Sender Zehlendorf: Geschichte, 360 Meter hoch

Langwellenradio 359,7 Meter hoch ist der Sendemast in Oranienburg-Zehlendorf, von dem bis zum 31.12.14 das Langwellenprogramm von Deutschlandradio Kultur ausgestrahlt wurde
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Die überhöhte Vergangenheit muss durch die zeitgenössische Moderne belebt und befragt werden - und umgekehrt.

Mit diesem bedeutungsschweren Satz beendete Deutschlandradio Kultur am 31.12. kurz vor Mitternacht seine Langwellensendungen. Allerdings war das keine Selbstreferenz - auch auf den verbleibenden Wellen und Kabeln lief das selbe Programm, und gemeint war mit der geschichtsbewussten Anmerkung die Künstlerkolonie Worpswede bei Bremen, nicht der Langwellensender Oranienburg-Zehlendorf im Bundesland Brandenburg. Der vormalige Standort für Sendungen auf Lang-, Mittel- und Ultrakurzwelle sendet damit jetzt nur noch auf UKW. Letzter Interessent für die Zehlendorfer Mittelwelle war laut Radio Berlin-Brandenburg der chinesische Auslandsrundfunk gewesen - 2012.

Auf Langwelle wurden aus Zehlendorf neben dem regulären Programm von Deutschlandradio Kultur auch mehrmals am Tag Seewetterberichte übertragen.

Ungefähr zur gleichen Zeit, einige Minuten vor Mitternacht, endeten auch die Langwellensendungen des Deutschlandfunks aus dem niederbayerischen Aholming und dem badischen Donebach. Allerdings gingen die DLF-Langwellensender - wohl aufgrund mangelnder Abschaltroutine - im Verlauf der Nacht noch ein- oder zweimal auf Sendung.

Nach dem Krieg: nochmal Langwelle

Mittel- und Langwelle sind wohl die ältesten Frequenzbereiche der Rundfunkgeschichte, die 1919 oder 1920 begann. Die viel weiträumigeren Ausbreitungsbedingungen der Kurzwelle wurden in den 1920er Jahren überhaupt erst entdeckt.

Es scheint fraglich, ob es im Nachkriegsdeutschland ohne den Kalten Krieg überhaupt noch einmal Langwellensendungen gegeben hätte - die Kopenhagener Wellenkonferenz von 1948 sah für den Kriegsverlierer offenbar ab 1950 keine Langwellenfrequenz mehr vor. Die DDR oder die sowjetische Besatzungsmacht ignorierten das jedoch und siedelten die ostdeutsche Langwelle sechs kHz unterhalb der bis 1950 betriebenen Langwellensendungen wieder an, auf 185 statt auf den bis dahin 191 kHz. Spätestens 1959 sendete man aus Oranienburg-Zehlendorf.

Von 1949 bis 1971 lief das Langwellenprogramm in der DDR unter dem - seit 1928 traditionellen - Namen "Deutschlandsender".

Zeitungen waren knapp wie ihr Papier, der Vertrieb endete meistens an den Zonengrenzen, bemerkte dazu die Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit" in einem triumphalistisch-geschichtlichen Rückblick am 23.02.1990. Genau diese Zonengrenze aber wollte die SED für ihre an Westdeutschland gerichtete Propagandaarbeit nicht akzeptieren, und der Deutschlandsender sollte helfen, die innerdeutsche Grenze zu überbrücken. Zitat aus dem "Zeit"-Rückblick:

Als einziger Sender, der in ganz Deutschland gehört werden kann, wendet er sich vor allem an die westdeutschen Hörer. In seiner Aufklärungsarbeit bekämpft er die Lügenhetze und widerlegt sie durch Tatsachen aus dem Leben der Werktätigen im östlichen Deutschland.

Der Anspruch, westdeutsche Lügengebilde zu zerlegen, blieb auch in den 1970er Jahren, aber in der Verteidigung ihrer eigenen Staatlichkeit und ihrer Abgrenzung zu einem Gesamtdeutschland wurde das vor allem auf die Bundesrepublik gerichtete "Auslandsradio" defensiver: "Stimme der DDR" hieß sie ab 1971. Washington und Bonn waren imperialistisch, Tel Aviv war zionistisch-imperialistisch. Es gab in den Nachrichtensendungen der 1980er jahre Substantive, die waren ohne mindestens ein vorangestelltes Adjektiv undenkbar. Aber auch das eine oder andere Stück Satire war zu hören: man gelobte, nie wieder Westfernsehen zu gucken, aber natürlich erst recht kein Ostfernsehen mehr.

