JR's China Blog
26.11.2016 | 08:53 44

Fidel Castro, 1926 - 2016

Tod eines Inspirators Fidel Castro starb am Freitagabend im Alter von neunzig Jahren.

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied JR's China Blog

Eine der letzten internationalen Begegnungen Fidel Castros dürfte die mit dem vietnamesischen Präsidenten Tran Dai Quang gewesen sein, der ihm die Grüße von Vietnams Partei, Regierung und Volk" ausrichtete.

Am Freitagabend gab sein Bruder Raúl Castro den Tod des kubanischen Revolutionsführers bekannt:

Am heutigen 25. November um 10:29 Uhr abends verstarb der Chef der kubanischen Revolution, Fidal Castro Ruz. In Entsprechung mit dem ausdrücklichen Wunsch des Genossen Fidel werden seine sterblichen Überreste kremiert. In den frühen Morgenstunden des Samstags, den 26. November, wird das Organisationskomitee der Bestattung unserem Volk detaillierte Informationen darüber geben, wie dem Gründer der kubanischen Revolution die letzte Ehre erwiesen werden soll. Hasta la victoria siempre!

Hoy, 25 de noviembre, a las 10:29 horas de la noche falleció el Comandante en Jefe de la Revolución Cubana Fidel Castro Ruz. En cumplimiento a la voluntad expresa del Compañero Fidel, sus restos serán cremados. En las primeras horas de mañana sábado 26, la comisión organizadora de los funerales, brindará a nuestro pueblo una información detallada sobre la organización del Homenaje póstumo que se le tributará al fundador de la Revolución Cubana. ¡Hasta la victoria siempre!

Mit Vietnam hatte Kuba manches gemeinsam: beide waren Frontstaaten der Revolution, mit allen Risiken und Wirkungen. Offener Krieg mit Amerika blieb Kuba, im Gegensatz zu Vietnam, erspart, aber beide Länder lebten jahrzehntelang unter einem US-Embargo: Vietnam bis 1994; Kuba bis heute.

Beide Länder gehören der "Blockfreienbewegung" an. Von 1979 bis 1983 und von 2006 bis 2008 war Fidel Castro Vorsitzender der multinationalen Organisation. 2008 übernahm sein Bruder Raúl offiziell das Amt von ihm, ebenso wie die politische Führung in Kuba. Bereits 2006 war Fidel Castro schwer erkrankt und hatte die Staats- und Parteiführung faktisch an Raúl Castro abgegeben.

Die Blockfreiheit war, wenn Castros Erinnerungen ihn nicht trogen, kein leeres Wort (die Wayback Machine erinnert sich an einen im August von ihm veröffentlichten Granma-Artikel, dessen englischsprachige Version beim kubanischen Auslandsdienst Radio Havana allerdings nicht mehr online ist):

Als wir herausfanden, dass Kruschtschow John F. Kennedy gegenüber zugestimmt hatte, die Nulearraketen von [unserem] Land zurückzuziehen, veröffentlichte ich eine Fünf-Punkte-Notiz, die ich bei einer Übereinkunft für unerlässlich hielt. Der Sowjetführer wusste, dass wir den Chief Marshal für Raketen der Sowjetunion anfänglich gewarnt hatten, Kuba sei nicht daran interessiert, als Stellung für sowjetische Raketen betrachtet zu werden, da wir danach strebten, im Streben nach der Unabhängigkeit unserer Völker ein Beispiel für andere lateinamerikanische Länder zu sein. Dessen ungeachtet bestand der Chief Marshal, ein hervorragender Mensch, auf der Notwendigkeit, einige Waffen vorzuhalten, die die Aggressoren abschrecken würden. Da er darauf bestand, erklärte ich, dass, wenn dies für die Verteidigung des Sozialismus notwendig sei, sei es eine andere Sache, denn vor allem waren wir Revolutionäre. Ich bat ihn um zwei Stunden [Zeit], so dass die Führung unserer Revolution eine Entscheidung treffen könne.

