Geschichtsschreibung: das schwierige Bündnis

China-Nordkorea. Wer wollte den Koreakrieg? Kim, Mao oder Stalin? Beziehungsweise, wer wollte ihn wann? Und wer am meisten?
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Über den Koreakrieg wissen wir in Deutschland gemeinhin nicht viel – jedenfalls nicht mehr. Und was man früher über den Koreakrieg wusste, war nicht zuletzt davon beeinflusst, wo in Deutschland man lebte – im Osten oder im Westen.

Dabei hatte der Koreakrieg sicher Einfluss auf die amerikanische Europa- und Deutschlandpolitik ab 1950. Aber es war eben ein Krieg "am anderen Ende der Welt".

In Amerika ist die Wahrnehmung anders. Zumindest unter amerikanischen Akademikern geht die Suche nach den genaueren Kriegsursachen weiter: immerhin ist eins der damals feindlichen Länder - China – heute einer der drei mit Abstand größten Handelspartner der USA, und das andere – Nordkorea – bis heute technisch ein Kriegsgegner der USA. Da möchte man wissen, mit wem „man“ es im Koreakrieg eigentlich zu tun hatte, und wer dabei welche Rolle spielte.

Und auch in China begann man in den letzten Jahren, die Waffenbrüderschaft mit Pyongyang akademisch neu zu beleuchten. Allerdings stießen etwaige neue geschichtliche Erkenntnisse selbst in der amerikanischen oder chinesischen Öffentlichkeit auf keine allzu große Aufmerksamkeit. „Wir waren die Guten“: das heißt in den USA soviel wie Amerika, seine Verbündeten und Südkorea, und in China eben China, Nordkorea und vielleicht noch die damalige Sowjetunion.

Aber die Beschäftigung mit den Kriegsursachen – auch „im Detail“ – spielt eine Rolle, wenn man das chinesisch-nordkoreanische Verhältnis heute einzuschätzen versucht.

Shen Zhihua veröffentlichte 2003 bei einem Guangdonger Verlag seine ersten neuen Erkenntnisse: „Mao Zedong, Stalin und der Koreakrieg“. Nach einer zum Teil revidierten Neuauflage 2007 folgte eine englische Übersetzung für die USA und Kanada. Als Vorwort baute der amerikanische Übersetzer eine – ebenfalls aus dem chinesischen übersetzte - Buchbesprechung Yang Kuisongs ein, der aus einer hitzigen Debatte zwischen dem sowjetischen Parteichef Chruschtschow und dem chinesischen Politbüromitglied Peng Zhen zitiert1). Bei einem Treffen in Bukarest im Juni 1960 hält Chruschtschow Peng vor, sowohl Moskau als auch Peking hätten den Koreakrieg gebilligt. Peng bestreitet das. Und – so Yang Kuisong – belegen damit, dass selbst diejenigen, die seinerzeit an den politischen Entscheidungen zum Krieg beteiligt waren, die Hauptverantwortung dafür ganz unterschiedlich zuordnen: „Only ten years later, in June 1960, even some who had been personally involved in discussions and decisions about the war were not clear on the cause for the outbreak of the war and the background to China’s troop deployment.“

Und der Historiker William Stueck2) beschreibt, wie Nordkoreas Führer Kim il-sung Stalin mit Angriffsplänen auf den Süden in den Ohren liegt. Stalin will davon zunächst nichts wissen. Nachdem das Moskauer Politbüro aber im September 1949 Kims Vorstellungen schon verworfen hat, ändert Stalin seine Meinung Anfang 1950. Allerdings müsse Kim sich, falls ihm – wider Erwarten – die Amerikaner in die Quere kämen, auf China verlassen. Einer direkten militärischen Auseinandersetzung mit den USA will der Sowjetchef aus dem Wege gehen.

Mao stimmt zu – widerwillig, so Stueck. Lieber hätte der chinesische Parteichef zunächst auch Taiwan unter seine Kontrolle gebracht. Und nachdem Nordkorea tatsächlich auf die Amerikaner und ihre UN-Verbündeten trifft, ist Peking zwangsläufig involviert.

Dies – stark vergröbert – sind zwei Darstellungen aus den vergangenen gut zehn Jahren.

Ich versuche nicht zu beurteilen, ob das jetzt der Weisheit letzter Schluss ist. Aber so ungefähr werden diejenigen chinesischen Akademiker, die heute ein Ende des Bündnisses zwischen China und Nordkorea befürworten, die damalige Geschichte mittlerweile wohl sehen: sechs Jahrzehnte nichts als Ärger mit den Loser-Kims in Pyongyang. Und immer wieder setzen sie noch einen drauf.

Die Folklore aber bleibt einstweilen die alte. Dafür braucht es vermutlich nicht einmal eine Zensur. Weder wird William Stueck in Amerika, noch werden Shen Zhihua oder Yang Kuisong in China einer größeren Öffentlichkeit bekannt sein.

____________

1) Yang Kuisong: „Why did Stalin back the Korean war? On reading Shen Zhihua’s Mao Zedong, Stalin and the Korean war“, Twenty-First Century, February 2004

2) William Stueck: „Rethinking the Korean War“, Princeton, 2002

Anmerkungen zum dritten nordkoreanischen Atomtest



Verwandte Themen


» Chinas Presse..., 17.02.13
» Zickzack statt Eskalation, 15.02.13
» Test, Test, Test..., 12.02.13
» Koreakrieg (Wikipedia)

17:49 18.02.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare 19