Anfang der 1950er war der Deutschlandsender die einzige deutsche Stimme auf Langwelle. Der Westen aber ließ nicht lange auf sich warten. Auch hier handelte man offenbar am Kopenhagener Wellenplan vorbei: laut einem Deutschlandradio-Rückblick im November 2010 genehmigten die Westalliierten 1953 zu Versuchszwecken einen westdeutschen Langwellensender. 1959 verabschiedete der Bundestag ein Rundfunkgesetz für den Radiobetrieb der "Deutschen Welle" und des Deutschlandfunks. Während die DW sich vor allem an das Ausland richtete, war es Aufgabe des Deutschlandfunks, den Gedanken der Wiedervereinigung zu bewahren und eine publizistische Brücke in den Osten zu schlagen, so der Rückblick 2010.

Über sechzig Jahre nach der Verlängerung an internationalen Wellenplänen vorbei verschwindet Deutschland nun von der Langwelle. Man werde statt dessen in den weiteren Ausbau des modernen DAB+-Sendernetzes investieren, so eine Pressemitteilung des Deutschlandradios vom 28.11.14. Man folge mit der Abschaltung der Langwellenfrequenzen den Vorgaben der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs (KEF).

Noch vor zwölf Jahren notierte der "Spiegel" eine Renaissance der Kurz-, Mittel- und Langwelle - Anlass war eine Technologie, die Lang-, Mittel- und Kurzwellenausstrahlungen sowohl akustisch als auch energiewirtschaftlich effizienter machen sollte:

Nun aber kommt neues Leben in die gebrechliche Funktechnik. Von Mitte des Jahres an werden die Sendungen zunehmend digital statt analog ausgestrahlt. Ein trickreicher Chip verbessert den Empfang auf allen Geräten, die damit ausgerüstet sind - auch unterwegs, etwa im Auto. Der Klang erreicht dann fast die gewohnte UKW-Qualität, wenn auch vorerst nur in Mono.

Allerdings seien die Skaleneffekte, die in der Produktion digitaler Radioempfänger zu annehmbaren Preisen führten, nur bei entsprechendem Interesse der großen Flächenstaaten erreichbar, so damals der "Spiegel". Zumindest China arbeite lebhaft in einem internationalen Konsortium von Elektronikfirmen und Radiosendern zur Einführung des "Digital Radio Mondiale" (DRM) mit. Und die Deutsche Welle jubelte: DRM - brief history, great future.

In China habe es Rundfunk auf Langwelle nie gegeben, vermerkt die Online-Enzyklopädie "Baidu-Baike". Radiohörer im Norden des Landes könnten allerdings russische Langwellensender empfangen - eine Bemerkung, die inzwischen veraltet ist: Russland schaltete seine Langwellensender alle oder fast alle schon vor Deutschland ab. DRM dürfte für China aber von Interesse bleiben: nach dem Lushan-Erdbeben im April 2013 sendete man ein Katastrophenschutzprogramm sowohl auf einer FM- als auch auf zwei Kurzwellenfrequenzen, und Indien verfolgt offenbar ebenfalls ehrgeizige Digitalisierungsprojekte. Um 2010 zog man dort einem Bericht des (sehr für die Kurzwellentechnik eingenommenen) Medienmagazins "Wavescan" zufolge in Betracht, zehn Prozent der seinerzeit 54 indischen Kurzwellensender digital nachzurüsten.

Im Westen aber hat sich die DRM-Euphorie offenbar weitestgehend verflüchtigt. Auch der Sender Zehlendorf, dessen Langwelle ab 2006 nachts für etwa zwei Stunden digital ausgestrahlt worden war, schaltete 2012 wieder auf den 24-Stundenbetrieb in der althergebrachten Amplitudenmodulation zurück.