When we found out that Khrushchev had agreed with John F. Kennedy to withdraw the nuclear missiles from the country, I published a note of five points which I considered indispensable for an agreement. The Soviet leader knew that initially we warned the Chief Marshal of the Soviet rockets that Cuba was not interested in being seen as an emplacement for USSR missiles, given its aspiration to be an example for other countries in Latin America in the struggle for the independence of our peoples. But despite this the Chief Marshal of those weapons, an excellent person, insisted on the need to have some weaponry which would deter the aggressors. Given his insistence on the issue, I stated that if it seemed to them an essential need for the defense of socialism, that was different, because, above all else, we were revolutionaries. I asked him for two hours so that the leadership of our Revolution could make a decision.

Kuba schuldete Moskau mindestens einen Gefallen:

Kruschtschow hatte sich im Verhältnis zu Kuba sehr würdig verhalten. Als die USA ihre Zuckerquote komplett aussetzten und unseren Handel blockierten, entschied er, das zu kaufen was jenes Land [USA] nicht mehr importierte, und zwar zum gleichen Preis, und als einige Monate später jenes Land [USA] die Erdölquoten aussetzte, versorgte uns die UdSSR mit den lebensnotwendigen Gütern, ohne die unsere Wirtschaft einen erheblichen Zusammenbruch erlitten hätte. Ein Kampf auf Leben und Tod war verhängt worden, denn Kuba würde sich nie ergeben. Die Schlachten waren sehr blutig gewesen, für die Aggressoren nicht weniger als für uns. Wir hatten mehr als dreihunderttausend Waffen angesammelt, darunter die hunderttausend, die wir der Batista-Diktatur abgenommen hatten.

In relation to Cuba, Khrushchev had conducted himself with much dignity. When the United States totally suspended the sugar quota and blocked our trade, he decided to buy what that country had ceased to import, and at the same price; when, a few months later, that country suspended oil quotas, the USSR supplied us with the necessities of that vital product without which our economy would have suffered a major collapse. A fight to the death had been imposed, given that Cuba would never surrender. The battles had been very bloody, as much for the aggressors as for us. We had accumulated more than 300,000 weapons, including the 100,000 we had taken from the Batista dictatorship.

Aber sollten die USA eine Invasion Kubas starten wollen, dürfe die Insel nicht auf ein sowjetisches militärisches Eingreifen rechnen, so Juri Andropow laut Castro:

Er sagte uns, dass wir, wenn wir von den USA angegriffen würden, alleine kämpfen müssten. Wir fragten ihn, ob sie uns kostenlos mit Waffen versorgen könnten, wie es bisher der Fall gewesen war. Er bejahte das. Wir teilten ihm dann mit: "Keine Sorge - sendet uns die Waffen, welche die Invasoren uns weggenommen haben." [Gemeint war offenbar ein Szenario nach einer U.S.-Invasion.]

He told us that if we were attacked by the United States we would have to fight alone. We asked him if they could supply weapons free of charge as had been the case. He replied in the affirmative. We then communicated to him, “Don’t worry, send us the weapons which the invaders took from us.”

Nur eine Mindestzahl an Genossen wurden hiervon informiert, da es hoch gefährlich gewesen wäre, hätte der Feind dieese Information erhalten.

Only a minimum of compañeros were informed of this matter, given that it would have been highly dangerous if the enemy had this information.

Es waren nicht nur die Verbindungen mit der UdSSR, die Kubas politisches und wirtschaftliches Überleben sicherten, sondern auch sehr viele kleinere Bündnisse. Es ist nicht zuletzt Vietnam, das immer wieder eine Aufhebung des US-Embargos gegen Kuba fordert.

Als Nelson Mandela im Dezember 2013 starb, hielt nicht nur der amerikanische Präsident Obama bei den Bestattungsfeierlichkeiten eine Rede, sondern auch Raúl Castro. Im angolanischen Bürgerkrieg war Kuba auf der Seite der MPLA gewesen und hatte sich dort einen Stellvertreterkrieg mit dem damals noch von der Apartheid beherrschten Südafrika geliefert, und auf der Seite des südafrikanischen ANC stand Kuba ohnehin.

