Die Welt nach dem 8. November (3)

Kleine NATO in Ostasien ---
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Die deutsche Presse, soweit pro-atlantisch, stöhnt gewohnheitsmäßig auf, sobald Barack Obamas Name fällt. Der noch bis zum 20. Januar amtierende US-Präsident gilt angesichts seiner zurückhaltenden Nahost- und Ukrainepolitik als bündnispolitischer Versager.

Es fehlt jedoch das "größere Bild": der relative amerikanische Rückzug aus Europa und dem Nahen Osten ging einher mit einer "Rückkehr nach Asien", die naheliegenderweise insbesondere in China aufmerksam beobachtet wurde.

Einstweilen bleibt unentschieden, ob Obamas Nachfolger Donald Trump - in der einen oder anderen (militärischen) Form - an dieser Rückkehr festhält.

Aber einen werbewirksamen Erfolg kann die Obama-Administration in ihren letzten Amtstagen offenbar noch einfahren: Südkoreas Regierung ist im Begriff, mit Tokio ein Abkommen zur gemeinsamen Nutzung militärischer Erkenntnisse zu schließen. Insbesondere aus historischen Gründen - Japans Kolonialherrschaft auf der koreanischen Halbinsel und sein Aggressionskrieg in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind nicht vergessen - hatte der Austausch solcher Informationen zwischen Seoul und Tokio bisher nur über Washington stattgefunden.

Das chinesische Parteiorgan "Volkszeitung" ließ in einem am Donnerstag online veröffentlichten Artikel ausführlich einen chinesischen Militärexperten zu Wort kommen.

Viele Faktoren, die Seoul bei seiner Entscheidung zugunsten einer direkten militärischen Kooperation mit Japan beeinflusst haben könnten, sind dort erwähnt.

Eins allerdings fehlt: Amerikas ostasiatische Verbündete sind in einem nicht näher bekannten Ausmaß beunruhigt, Donald Trump könne seine Ankündigungen wahr machen und einen "isolationistischen" Kurs fahren.

Japans Premierminister Shinzo Abe war der erste Politiker weltweit, der den designierten US-Präsidenten in seinem Tower besuchte.

Die von der "Volkszeitung" als "kleine NATO" bezeichnete, sich zwischen Seoul und Tokio abzeichnende, Kooperationsstruktur könnte als erster Schritt zur Entlastung Amerikas verstanden wissen - so sieht es dieser Blogger.

Ein Bündnis gleichberechtigter Partner sieht allerdings die "Volkszeitung" (bzw. der von ihr zitierte Militärexperte) nicht darin: Amerika könne mit diesem Kooperationsschritt, der aus zwei bilateralen Bündnissen gewissermaßen ein Bündnis zu machen verspreche, seinem Ziel näherkommen, Nordostasien zu kontrollieren und seine regionale Hegemonie besser schützen.

12:09 19.11.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

JR's China Blog

Wer Demokratie für selbstverständlich hält, hat sie vermutlich geschenkt bekommen.
JR's China Blog

Kommentare 11