuelle Vorwürfe anscheinend auf ein Interview, das Kubin der Wochenzeitung schon vor fünf Monaten gab, im Oktober 2012.

Und am 21. März - also vor knapp einer Woche - kam die "Zeit" dann noch einmal darauf zurück: "Was hat der Schriftsteller [Liao Yiwu] wirklich erlebt, was hat er erfunden?"

Wenn der Eindruck nicht täuscht, und wenn man wirklich Kubinsche Sünden aus dem vergangenen Jahr bemühen muss, um die Zeit oder ihre Herausgeber des "China-Verstehens" zu beschuldigen, hält sich das Sündenregister der Beschuldigten wohl eher in Grenzen - zumal die "Zeit" am 21. März befand: Kubin habe für seine Vorwürfe gegen Liu, dieser habe bei der Beschreibung seiner Haftbedingungen in China übertrieben, keine Beweise erbringen können.

Wo ist also das Problem?

Am 10. März 2013 veröffentlichte der Deutschlandfunk einen Radiobeitrag der Journalistin Sabine Pamperrien mit dem Titel “Die China-Versteher und ihre demokratischen Feinde”. Pamperrien war schon 2008 mit Kritik an der ehemaligen stellvertretenden Leiterin der China-Redaktion beim deutschen Auslandsdienst Deutsche Welle hervorgetreten. Ihre Kritik an Zhang Danhongs Äußerungen war zum Teil berechtigt - die unmittelbaren und mittelbaren Folgen jener Kritik allerdings waren es nicht. Und die Kritik an der China-Redaktion der Deutschen Welle insgesamt war es - einem unabhängigen Gutachten zufolge - ebenfalls nicht. Folgen hatte sie offenbar trotzdem, auch für die Redaktion.

Warum war das, was bis 2008 im deutschen Mainstream an "chinafreundlichen" Ansagen gang und gäbe war, bis dahin akzeptabel, danach hingegen anrüchig? China hatte sich keineswegs sonderlich verändert. Nur seine Wahrnehmung in Deutschland.

Die Kritik an den "China-Verstehern" scheint sich mittlerweile in Wellen zu ereignen.

Und bei allem Unverständnis für Helmut Schmidts, Wolfgang Kubins oder Zhang Danhongs Sicht auf China: um die Menschenrechte chinesischer Dissidenten muss man ohnehin fürchten. Aber Grund zur Sorge bietet auch der Umgang mit dem Recht auf freie Meinungsäußerung in Deutschland. Teufelsaustreibungen sind keine aufgeklärte Antwort auf unaufgeklärte Totalitarismus-Apologien.

Das Problem liegt nicht in Pamperriens Artikel an sich, oder in Biermanns offenem Brief an sich: auch diese sind gedeckt von der Meinungsfreiheit. Und Pamperriens Deutschlandfunk-Essay klärt - neben sachlich überflüssigen Tiefschlägen gegen Schmidt oder den Sinologen Tilman Spengler - sogar auf: er widerspricht Schmidts Sicht auf das Völkerrecht und begründet das auch.

Wohin die Einordnung von staatlichen Souveränitätsrechten als Mindermeinung allerdings in der Praxis führt, lässt sich zur Zeit z. B. im syrischen Bürgerkrieg beobachten. Und wenn Chinas ökonomischer Einfluss uns zum Kotau vor dem Riesenreich zwingt, ist das vor allem unser Problem. Wollen wir in China die Opposition bewaffnen, damit diese schlimme Versuchung, uns vor der KP Chinas in den Staub zu werfen, endlich aufhört?

Ich hoffe, die Ironie im letzten Satz ist erkennbar. Zur Meinungsfreiheit gehört auch die Freiheit zur Kampagneritis.
Zur Meinungsfreiheit gehört aber ebenso meine Freiheit, solchen Kampagnen nicht mehr zu glauben. Mehr Distanz zur politischen Klasse könnte der Glaubwürdigkeit der Presse nur gut tun.

Was zum Beispiel nach 2008 in der China-Redaktion der Deutschen Welle geschah, ist ein Thema von öffentlichem Interesse. Was in Pamperriens Essays gepredigt wird, gehört vor allem in Deutschland praktiziert.

Das allerdings würde bedeuten, dass die Medien auch über sich selbst berichten müssten. Michael Stürmer ("Die Welt" - das Blatt, das heute den Biermann-Brief veröffentlichte) fand laut dem Medienforscher Uwe Krüger die Idee nicht gut, dass ein Journalist einen anderen Journalisten interviewt.

Jetzt wüsste ich nur noch gerne, was an der Idee schlecht sein soll. Die Medien würden im Aufmerksamkeitskampf, der dann schnell zum Selbstzweck wird, [..] selbstreferenziell, befand vor einigen Jahren Gunter Hofmann von der "Zeit".

Selbstreferenziell - außer da, wo es wirklich Sinn ergäbe. Ausführliche Interviews zum Beispiel mit Sabine Pamperrien, mit entlassenen Mitarbeitern der China-Redaktion der Deutschen Welle oder mit den politisch für die Deutsche Welle Verantwortlichen könnten sehr informativ sein.

Es ist ziemlich schwierig, sein Verhältnis zu einem totalitären ausländischen Staat zu ordnen, wenn man zur Transparenz bei sich zu Hause ein gespanntes Verhältnis hat.

Immer häufiger beziehen sich Medien auf Medien, die auch nichts wissen. Es wird etwas als Tatsache präsentiert, was allenfalls eine Vermutung sein könnte. Längst gibt es den Mainstream, den Kommunikationswissen-schaftler gern Selbstreferenz nennen. Medien beziehen sich immer stärker auf Medien und daraus wird dann wieder eine Nachricht.

Das sagte der Journalist Hans Leyendecker vor elf Jahren in einem Vortrag in Hamburg.

Daran hat sich bisher nichts geändert. Die Selbstreferenz wird auch heute bis zum Anschlag genutzt, wenn zum Beispiel ein deutscher Autorenkreis oder wenn Wolf Biermann einen offenen Brief schreiben. Dann wird die Selbstreferenz an sich zum Ereignis. Aber es sind in solchen Fällen Meinungen, nicht Fakten, die zu Ereignissen führen.

22:14 27.03.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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