Diesen Engagements, und an seinen eigenen Möglichkeiten gemessen großzügiger Entwicklungshilfe, verdankt Kuba eine "soft power" in Afrika,die Mandela nach seiner Freilassung so in Worte fasste (zit. bei Noam Chomsky):

during all my years in prison, Cuba was an inspiration and Fidel Castro a tower of strength ... [Cuban victories] destroyed the myth of the invincibility of the white oppressor [and] inspired the fighting masses of South Africa ... a turning point for the liberation of our continent - and of my people - from the scourge of apartheid ... What other country can point to a record of greater selflessness than Cuba has displayed in its relations to Africa?

Updates/Related

Radio Habana Special (Englisch), Ortszeit 26.11.16

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (44)

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Ehemaliger Nutzer 26.11.2016 | 11:11

danke für diesen schnellen Beitrag - so kann ich mir das Schreiben eines eigenen Blogs darüber sparen - jedoch keinesfalls möchte ich dies mit Worten des Respektes für sein Wirken in der Welt.

Er absolvierte im Jahr 1950 die Juristische Fakultät der Universität von Havanna. Nach dem Putsch vom 11. März 1952, als General Fulgencio Batista an die Macht kam, begann der angehende Revolutionär gegen die Militärdiktatur in seinem Land zu kämpfen.

Im Dezember 1956 landete ein Revolutionstrupp mit Fidel Castro an der Spitze in der kubanischen Provinz Oriente und begann einen Partisanenkrieg gegen Fulgencio Batista. Am 1. Januar 1959 zogen die Revolutionäre siegreich in die Hauptstadt Havanna ein.

Im Dezember 1976 wurde Fidel Castro zum Präsidenten des Staats- und des Ministerrates der Republik Kuba gewäht. Dieses Amt bekleidete er 30 Jahre lang. Am 31. Juli 2006 trat Fidel Castro wegen Gesundheitsprobleme den Posten an seinen Bruder Raúl ab.

https://www.youtube.com/watch?v=hQtgE7h_cNM

¡Hasta siempre!

Magda 26.11.2016 | 13:53

Ich kann nur beisteuern, was das für ein Theater war, als Fidel Castro die DDR besuchte. Die sind bald wahnsinnig geworden, weil er - spontan wie er ist - auf irgendein Autodach sprang, um zum Volk zu reden. Die hatten Angst um das Dach von ihrer Rennpappe. Hat mir einer erzählt ,der die Berichterstattung gemacht hat.

Und dann gibts noch die schöne Musik aus dem Buena Vista Social Club. Immerhin, wenn westdeutsche Revolutionsromantiker in Havanna ankern, da kann schon mal was Gutes rauskommen.

Möge er in Frieden ruhn, der Maximo Lider.

koslowski 26.11.2016 | 14:49

90 – das ist nicht nur für Revolutionäre ein beachtliches Alter. Also Respekt! Es gibt gute Gründe für empathische Nachrufe. Die dunklen Seiten seiner Herrschaft sollten dabei nicht ganz vergessen werden. Dazu gehörten ein Hass gegen Intellektuelle, Misstrauen gegenüber der Mehrdeutigkeit der Poesie und der rigorose Einsatz staatlicher Machtmittel gegen Intellektuelle und Poeten. Dieses Gedicht des jungen Dichters Heberto Padilla löste einen Schauprozess gegen den Autor und ein Einreiseverbot gegen europäische Linke aus (Sartre, Henze etc.) aus, die gegen seine Verfolgung protestiert hatten:

Die Reisegefährtin

Sie wirft ihren Lehrgang fort

Marxismusleninismus

meine Reisegefährtin

Sie steht im Abteil

und steckt den Kopf aus dem Fenster

und fängt an zu schreien:

Da draußen schreit sie geht die Geschichte

da draußen huscht etwas vorbei

schwärzer als eine Krähe

gefolgt von einem Gestank

feierlich wie der Arsch eines Königs.

Nun sind beide tot, der Dichter ( 2000 im amerikanischen Exil) und der Líder Máximo. Friede ihrer Asche!

