Mündige Bürger bauen sich ein Denkmal

Xavier Naidoo O dass ich tausend Zungen hätte
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Man kann aus vielen Anlässen große Denkmäler errichten. Publizistisch ist es natürlich weder im Bau noch nach seiner Vollendung direkt anzusehen - aber wie groß es wird, merkt man zum Beispiel daran, wie lange darüber geschrieben wird.

Es reicht nicht, gute Musik zu machen - wobei wir jetzt keinen Streit darüber anfangen wollen, was gute Musik ist. Ich jedenfalls nicht. Ist nicht mein Fachbereich.

Man muss als Musiker auch auffallen, das verstehe ich. Sonst bleibt man der nette Gelegenheitsmusiker von nebenan, der bestenfalls auf den Hochzeiten seiner besten Freunde spielen darf.

Xavier Naidoo gilt als "umstritten". So umstritten, dass selbst Menschen, die seine Kunst nicht die Bohne interessiert, von ihm Kenntnis nehmen müssen. Ich sag's noch mal: müssen. Ich bin ein Opfer. Ich bin ein Opfer der - möglicherweise noch nicht einmal im Geringsten aus dem Ruder gelaufenen - Shitstormwerbung, deren Wahrnehmung ich so wenig abbestellen kann wie einen vierzig-mal-vierzig Meter großen kontinuierlich kackenden Papparsch auf dem Bahnhofsvorplatz, durch den ich täglich durch muss, weil links und rechts davon Schienen verlaufen, deren Betreten mir verboten ist.

Da nützt es mir nichts, dass ich mir keine ESCs anschaue (vor zehn Jahren oder mehr habe ich es einmal versucht und bin nach einer halben Stunde eingeschlafen).

Was ist passiert? Was passiert immer noch? Was wird auch morgen wieder passieren?

Xavier Naidoo präsentiert "unbequeme Wahrheiten". Damit fällt er auf. Dass medial gerne - und obendrein unreflektiert - darauf angesprungen wird, stimmt zweifellos. Dass Naidoo oder andere Sünder aber auf politisch korrekten Kriegspfaden feindlich-antideutsch gesinnter Bobos fertig gemacht würde, ist ein krasses Missverständnis. Natürlich werden in Deutschland Menschen fertiggemacht - das sind aber meistens welche, die im Umgang mit selbst gemachter oder von anderen gemachter heißer Luft »ungeübt sind und über keinen persönlichen Ventilator (Eigentum an Produktionsmitteln) verfügen.

Solche Probleme hat Naidoo nun wahrlich nicht. Sein zweideutiges Gelaber funktioniert prima, und die kritischsten aller Kapitalismuskritiker sind gebrochen begeistert. Gebrochen begeistert, weil sie ja eigentlich die Gesamtsituation irgendwie doof finden, aber weil doch schließlich schon Voltaire gesagt hat ...

Ist klar. Und Jesus sprach, in meines Vaters Haus sind viele Wohnungen.

So geht Showbusiness. Beim Business hört der Spaß auf. Darum ist es auch ganz normal, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk par Ordre du Mufti entschied, Xavier Naidoo solle "uns" beim European Song Contest (ESC) vertreten. Für solche autoritären Entscheidungen ist der Rundfunk ja da - wenn man von kleinen Unfällen wie diesen mal absieht. Und Naidoo wäre ein würdiger Vertreter gewesen. Also, ein würdiger Vertreter für den NDR.

Ich sagte es wohl schon - zuviel der Aufmerksamkeit. Auch gegen ein Dichtwerk aus ganz anderer Zeit hätte man Petitionen aufsetzen können. Über Frauen mit Umgangsformen, Erscheinungsformen oder auch Ideen, die dem Verfasser nicht gefielen:

Wenn's doch Mode würde diesen Kröten
jede Öffnung einzeln zuzulöten!

Naja, das rutschte damals so durch. Der Dichter hieß Erich Kästner, und er schrieb und veröffentlichte das ebenfalls nicht als Pennäler. Und bestimmt hatte das alles einen tieferen Sinn, den nur Kunstverständige beurteilen können.

Aber es gibt mindestens einen bedeutenden Unterschied. Kästner behauptete nicht, im Namen der Liebe aufzutreten. Er machte kein Hehl aus seinen Gefühlen. Und es waren ja wirklich ganz besondere Zeiten. Ein Weltkrieg lag bereits hinter ihm und seinen Landsleuten, und Deutschland war bereits auf dem Weg in das, was man mitunter behelfsweise einen Zivilisationsbruch nennt. Im Lichte dessen, was da kam, fiel die kleine barbarische Verbalexekution wohl nicht sonderlich auf.

Man gut, dass wir in besseren Zeiten leben und mündige Bürger sind. Nichts ist wichtiger als Mund.

Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.

12:36 14.12.2015
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Geschrieben von

JR's China Blog

Wer Demokratie für selbstverständlich hält, hat sie vermutlich geschenkt bekommen.
JR's China Blog

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