Funkhäuser in Mittel- und Osteuropa

Radio und Internet Informationen aus Mittel- und Osteuropa - per Radio bzw. Audiodatei
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Den "Multikanal mit Internetanbindung", den sich der frühere Bundespräsident Joachim Gauck vor fast fünf Jahren von "unseren Medienmenschen" für eine europäische "Agora" erhoffte, gibt es bis heute nicht. Er wird aber auch gar nicht gebraucht. Allein in Mittel- und Osteuropa informieren mindestens vier Medienanstalten ausführlich - und auf Deutsch - über Aktuelles und Hintergründe aus ihren Ländern: Polen, Rumänien, die Slowakei, Tschechien und die Ukraine.

Überblick: Länder und Sender

Polnischer Auslandsdienst

Bei steuerfinanzierten Radio- und Onlinediensten drängt sich die Frage auf, wie unabhängig derartige Quellen sein können. Das polnische Auslandsradio z. B. sendete von 1950 bis Juni 2014 auf Deutsch. Dann beendete man die Deutschprogramme. Aber schon in der zweiten Jahreshälfte 2014 lebten sie wieder auf, dem Vernehmen nach finanziert von einer Stiftung.

Wohl seit 2016 sind die Deutschprogramme aus Polen wieder an sieben Tagen pro Woche zu haben. Laut der Webseite "Radio 360", die unter anderem auch die Sendungen aus Polen als Podcasts anbietet, sollen diese nach Angaben des neuen Direktors der Station .., ein Gegengewicht und eine Ergänzung zur Berichterstattung über Polen in ausländischen Medien für Hörerinnen und Hörer im Ausland .. bieten.

Tatsächlich glaubt man dieses Motiv oft aus den Deutschprogrammen herauszuhören: "der fehlende part", sozusagen, aber mit Informationen aus und über Polen. Russland hat seit dem Aus für die "Stimme Russlands" und RIA Novosti kein Auslandsmedium mehr zu bieten, wie das aus Warschau.

Radio Rumänien International

Während das polnische Auslandsradio seine Kurzwellensender im Jahr 2006 stilllegte, sendet Radio Rumänien International (RRI) weiterhin um 08:00, 16:00 und 20:00 Uhr MEZ deutschsprachige Programme auf mehreren analogen Frequenzen - nicht zuletzt mit regelmäßigen Nachrichten zum Verlauf des Konfliktes um ein "Amnestiegesetz", das die rumänische Regierungsmehrheit im Parlament durchsetzen möchte, und gegen das laut Berichten RRIs seit Jahresbeginn immer wieder Zehntausende demonstrieren.

Neben seinen Kurzwellensendungen verfügt RRI in Mittel- und Osteuropa noch über ein weiteres Alleinstellungsmerkmal: man sendet in besonders vielen europäischen Sprachen, und außerdem auf Arabisch und Chinesisch, mit sehr hörenswerten Informationen über Rumänien und seine Nachbarschaft.

Radio Slowakei International / Radio Prag

Radio Slowakei International (RSI) informiert ebenfalls auf Deutsch: per Website und um 12:00, 15:00 und 20:00 Uhr auch per Radio, über die Kurzwellenanlage Kall-Krekel in Nordrhein-Westfalen.

Radio Prag hingegen verlässt sich bei seinen Deutschprogrammen vor allem auf das Internet.

Radio Ukraine International

Im vergangenen Jahr wurden die Deutschprogramme aus Kiew fünfzig Jahre alt - bereits vier Jahre früher hatte das damalige Radio Kiew auf Englisch gesendet. Seit 1970 sendete man auch auf Rumänisch - in der Wahl dieser drei Auslandssprachen drückten sich wohl die langfristigen außenpolitischen Ziele der Ukraine aus.

RUI produziert tägliche einstündige Programme auf Deutsch per Podcast, die vom deutschen Kurzwellenbetreiber "Radio 360" zeitnah zum Download zur Verfügung gestellt werden.

Verlässliche, unverzerrte Berichterstattung sollte man beim Anhören nicht voraussetzen - wer aber an einer regierungsamtlichen Kiewer Sicht der Dinge interessiert ist, und sich außerdem für ukrainische Musik interessiert, ist mit den Podcasts gut bedient.

Radionachrichten

Sprachkonflikte

Die Website des ukrainischen Auslandsdienstes, der sich seit 1992 "Radio Ukraine International" (RUI) nennt, bietet nach wie vor aktuelle rumänische Inhalte an. Der Medienbeobachter Kai Ludwig notierte allerdings im April 2014 in einem Beitrag für die Zeitschrift "Radio-Kurier", die Dachgesellschaft NKRU, die neben RUI noch drei Inlandskanäle betreibt, habe die RUI-Rumänischprogramme am 29.01.14 beendet. Bereits 2013 sei vier Mitarbeitern gekündigt worden: "Schon seinerzeit wurde aus Rumänien eine generelle Unterdrückung der rumänischen Minderheit in der Ukraine konstatiert."