Aussie42 26.11.2016 | 19:51

Wenn Sie mal in L-Amaerika sind, werden sie mitkriegen, dass die Menschen schon sehr genau wissen, wer DIE Yankees sind. Ob sie Fidel gehasst haben, sieht man u.a. daran, dass der Unsaegliche die Blockade gern wieder einfuehren wuerde. Natuerlich zum bruellenden Vergnuegen seiner "Waehler".

Und die deutschen Medien reagieren mit kaum kaschierter Haeme.

Aber lassen wir das.

Fidel ist tot. Einer der wenigen Menschen des 20. Jahrhunderts, der gerade jungen Leuten Mut machte.

JR's China Blog 26.11.2016 | 22:37

Mein Beitrag ist nur das halbe Glas, und nicht einmal ein Bruchteil des ganzen Castro. Das war mir beim Schreiben bewusst; es schien mir aber heute morgen gerade das zu sein, was am 25./26.11. wichtig war.

Die dunklen Seiten seiner Herrschaft werden sicher nicht vergessen; eine weniger repressive US-Politik als bisher vorausgesetzt als bisher, wird man sich in Kuba hoffentlich damit auseinandersetzen können, und das, ohne dabei die ebenfalls vorzeigbaren Errungenschaften der Revolution aufs Spiel zu setzen.

Ursus 27.11.2016 | 00:27

Die vorzeigbaren Errungenschaften der Revolution (wozu auch das Ende der massenhaften Prostitution gehörte) endete abrupt mit Castros Bündnis mit der Sowjetunion, ab diesem Zeitpunkt war Castro eine Marionette Moskaus und hat sein Volk nicht nur unterdrückt, sondern vergessen und verraten.

Castro hat nicht nur Che Guevara im Stich gelassen, weshalb er verhaftet und getötet werden konnte, sondern die versprochene Revolution in eine blutige Diktatur verwandelt.

Castro war ein menschenverachtender homophober Verbrecher, der keinerlei nachsichtige gar positive Bewertung verdient.

Als Breschnew 10.000 politische russische Berater nach Kuba schickte, hat Castro jede Macht und jeden Einfluss auf seine Politik verloren.

Mit dem Bewusstsein vollständigen Versagens dürfte er gestern verstorben sein, sofern er inzwischen seinen Größenwahn ablegen konnte.

Zack 27.11.2016 | 02:03

Die Massenprostitution soll wieder Fahrt aufgenommen haben, weil halb Russland über die Chicas wollte.

Che Guevara, einer der Hauptinitiatoren der blutigen Repression nach der Revolution, nicht nur gegen die übelste Schergen des alten Regimes, sondern u. a. auch gegen anarchistische Oppositionelle und Gewerkschafter, soll wegen seiner edlen Gesinnung gefeuert worden sein und nicht aufgrund seines Komplettversagens als Industrieminister.

Neben dem Verrat der Revolution soll Castro auch die Ermordung Guevaras durch die CIA zu verantworten haben. Hätte der Castro den Che nicht einsperren, anketten und so das Leben retten können?

Castro soll ein menschenverachtender homophober Verbrecher gewesen sein, wie dann wohl auch über 90% der Bevölkerung im damaligen Muchomachomusterland Kuba.

Außerdem soll er im Bewusstsein vollständigen Versagens gestorben sein, aber nur wenn er seinen Größenwahn abgelegt hat.

Wenn einem defekten Algo-Bot der Beleidigungsmodus weklappt, gibts zu Abwechslung mal richtig was zu lachen.

Anelim Aksnesej 27.11.2016 | 02:19

F.C. hat sich trotz aller ausgeklügelten CIA-Anschläge gehalten.Und auch er hat seine Widersacher einsperren lassen,die Todesstrafe angewendet-er war voller Widersprüche.Die Biographie über seinen Freund Che (von mir gelesen) sagt aber auch eindeutig,daß Letztgenannter nicht von F.C.nach Bolivien geschickt worden ist.F.C. hat auch mit Vertretern der Theologie der Befreiung geredet(z.B. mit Frei Betto-Buch Nachtgespräche mit Fidel) und das tat F.C. auch,um in Lateinamerika eine Veränderung von unten mit der Kirche anzustoßen.Da war er einfach Realist wann,was und mit wem machbar ist.In Bolivien gab es nicht mal eine revolutionäre Situation,da war eine Verkennung tödlich . F.C. hat wohl auch angstbesetzt reagiert,die Geschichte in Chile hat dann ja bewiesen,daß es notwendig ist und zwar immer,alte systembehaftete Mitglieder in wichtigen Positionen nicht zu belassen-Allende beließ Pinochet in seinem Posten,wieso war er so gutgläubig diesem Faschisten zu glauben.