Das war allerdings auch das Ende der staatlichen oder öffentlich-rechtlichen Bereitschaft, für den Erhalt oder gar Ausbau von Lang-, Mittel- oder Kurzwellensendern viel Geld aufzuwenden. Allein die Stromrechnung für Oranienburg-Zehlendorf dürfte jährlich etliche Millionen Euro betragen haben.

Zukunft der Langwelle

Russland und Deutschland sind in Europa offenbar Vorreiter bei der Abschaltung ihrer Langwellensender. Anderswo hat man es weniger eilig. In Polen war von einer für 2015 geplanten Abschaltung die Rede. Das aber soll Polskie Radio bestritten und statt dessen erklärt haben, man werde noch die nächsten 10-15 Jahre auf Langwelle aktiv sein, da noch immer rund 40 Prozent der Hörer des hier ausgestrahlten Programms Jedynka diesen Übertragungsweg nutzen und auch außerhalb Polens diese Frequenz eine gewisse Attraktivität besitzt.

Der tschechische Langwellensender Topolná sendet trotz zunächst anderer Pläne bis heute.


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Nachdem das Wortprogramm der BBC, Radio 4, im Herbst 2011 angeblich nur noch wenige Ersatzteile von der Streichung seiner Langwellensendungen auf 198 kHz entfernt gewesen sein sollte, beruhigte die Radio-4-Controllerin Gwyneth Williams die Fans des Senders in Droitwich, man werde möglicherweise noch ein ganzes Jahrzehnt auf der Langwelle senden.

Womöglich mehr Einfluss auf die BBC als die Fans des in Großbritannien ebenfalls auf Langwelle ausgestrahlten Seewetterberichts könnte allerdings die anglikanische Kirche gehabt haben, deren Vertreter im Oktober 2011 ein Gespräch mit mit Williams geführt hatten, und die ihre Besorgnis ausgedrückt hatten, das speziell auf Langwelle - und nicht im FM-Hauptprogramm - gesendete werktägliche Gottesdienstprogramm könnte damit für Langwellenhörer zukünftig ausfallen. Der "Daily Service" blickt auf eine über achtzigjährige Tradition zurück, und dass er auch auf DAB+ gesendet wird, war dem Klerus offenbar keine große Beruhigung.

Noch deutlicher ist der kirchliche Einfluss in Irland. Auch der irische Langwellensender Clarkstown sollte ursprünglich am 27. Oktober 2014 abgeschaltet werden. Ohnehin, so argumentierte der öffentlich-rechtliche Sender RTÉ, hörten 98 Prozent der Hörer den Rundfunk inzwischen auf anderen Verbreitungswegen. Die katholischen Bischöfe erhoben Einspruch: der Verlust der Langwellenausstrahlungen werde dazu führen, dass weniger Menschen religiösen Programmen zuhören könnten - und seien es auch nur zwei Prozent aller Hörer.

RTÉ entschied sich daraufhin für ein langsames Reduzierungsprojekt: 2015 solle weiterhin rund um die Uhr auf Langwelle gesendet werden; 2016 mit reduzierten Sendeszeiten, und für 2017 peile man die endgültige Abschaltung an.

Der Direktor des Catholic Communications Office, Martin Long, begrüßte die Entscheidung: dies lasse mehr Vorbereitungszeit und erlaube eine Planung für die Konsequenzen, die sich aus dieser bedeutenden Sende-Entscheidung ergäben.

Fazit: die Langwelle wird in Europa - da, wo sie überhaupt für Rundfunksendungen verwendet wird bzw. wurde - unterschiedlich schnell aufgegeben. Aber ihr Sinkflug scheint ein unumkehrbarer Trend zu sein. Außer in Frankreich: dort ist von Abschaltungen offenbar überhaupt keine Rede, und das, obwohl sich der Einfluss von Bischöfen auf den Sendebetrieb in Grenzen halten dürfte.



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Anmerkung

Zuletzt sendete Oranienburg-Zehlenburg auf 177 kHz. Irgendwo in dem Frequenzbereich zwischen eben dort und den 185 kHz, auf denen man ab 1950 sendete, war das Langwellenprogramm von damals bis Ende 2014 immer zu finden.

14:17 02.01.2015
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