Die Vergangenheit ist nicht vergangen

Deutschland / Israel Persönliche Erfahrungen sind nicht universal anwendbar. Soweit man von ihnen reden will, sind sie *Beiträge* - also Stückwerk. Wenn etwas funktioniert, dann stückweise.
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Als junger Mann habe ich mal einen alten Franzosen mit einer Bemerkung in kalte, bewundernswert selbstbeherrschte, Wut gebracht - mit einer pazifistisch gemeinten Bemerkung. Das sei nicht falsch, aber von mir als Deutschen wolle er so etwas nicht hören, sagte er. Wir waren vielleicht ein halbes Dutzend Leute, die Mehrzahl ungefähr in meinem Alter, und für eine Weile sagte keiner von uns mehr etwas.

Damals habe ich diese Wut nicht verstanden, und meine Altersgenossen, die meiner (in dem Punkt unzuverlässigen) Erinnerung nach Verständnis für ihn hatten, verstand ich auch nicht. Das forderten sie auch nicht von mir, und der Rest war Schweigen.

Vermutlich verstehe ich den Alten inzwischen besser, oder jedenfalls von der Richtung her. Es gibt eben so etwas wie eine individuelle, aber kollektiv geprägte deutsche Selbstwahrnehmung, und eine Außenwahrnehmung - vermutlich weit weniger kollektiv als die Innenwahrnehmung, aber von der Innenwahrnehmung gerne unterschätzt. Ich kam aus dem Raum einer angenehmen westdeutschen Selbstsuggestion, die keinen allzu bewussten Unterschied mehr machte zwischen Deutschen und früher einmal von Deutschland besetzten Ländern.

Verstehen heißt nicht, dass ich den alten Mann jetzt im "Recht" sähe, und mich im "Unrecht". Die Frage danach erscheint mir in diesem persönlichen Zusammenhang mittlwerweile trivial. Aber Gabriele Krone-Schmalz' Empfehlung, niemanden zu tadeln, ohne eine Meile in seinen Mokassins unterwegs gewesen zu sein, oder "sich hin und wieder in die Lebensrealität derer zu versetzen, über deren Lebensrealität man berichtet" (oder über deren Lebensrealität man redet), gilt nicht nur für das von ihr gemeinte deutsch-russische Verhältnis. Es gilt auch für das deutsche Verhältnis zum israelischen Durchschnittsbürger, der hinsichtlich der Rolle seines Landes in den besetzten Gebieten (Überraschung?) nicht weniger propagandisiert ist als der deutsche Durchschnittsbürger über die Rolle seines Landes z. B. in der Eurokrise.

Natürlich sind diese zwei Dinge nicht dasselbe. Aber die Propagandamechanismen, die ein Bewusstsein der eigenen, nationalen oder kollektiven Gerechtigkeit schaffen sollen, sind sich sehr ähnlich. Und auch wenn israelische Oppositionelle, oder viele von ihnen, mehr deutsches Engagement für mehr Frieden und mehr Gerechtigkeit im israelisch-palästinensischen Verhältnis gerne sehen würden: die meisten Oppositionellen haben ihren Staat zu verschiedenen Zeiten, in mittlerweile fast sieben Jahrzehnten, mit der Waffe verteidigt und ihr Leben und ihre Gesundheit dabei aufs Spiel gesetzt. Trotzdem dringen sie in der israelischen öffentlichen Meinung bisher mit ihrer Botschaft und ihrer Praxis des Friedens nicht durch. Dass just eine große deutsche Klappe da bessere Erfolge erzielt, erscheint mir extrem unwahrscheinlich. Ich würde schon von Glück sagen, wenn daraus im konkreten Fall kein unfriedlicher Rohrkrepierer würde.

In Deutschland wird häufig - nicht nur manchmal - so gesprochen, als sei inzwischen alles so einigermaßen im Lot, soweit es "uns" betreffe, und völlig aus dem Ruder, soweit es Israel betreffe. Warum das schon von den Dimensionen her inakzeptabel ist, diskutiere ich nicht. Dafür gibt es für mich keine Basis. Aber auch von den Dimensionen abgesehen fällt mir im Verhältnis zu Israel - und zu Russland, und zu allen anderen Nachbarn - vor allem William Faulkner ein: "die Vergangenheit ist nicht tot - sie ist nicht einmal Vergangenheit."

Die Vergangenheit anzuerkennen ist selbstverständlich. Wir müssen aber außerdem mit ihr umgehen.

Moral von der Geschicht, aus meiner Sicht: es gibt ein Grundrecht auf freie Meinungsäußerung. Das wird man ja noch sagen dürfen. Ein Grundrecht ist ein Grundrecht. Ein Grundrecht muss sich niemand "verdienen".

Falls allerdings jemand glaubt, das Recht auf freie Meinungsäußerung in Deutschland hätte etwas mit Fortschritten zu einer Lösung des Nahostkonflikts zu tun, kriegt er etwas durcheinander. Bei EU-Initiativen, die ans Eingemachte gehen, wird eine deutsche Meinungsführerschaft nicht gebraucht.

08:01 01.01.2016
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