JR's China Blog 27.11.2016 | 08:46

Weil des Liedes Stimmen schweigen
Von dem überwundnen Mann,
So will ich für Hektor zeugen,
Hub der Sohn des Tydeus an, ...

Aber nicht nur für Castro, sondern auch für die Gegner, die er zu seinen Lebzeiten "überwand".

So funktioniert gewissenhafte Geschichtsschreibung - sei es die des Wissenschaftlers, sei es die des bloggenden Amateurs.

Es sei denn, er will sich nicht durch Fakten verwirren lassen.

Richard Zietz 27.11.2016 | 12:07

Fidel Castro und seine Mitstreiter(innen) hatten und haben einfach das, was den meisten heutigen Linken abgeht. Sie waren konsequent und beharrlich. Obwohl sie eine Utopie umsetzen wollten gegen alle Kräfte der Wahrscheinlichkeit (eine unabhängige, von Armut und Unterdrückung befreite Gesellschaft), waren sie pragmatisch. So pragmatisch, dass es vor allem der Voluntarismus der kubanischen Revolution ist, der positiv im Gedächtnis bleiben wird.

Fehler wurden gemacht, keine Frage. Eine Reihe war vermeidbar; bei der Mehrzahl jedoch hätten es viele nicht besser gemacht – und nicht wenige deutlich schlimmer. Der kubanische Weg hat nicht das Paradies gebracht – allerdings erfolgreiche Bildungskampagnen, medizinische Versorgung und ein Land, in dem niemand mehr hungern muß. Der kubanische Weg war oft hart – mußte es zwangsläufig sein wegen der ihm feindlich gesonnenen Supermacht im Norden. Grosso modo kann man sagen, dass Fidel und seine Mitstreiter(innen) so human waren, wie es möglich war.

Was wird bleiben? Sicher vor allem die Vorbildfunktion. Auch nach Castro werden die Kubaner(innen) die Essentials ihrer Revolution kaum freiwillig aufgeben. Nicht hoch genug zu veranschlagen ist die Beispielfunktion, die von diesem kleinen Land und seinem langjährigen maximo lider an der Spitze ausgeht. Widerstand ist machbar – und eine solidarische Gesellschaft, in der jede(r) das nötigste hat. eine Utopie, die keine Utopie mehr ist. In dem Sinn wird man den Namen von Fidel Castro noch kennen und nennen, wenn seine schlimmsten Kontrahenten – die »Chicago Boys« um Milton Friedman – auf einem vergessenen Friedhof verrotten. Und nicht einmal jemand da ist, der auf ihre Gräber spuckt – weil keiner da ist, der die Erinnerung an sie für wert halten würde.

¡Hasta siempre comandante Fidel Castro! Zum Gedenken an der Stelle ein kleiner Mix aus Ton, Musik und Bildcollagen.

w.endemann 27.11.2016 | 12:08

An Fidel Castro kann man sehen, wie viel Einzelpersönlichkeiten historisch bewirken können. Ich möchte nicht wissen, wie die Welt, insbesondere die Lateinamerikas, ohne ihn aussähe. Er personifizierte David im Kampf gegen den imperialistischen Goliath und anders als im biblischen Märchen konnte die Geschichte in der Realität nicht wirklich glücklich ausgehen. Dennoch hat er das (Selbst-)Bewußtsein der Machtlosen verändert und die Verhältnisse verschoben.

