Liu Xiaobo, 1955 - 2017

Nachruf Sein Leben ist zu Ende - das Ringen um sein politisches Vermächtnis beginnt.
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Liu Xiaobo, 1955 - 2017
Liu Xiaobo – vor dessen Mut man sich nur verneigen kann
Foto: ODD ANDERSEN/AFP/Getty Images

Es wird nicht lange dauern, und die erste post-mortem-Biografie über Liu Xiaobo wird erscheinen, aber sie wird nicht das letzte Wort haben. Es wird weitere Biografien geben, und jede davon wird umstritten sein - so wie Liu Xiaobo selbst.

Das liegt in der Natur des Mannes. Er stand im Gegensatz zu seiner chinesischen Umwelt, und er war - so sehr ihn manche seiner Landsleute auch hassen - einer ihrer Großen.

Dreißig Jahre - ungfähr so lange dauerte Liu Xiaobos politisches Leben - gelten in China als keine lange Zeit. Die KP Chinas wird nicht müde, die Bürger der "Volksrepublik" darauf hinzuweisen. Und gleichzeitig muss sie diese Bürger davon überzeugen, dass die letzten sieben Jahrzehnte ihrer Zivilisation die besten gewesen seien. Das ist ein springender Punkt: nicht die letzten vier Jahrzehnte, also die der "Reform und Öffnung", auf die sich die Parteiführung im Dezember 1978 festgelegt hatte, sondern auch die Jahre des Maoismus - die Parteipropaganda zielt zunehmend darauf, die Zeit vor und nach Maos Tod als eine politische Einheit zu vermitteln, die zusammengehöre und keine grundlegenden inneren Widersprüche aufweise.

Liu Xiaobo mag den Trend vorausgesehen haben: viele chinesische Regimekritiker - ob sie nun in China Gegner der kulturellen Restauration waren oder sind, oder ob sie eine vergleichbare Rolle gegenüber der nationalchinesischen Militärdiktatur im Taiwan der 1950er bis 1980er Jahre übernahmen - haben eine chinesische Selbstzufriedenheit und Selbstgerechtigkeit gefürchtet, die sich nicht nur selbst genug war, sondern sich obendrein, wie in vielen Jahrhunderten oder Jahrtausenden zuvor, als "Mitte" des Universums auffasste.

Kulturkritik war eine undankbare Mission - sie verschaffte "antichinesischen" Bilderstürmern wenig öffentliche Sympathie, und brachte sie immer wieder hinter Gitter.

Liu Xiaobos letzte Haftstrafe, die er 2009 antrat, und aus der er im Juni mit Krebs im Endstadium entlassen wurde, war mit "Untergrabung der Staatsgewalt" begründet worden. Aber dieser Vorwurf reflektierte nur die Furcht der KP Chinas vor ihm, und nicht den Graben, der zwischen Liu und dem Mainstream seines Landes - vermutlich, denn in einer totalitären Diktatur ist nichts gewiss - bestand.1)

Die 1980er Jahre waren eine Zeit des ökonomischen Aufbruchs - einerseits hoffnungsvoll, aber auch von Erscheinungen begleitet, die von der Öffentlichkeit als überaus negativ wahrgenommen wurden. Dazu gehörte nicht zuletzt die Korruption, die es nach landläufiger Ansicht unter Mao nicht gegeben habe, und die ein Teil des Feudalismus gewesen sei, der nun wieder in Erscheinung trete.

Lius Antwort darauf lautete "Verwestlichung" - eine für ihn alternativlose Medizin für Chinas (nicht nur von ihm als solche empfundenen) "Krankheiten". Mehrere Auslandsaufenthalte, in Amerika und in Europa, hatten ihn in seiner Überzeugung offenbar bestärkt, so wie Deng Xiaoping bei einem Besuch in Singapur seinen nachhaltigen Kulturschock erhielt.

Darin freilich lag schon ein Unterschied zwischen dem großen Staatsmann und dem großen Dissidenten: Singapur, ein von einem Familienclan geführter, wirtschaftlich hoch entwickelter Stadtstaat, gilt selbst in Taiwan autoritäreren Persönlichkeiten als das lohnendere Urlaubsziel, wenn sie die Wahl zwischen Singapur und Hong Kong haben: die Ex-Kolonie der Briten am Perlflussdelta sei zu schmutzig und unordentlich.

Liu Xiaobos Modellwahl fiel auf das Hong Kong der 1980er Jahre. Es war im übrigen auch just die Kronkolonie, die dem damals gut Dreißigjährigen eine gewisse mediale Wirkung ermöglichte - und in einem der dort veröffentlichten Interviews (1988) mit Liu dürfte das Problem liegen, das die meisten Chinesen mit Liu haben - selbst dann, wenn sie vor seinem kompromisslosen Mut Respekt empfinden. Hier eine Wiedergabe des Interviewauszugs durch den Hong Konger Blogger Roland Soong, gepostet 20102):

Q. What developmental stage do you think Chinese society is in?
A. It has not yet emerged out of an agrarian society.

Q. Is there any need to take remedial classes in capitalism?
A. It is essential.

Q. So should China follow the usual path for an agrarian society?
A. Yes. But it has to modify its totalitarian regime because it is looking at a crisis.

