Im Jahr des Stachelschweins

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Jahr des Stachelschweins

Kaum hatte das Jahr 2019 begonnen, da landete Taiwan auch schon weltweit in den Schlagzeilen. Kein Erdbeben, kein Taifun und keine platzende Gummiente hatte es dorthin gehievt, sondern ein - jedenfalls vorgeblich - vor freudiger Erwartung auf eine baldige "Vereinigung" Taiwans mit China platzender Generalsekretär und Staatschef in Peking.

Da die Begeisterung auf Taiwaner Seite für solche Szenarien sich in Grenzen hält, betonte der Generalsekretär, dass man sich bei anhaltendem Unwillen der Insulaner genötigt sehen könnte, Gewalt anzuwenden. Einen Zeitplan für seine Vorstellungen stellte er allerdings nicht vor - ohnehin hat die KP Chinas in ihre Annexionspropaganda schon ungefähr so viel von ihrem inländischen Prestige gesteckt, wie Sauron in den "Einen Ring".

Die Zeiten freilich, in denen man sich in Taiwan in erster Linie auf See- und Luftschlachten mit China vorbereitete, gehen ihrem Ende entgegen: die Insel wendet laut dem "Economist" vom 26. Januar mittlerweile eine "Stachelschwein"-Strategie an - mobile Hsiung-Feng-Raketen, "intelligente Seeminen", Verbunkerung und Autobahnen als Ersatz für im Kriegsfall schnell zerbombte Startbahnen.

Ein deutscher Auslandskorrespondent in Taiwan berichtete für N-TV und den Hessischen Rundfunk über Taiwans Reaktionen auf Chinas Kriegsdrohungen, bekam kurz darauf auf einer Pressekonferenz Gelegenheit, der Präsidentin des Landes eine Frage (mit einer international viel beachteten Antwort) zu stellen, und analysierte in seinem Blog die gängigen medialen Reiz-Reaktionsmechanismen, die Taiwan meist unbeachtet lassen, aber bei bestimmten Auslösern zuverlässig (und mit unterschiedlich viel Sachkenntnis) in eine Berichterstattung einsteigen.

Bereits wenige Tage nach seiner Taiwanrede wandte sich der chinesische Generalsekretär, Staats- und Militärchef wieder der Innenpolitik zu, und seit Montagabend widmet man sich auf beiden Seiten der Taiwanstraße dem Frühlingsfest.

Kreise, Kreise

Deutsche sind Experten für Horrorszenarien, und der deutschstämmige frühere US-Militärminister Donald Rumsfeld erklärte ungläubigen "Spiegel"-Reportern vor über dreizehn Jahren, er setze sich "hin und schreibe Listen all der schrecklichen Dinge, die passieren könnten."

Die deutschsprachige Version der "Wikipedia" kennt denn auch nur den Teufelskreis, nicht aber den Tugendkreis (virtuous circle oder benign circle). Bezeichnet ersterer ein System .., in dem mehrere Faktoren sich gegenseitig verstärken (positive Rückkopplung) und so einen Zustand immer weiter verschlechtern, geht die englische Version doch zumindest auch auf die Existenz (ökologischer) Tugendkreise ein.

Die chinesische Inlandsenzyklopädie betrachtet den Tugendkreis ebenfalls biodynamisch:

Ein Tugendkreis bezeichnet Beziehungen zwischen den Dingen, die sich aufeinander stützen und kreisförmig immer weitere Ketten bilden, die füreinander ursächlich sind. Ein Tugendkreis ist ein progressives Phänomen in der Entwicklung der Dinge. Aus der Sicht des Agro-Ökosystems bezeichnet der Tugendkreis den fortwährenden Prozess der Umwandlung von Substanzen und Ressourcen, die aus den vier Elementen bestehen - Agrarumweltfaktoren, Viridiplantae, aller Arten von Tieren und aller Arten von Mikroorganismen. Ein Tugendkreis sollte eine hohe Produktivität, ein hohes Maß an Stabilität und große Nachhaltigkeit aufweisen.

Allerdings lassen sich derartige Mechanismen womöglich auch im großen internationalen Garten voraussetzen und nutzen - zum Beispiel im interkoreanischen Friedensprozess. Und nicht nur China oder die englischsprachige Welt kennen das Konzept, sondern auch südkoreanische Beamte. Das südkoreanische Auslandsradio "KBS World" meldete am 11. Januar in seiner deutschsprachigen Nachrichtensendung,

Das südkoreanische Präsidialamt geht davon aus, dass der jüngste China-Besuch des nordkoreanischen Machhabers Kim Jong-un für die erfolgreiche Abhaltung eines zweiten Nordkorea-USA-Gipfels eine positive Rolle spielen werde. Diese Ansicht vertraten Mitglieder des ständigen Ausschusses des Nationalen Sicherheitsrats im Präsidialamt bei einer Sitzung am Donnerstag [10.01.18]. Wie das Präsidialamt mitteilte, sei zudem beschlossen worden, kontinuierlich Bemühungen zu unternehmen, damit der hochrangige Austausch zwischen beiden Koreas, zwischen Nordkorea und China und Nordkorea und den USA sowie die Verhandlungen über die Denuklearisierung einen Tugendkreis bilden.

Anfang der Woche einigten sich Washington und Seoul "im Grundsatz" auf eine Neuverteilung der durch die Stationierung von US-Truppen in Südkorea anfallenden Kosten. Mit "weniger als 1,1 Billionen Won" bzw. 978 Mio. US Dollars wäre das ein höherer südkoreanischer Beitrag als der US-Zeitschrift "The Hill" zufolge bis 2018 (848 Mio. Dollars), oder KBS zufolge (854 Mio. Dollars), bei einer unüblich kurzen Laufzeit von nur einem Jahr, bis 2020.

Amerika / Russland: Transparentes Wettrüsten

Während sich an den interkoreanischen Friedensprozess zumindest vage Hoffnungen knüpfen, kommt der Historiker Michael Schütz zu einer eher grimmigen Form eines Tugendkreises: der kommende Prozess des Wettrüstens nach dem Ende des INF-Vertrags solle nach dem Willen Moskaus und Washingtons transparent stattfinden.

"Üble Träume" bescheinigt Alexander Will, Nachrichtenchef der Oldenburger "Nordwestzeitung", im Gefolge des beendeten Vertrags denjenigen, die glauben, Berlin solle die sicherheitspolitische Bindung an den Westen hintanstellen und versuchen, eine Mittlerrolle in dem herandämmernden Konflikt einzunehmen. Schließlich habe die Bindung an die Vereinigten Staaten "Westdeutschland die Freiheit und ganz Europa den Frieden gesichert."

Letzte Dinge

Vor demnächst zwanzig Jahren starb der schwedische Liedermacher und Sänger Björn Afzelius. Dieses Stück ist natürlich noch viel länger her.

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13:35 08.02.2019
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Geschrieben von

JR's China Blog

Wer Demokratie für selbstverständlich hält, hat sie vermutlich geschenkt bekommen.
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