Es ist richtig, daß man aus Menschen weder Engel noch Teufel machen sollte, es gibt kein schwarz-weiß. Intellektuelle können Widersprüche besser ertragen, Fremdperspektiven virtuell durchspielen, größere Distanz zum Geschehen einnehmen und ihre Gefühle besser kontrollieren. Freilich sind sie auch chronisch unentschieden, keine Macher. Intellektuelle mußten Castro auf die Nerven gehen. Ein intellektuellerer maximo lider, wenn das möglich wäre, hätte keine Paranoia entwickelt, sich nicht in Freund-Feind-Denken verhärtet, vielleicht hätte er großzügiger mit den Widersachern und Verächtern der Revolution umgehen können, hätte den revolutionären Weg behutsamer beschritten und mehr Menschen dabei mitgenommen. Aber wenn etwas Paranoia verständlich machen kann, dann die Situation Kubas. Wenn wir den Quotienten aus Paranoia und objektiver Gefährdung bilden, steht Fidel Castro im Vergleich der Staatsmänner, insbesondere der usamerikanischen Politiker, ziemlich gut da. Wenn wir die Summe seines Wirkens berücksichtigen, ist ein ganz Großer von uns gegangen.

Zack 27.11.2016 | 15:34

Das nach erfolgreicher Revolution die Unterdrückung möglicher Konterrevolution notwendig ist, diesem Umstand werden sich auch die edelsten Revolutionäre nicht verschließen können. Außer, sie nähmen es billigend in Kauf wieder weggeputzt zu werden.

Das traurigste Kapitel lateinamerikanischer Revolutionen lieferten die sandinistischen Revolutionäre in Nicaragua, die ausgerechnet ihre Demokratieideale,Barmherzigkeit und x Wahlen für gute Argumente hielten, anstatt diese für das zu halten was sie schon immer waren, als Einladung US-geführter Konterrevolution nämlich. Zu ihrer Ehrenrettung sei noch kurz angefügt: der Proxy-Krieg gegen Nicaragua wurde vom US-Imperialismus genau so unerbittlich geführt, wie der Proxy-Krieg gegen Syrien. Die hatten keine Chance.

Eine militärische Einmischung der Russen im US-Hinterhof zurzeit des „Ost-West Gegensatzes“ stand seit der "Kuba-Krise" außer Frage, diese Option hätte nukleare Dimensionen heraufbeschworen.

Ursus 27.11.2016 | 17:15

>>>Sie und er mögen sich ideologisch voneinander unterscheiden, aber im Umgang mit Lebenden und Toten gleichen Sie einander.<<<

Was soll der Unsinn? Geht es hier um Inhalte oder die Form.

Und selbst bei letzterem irren Sie: ich unterscheide nicht bei der Einschätzung zwischen einem Lebenden oder einer Leiche.

Warum sollte man aus "Pietät" einer Leiche gegenüber die Verbrechen zu Lebzeiten verschweigen?

Dass ein Politiker Gutes für "sein Volk" zu tun hat, ist für mich selbstverständlich und bedarf keiner besonderen Herausstellung.

Gar nicht aber geht, dieses selbstverständlich Positive zur Relativierung der Verbrechen, oder sogar zu deren Rechtfertigung zu instrumentalisieren, wie es auch in diesem Thread schon wieder zu beobachten ist.

Ihre relativ neutrale Beschreibung von Tod dieses Diktators hätte auch so stehen bleiben können, wenn dann nicht plötzlich die Lobhudelei eingesetzt hätte. Da muss dann natürlich gegen gesteuert werden.

Mit Castro ist kein "Großer" von uns gegangen, sondern ein Größenwahnsinniger, der mit seinen Fehleinschätzungen und Brutalitäten ein ganzes Volk in Armut und Isolation gehalten hat.