Q. Can China make fundamental changes?
A. Impossible. Even if one or two rulers want to, there is still no way because the conditions are not there.

Q. Under what circumstances can China carry out a genuine historical transformation?
A. Three hundred years of colonialism. Hong Kong became like this after one hundred years of colonialism. China is so much larger, so obviously it will take three hundred years of colonialism. I am still doubtful whether three hundred years of colonialism will be enough to turn China into Hong Kong today.

Q. This is 100% "treason."
A. I will cite one sentence from Marx's Manifesto of the Communist Party: "Workers do not have motherlands. You cannot take away what they don't have." I care about neither patriotism nor treason. If you say that I betray my country, I will go along! I admit that I am an impious son who dug up his ancestors' graves and I am proud of it.

Q. You are saying that you want China to take Hong Kong's path?
A. But history will not give this opportunity to the Chinese people. The era of colonialism has gone by. Nobody is willing to bear the burden known as China.

Q. What can be done? Isn't this too pessimistic?
A. There is no way out. I am pessimistic about humankind as a whole. But my pessimism is not escapism. I see before me one tragedy after another tragedy. But I will struggle and I will fight back. That is the reason why I like Nietz[s]che and I don't like Schopenhauer.

Nicht nur (als solche empfundene) Beleidigungen gegen das Vaterland, sondern auch Pessimismus, wirken in China demotivierend. Ohne up-with-people-Sound, ob nun maoistisch oder auch westlich, bewegt sich im modernen Reich der Mitte nichts.

Und einen ebenfalls entscheidenden Punkt erwähnte Soong im Zusammenhang mit seiner Übersetzung des 1988er Interviews: Wenn die Charta 08 (oder eine andere Botschaft) keine Verbindung zu vielen Menschen anderer sozialer Schichten findet, bleibt sie eine mentale Übung unter "public intellectuals".

Als Roland Soong notierte, dass sich in der Berichterstattung über den Friedensnobelpreisträger kaum Erwähnung fand, was Liu selbst geschrieben hatte, war die globale Bankenkrise rund zwei Jahre alt - und mindestens ein Absatz, der in der Charta 08 zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung noch als überreif gelten konnte, war mittlerweile vom Baum gefallen: die 14. These der Charta forderte nicht nur den Schutz von Privateigentum, sondern eine Kommission für Staatseigentum, das dieses Vermögen "in einem fairen, wettbewerbsbetonten und ordentlichen Verfahren in Privateigentum überführen" solle.

Darin besteht zwischen Liu und der Parteiführung nicht notwendigerweise ein Widerspruch (was die Parteiführung mit den noch vorhandenen Staatsbetrieben vorhat, wird sich zeigen müssen), wohl aber zwischen Liu und den von Soong erwähnten sozialen Schichten außerhalb des Intellektuellentums. Soweit chinesische Normalverbraucher sich für öffentliche Belange interessieren, scheinen sie eher einer Erhaltung des Staatssektors als einer Privatisierungswelle zuzuneigen - davon ganz abgesehen, dass man sich ein "faires, wettbewerbbetontes und ordentliches" - also weitgehend korruptionsfreies - Verfahren kaum vorstellen kann.

In ihrem Vorwort schrieben die Autoren3):

Nach einem langen, quälenden Prozess menschenrechtlicher Katastrophen und des Kampfes wird Chinesen mit einem erwachenden Bewusstsein immer deutlicher, dass Freiheit, Gleichheit und Menschenrechte gemeinsame universelle Werte der Menschheit sind, dass Demokratie, Republik und verfassungsmäßige Regierung den grundlegenden Rahmen moderner Politik bilden.

在经历了长期的人权灾难和艰难曲折的抗争历程之后,觉醒的中国公民日渐清楚地认识到,自由、平等、人权是人类共同的普世价值;民主、共和、宪政是现代政治的基本制度架构。

Liu und seine Ko-Autoren wussten, dass sie bei weitem nicht alle Bürger der VR China auf ihrer Seite hatten, sondern allenfalls eine kritische Minderheit. Und tatsächlich ging der quälende Prozess weiter. Die Erziehungsdiktatur, zu der dieser Prozess nun zunehmend gerät, fördert Kadavergehorsam anstelle von politischem Bewusstsein, und hat damit Erfolg: wer lange genug verprügelt wurde, hat der Propaganda der Machthaber nichts entgegenzusetzen, und das umso weniger, wenn diese Machthaber der Mehrheit der Bevölkerung eine Perspektive vermitteln, der zufolge sie mit einer Besserung ihrer wirtschaftlichen Verhältnisse rechnen, oder zumindest darauf hoffen können. Die kollektiven Erfahrungen der dreißig Jahre, die der Charta 08 vorausgingen, schienen das zu bestätigen, und die wirtschaftliche Krise des Westens, just ab 2008, wirkte wie eine Offenbarung.