Die Verbreitung der Rumänischprogramme erfolgte demnach bis dahin über Mittelwelle. Damit war vermutlich sowohl rumänischsprachigen Hörern in der Ukraine selbst, als auch westlich der Grenze, ein brauchbares Signal geboten worden.

Den rumänischsprachigen Lesern der RUI-Website werden am heutigen Samstag Ansagen über europäische Werte gemacht, die sich nicht zuletzt in der grenzüberschreitenden Praxis ausdrückten.

Im Februar 2014 hatte Radio Rumänien International gemeldet, [d]ie Aufhebung des Gesetzes zur Anerkennung der Sprachen der ethnischen Minderheiten als Regionalsprachen durch das Kiewer Parlament solle ein Schlag gegen die russische Minderheit sein. Es war aber auch ein Schlag gegen die rumänische, die somit zum Nebenopfer geworden ist.

Zwar wurde der gesetzliche Status quo mit einem Veto des seinerzeitigen Übergangspräsidenten Oleksandr Turcynov zugunsten der angegriffenen Sprachen beibehalten, aber die Bemühungen der Kiewer Führung um eine Abwertung des Russischen (und mehr oder weniger unabsichtlich auch die Abwertung weiterer in der Ukraine gesprochenen Sprachen) halten offenbar bis heute an. Im September z. B. reagierte Rumänien laut RRI auf ein vom ukrainischen Präsidenten Poroshenko in Kraft gesetztes "Bildungsgesetz", dem zufolge laut Deutschlandfunk Kinder an den Schulen der Minderheiten nur bis zur vierten Klasse hauptsächlich in ihrer Muttersprache unterrichtet werden dürfen.

Polnisch-ukrainische Beziehungen

Auch die bis vor einiger Zeit engen ukrainischen Beziehungen zu Polen gelten letzthin als belastet. Der englische Dienst des polnischen Auslandsradios gab Andrew Wilson, einen britischen Professor für Ukrainestudien am University College London, mit der Ansicht wieder1), Polen sei neben Schweden ein ursprünglicher Anwalt einer baldigen ukrainischen EU-Mitgliedschaft um 2008/2009 gewesen2). Der polnische Einsatz für die Ukraine falle heute jedoch aufgrund der relativen EU-Skepsis der polnischen PiS-Regierung sowie einer polnischen Betonung der Interessen ethnischer Polen gedämpfter aus als zuvor. Die polnisch-ukrainischen Beziehungen litten außerdem unter einer "Überbetonung" historischer Belange.

EU-Ratspräsident Donald Tusk wolle das offenbar mit einer eigenen politischen Kandidatur in Polen wieder ändern, so die polnische Zeitung "Fakt" aus dem Springer-Verlag, zitiert im deutschsprachigen Programm aus Polen am 21.11.17:

Die Internetaktivität des ehemaligen polnischen Premierministers und amtierenden EU-Ratspräsidenten Donald Tusk erhitzt die Gemüter in Polen, berichtet die Boulevard-Zeitung Fakt in ihrem Politikteil. Auf seinem persönlichen Twitter-Konto fragte Tusk am Sonntag unter der Überschrift "Alarm!", ob hinter der EU-skeptischen und Ukraine-kritischen Politik der polnischen Regierung ein "Kreml-Plan" stecke. So scharf war der Meinungsaustausch derzeit noch nicht – bislang hat der EU-Ratspräsident die Regierenden in Polen so offen noch nie angegriffen, schreibt das Blatt.

Notes

1) Quelle: Radio Poland, 24.11.17, ca. 16. Minute --- Poland and Sweden were the original co-writers of the white paper back in 2008 [...] 2009. You still have big majorities in favour of membership of the European Union, although PIS has its criticisms of the way the EU is run, PIS has also changed its eastern policy with more emphasis on ethnic Polish issues, and [there] has been some clear deterioration in Polish-Ukrainian bilateral relations very recently, in part by over-focusing on historical issues, and in part because Ukraine's reform efforts have stumbled somewhat. I think all of those are temporary. Even big historical questions can be dealt with better. So I don't think Poland is seen to have switched 180 degrees from supporter to opponent [...]

2) gemeint ist offenbar diese Initiative

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Geschrieben von

JR's China Blog

Marxisten können die Zukunft vorhersagen. Das mit der Vergangenheit ist komplizierter.
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