Magda 27.11.2016 | 19:56

Ich fand Castro immer auch ein bisschen komisch. Dieser Emphase, diese Theatralik. Na gut, er ist halt ein Macho. Den einfachen Menschen in Kuba wurden soziale Errungenschaften zuteil, die aber mit den Jahren auch immer ungleichmäßiger verteilt wurden. Den außerordentlich schwierigen Alltag mussten sie meistern mit allen Problemen. https://www.freitag.de/autoren/magda/es-silencio-leben-in-der-kubanischen-provinz

Ich weiß einfach nicht, ob Castro wirklich an sein Volk gedacht hat oder einfach immer nur an sich. Und - generell - frage ich mich mehr und mehr, ob es nicht gesetzmäßig ist, dass diese Gesellschaftsordnungen am Ende immer nur als eine Art "Kriegskommunismus" funktionierten. Kaum wollen die Menschen mehr, als nur überleben, ist das Ganze beendet.

JR's China Blog 27.11.2016 | 20:46

Ihren →Beitrag hatte ich im Frühjahr gelesen, und soweit, wie es eigene Wahrnehmungen gab, nachvollziehen können. In Asien bin ich einigen Exilkubanern begegnet, die alle familär aktive Verbindungen auf die Insel hatten, und den Castros gegenüber weder besonders gute noch besonders böse Gefühle hegten. Was zur Zeit aus Florida berichtet wird, sehe ich skeptisch, und nehme es eigentlich kaum wahr. Medial wird halt das unangebrachteste Benehmen mit der größten Aufmerksamkeit bedacht.

Ob Castro an sein Volk dachte, weiß ich auch nicht. Aber bei wem weiß man das schon? Was zählt, ist das Ergebnis, und da scheint mir, dass man Kubas Fortschritte bei allen Fraglichkeiten für die Zukunft mit Respekt zur Kenntnis nehmen kann.

Die nachfolgende Kader-Generation wirkt auf mich wenig beeindruckend. Das kann natürlich täuschen - aber so komisch autoritäre Figuren mitunter auch auf mich wirken: Castro nahm man sein Auftreten in Kuba offenbar ab.

Das Protokoll zwischen Regierenden und Regierten wird sich in den nächsten Jahren vermutlich ändern - und das könnte auf gute oder auch schlechte Weise spannend werden. Wie Sie schrieben:

→ Es wäre zu wünschen, dass die sich nicht über den Tisch ziehen lassen, aber - andererseits - von den Möglichkeiten, die eine Öffnung mit sich bringt, profitieren.

gelse 27.11.2016 | 20:52

>>...generell - frage ich mich mehr und mehr, ob es nicht gesetzmäßig ist, dass diese Gesellschaftsordnungen am Ende immer nur als eine Art "Kriegskommunismus" funktionierten.<<
Interessanter Gedanke, könnte sogar auf Mondragón zutreffen: Solange die ETA kämpfte: Vorbildliche innere Demokratie. Als friedlicher wurde, fingen sie an an ein paar kapitalistische Allüren zu entwickeln.

Reinhold Schramm 29.11.2016 | 10:47

Zu @MAGDA: “Kaum wollen die Menschen mehr, als nur überleben, ist das Ganze beendet.“

Mit der allgemeinen Orientierung an den Konsummöglichkeiten für die Mehrheit der nach sozioökonomischen Klassen differenzierten Bevölkerung der imperialistischen Wirtschafts- und Reichtumsmetropolen „wollen die Menschen mehr, als nur überleben“.

Dabei wird aus Gründen der ökonomischen Entbehrung übersehen, dass dieser kapitalistische Weltzustand trotz vordergründiger Bemühungen in seinen Kapitalmetropolen die Abwärtsspirale für die Existenz der nach realen sozialen Schichten und Klassen differenzierten Menschheit -unter Mitnahme der materiell Begüterten- unaufhörlich beschleunigt.

Ohne emanzipatorische Befreiung von der personifizierten – analog quandtschen, siemensschen, springerschen und trumpschen – Kapitalherrschaft, ohne Beseitigung des Kapitalismus [analog: "Soziale Marktwirtschaft" und vom Bourgeoissozialismus internationaler Prägung] im Weltmaßstab, ohne Überführung der gesellschaftlichen Produktionsmittel in Gemeineigentum der ganzen Menschheit [gesellschaftliches Gemeineigentum an: Grund und Boden, Rohstoffe und Bodenschätze, Luft und Wasser, Tier -Natur- und Pflanzenwelt], gibt es keine Zukunft für den Menschen.