Hier mag eine wesentliche Linie des Konflikts zwischen Liu und vielen seiner Landsleute liegen. Nur harte Macht - man mag sie "Volksmacht" oder "Obrigkeit" nennen - schafft in den Augen der vieler, wenn nicht der meisten, Chinesen Realitäten. Sind es gute Realitäten, muss man politisch nicht mitmischen. Sind es böse Realitäten, kann man politisch nicht mitmischen. Und sind es gemischte Realitäten, muss oder kann man nicht mitmischen. Die Macht der Machtlosen ist in einer solchen Welt keine Realität - es sei denn, die Realitäten beginnen, wahrnehmbar zu kippen, so dass eine Neuorientierung geboten scheint.

Darin liegt ein stabilisierender Faktor, so lange die Realitäten bleiben, was sie zu sein scheinen. Aber der Schein kann trügen; manchmal bis zuletzt. Wer von den Ägyptern, die 2011 ihren langjährigen Präsidenten mit kolossalen Massendemonstrationen stürzten, hatte einige Wochen davor schon gewusst, dass er ihn unbedingt loswerden wollte? Nicht ein Bewusstsein, sondern ein Gefühl, war umgeschlagen.

Ein manipuliertes öffentliches Bewusstsein ist wetterwendisch, und darin liegt wiederum ein destabilisierender Faktor.

Die chinesische Führung fürchtete Liu Xiaobo - so sehr, dass sie ihn nicht ausreisen lassen wollte, so lange er noch ein Wort sprechen konnte. Aber noch mehr als auch die größten Intellektuellen fürchtet sie vermutlich das politisch gefärbte, landesbreit verbreitete religiöse Sektenwesen, das in China eine mindestens so lange Tradition hat wie das Gelehrtentum. Falun Gong ist nur eine der neueren Ausprägungen davon.

Damit, dass die KP Chinas nicht nur zu Maos Zeiten, sondern auch nach 1978, die öffentlichen Intellektuellen ausschaltete, gab sie einer nervösen Stimmungspolitik Raum. Sie will das öffentliche Bewusstsein selbst lenken, und nichts dem Zufall überlassen.

Aber Zufälle sind unvermeidlich. Viel spricht dafür, dass ein totalitärer Machtanspruch ihnen gegenüber auf Dauer versagt.

Insofern vergab die KP-Führung mit der Unterdrückung Liu Xiaobos und seiner politischen Freunde eine entscheidende Reform- und Modernisierungschance.

Was von der Charta 08 einstweilen bleibt, ist der Mut, den ihre Autoren vor neun Jahren bewiesen, als sie ihre Forderungen formulierten, und mit dem weitere Chinesen diese Forderungen mit ihrer Unterschrift bekräftigten.

Das hatte für jeden von ihnen seinen mehr oder weniger hohen Preis, und nicht zuletzt ihre Angehörigen zahlten ihn mit - so wie Liu Xia, die zunächst gehofft hatte, ihr Mann werde auf die Miterarbeitung und Veröffentlichung der Charta verzichten. Sie war aber nicht bereit, sich von ihm zu distanzieren. Seit seiner letzten Verhaftung vor neun Jahren war sie seine - chronisch überlastete - Brücke zur Welt.

Niemand muss den Mut der Lius aufbringen, ohne dass Verbundenheit oder Gewissen ihn dazu bringen. Den von anderen oder von sich selbst zu fordern wäre - tendenziell - eine große Überforderung. Aber es wäre viel gewonnen, wenn diejenigen, die Liu Xiaobo für seinen Mut und für ihre eigene Mutlosigkeit hassen, sich klarmachen würden, dass ihr Hass sich an die falsche Adresse richtet. Zum Stillhalten mögen sich viele veranlasst sehen, zu Recht oder zu Unrecht. Willkür sollte jedoch zumindest erkannt werden. Die eigene Duldung des Unrechts zu leugnen oder ins Unterbewusste zu verdrängen macht den Einzelnen nicht weniger krank als das Kollektiv.

Möge Liu Xiaobo unvergessen bleiben, und möge Liu Xia Trost und Erholung finden.

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1) Laut Hu Jia, einem Freund Lius, wusste nur etwa ein Beijinger aus hundert, wer Liu Xiaobo war.

2) Unausgesprochen geht Soong, selbst Hong Konger, immer wieder den Grenzen dessen nach, was Festlandchinesen an "Beleidigungen" zu ertragen bereit sind, wenn es denn der Wahrheitsfindung dient - und was nicht. Vergl. hier eine auf deutsch zitierte Übersetzung Soongs aus dem Chinesischen, ab ... gab Michael Anti in seinem Blog einen grimmigen Kommentar ab ...

3) das von mir verlinkte Original und Perry Links Übersetzung stimmen nicht immer wortgleich überein.

16:18 13.07.2017
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Geschrieben von

JR's China Blog

Marxisten können die Zukunft vorhersagen. Das mit der Vergangenheit ist komplizierter.
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