Mutmaßungen über die Demokratische Partei

Amerika Wenn die Demokratische Partei in vier Jahren wieder das Land regieren wollte, müsste sie sich ändern.
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Als Bill Clinton vor einem Vierteljahrhundert Präsident werden wollte, hatte er sichtliche Probleme, entspannt mit einem Aufreger umzugehen: 14 percent of the registered voters in America wouldn't vote for a candidate who's had an extramarital affair. Ihm konnte nur noch seine Frau helfen:

Wissen Sie, ich sitze hier nicht als kleine Frau, die zu ihrem Mann steht wie Tammy Wynette. Ich sitze hier, weil ich ihn liebe, und ihn respektiere, und weil ich anerkenne, was er durchlebt hat und was wir zusammen durchlebt haben. Und wissen Sie, wenn das jemandem nicht gut genug ist, dann wählen Sie ihn halt nicht.

Das war nicht besonders gut formuliert - Hillary Clinton gilt nicht umsonst als schlechte Rednerin. Aber es galt danach jahrelang als legendärer Befreiungsschlag für eine eigentlich schon erledigte Kandidatur.

Würde jemand Hillary Clinton heute unter vier Augen fragen, ob sie die parteiinternen und medialen Obstruktionsversuche gegen die Sanders-Kandidatur für ein Ruhmesblatt halte, würde sie wahrscheinlich lächeln und auf zwei andere Themen*) wechseln. Und lächeln, und auf ihre zwei Themen bestehen. Und lächeln, und auf ihre zwei Themen bestehen.

Nun waren die Leaks aus dem National Committee der Demokratischen Partei nicht nur Aufreger. Sie schockten zwar keinen aufmerksamen und nüchternen Beobachter - den davon direkt betroffenen Bernie Sanders selbst, zum Beispiel, erstaunten sie gar nicht -, aber sie schufen einen Fakt anstelle einer Vermutung. Fakt: im DNC waren Überlegungen angestellt worden, wie man eine Nominierung Sanders verhindern könne. Und dieser Fakt wiederum machte vorher auch schon Vermutetes noch vermutbarer: dass es Entscheidungen oder auch Nicht-Entscheidungen im Komitee gab, die Sanders seinen Nominierungswahlkampf tatsächlich erschwerten.

Das ist ein Problem. Es war - und bleibt - ein Fehler, das Problem zu ignorieren: dass die Demokratische Partei keine Freundin der Demokratie ist, obwohl sie sich nach ihr benannt hat.

Wenn schon Bill Clinton die Kontroversen seiner Zeit nicht einfach ignorieren konnte, so konnte sich Hillary Clinton - sofern sie wirklich gewinnen wollte - ein Weglächeln der Leaks erst recht nicht leisten.

Hier kam offenbar zweierlei zum Tragen: zum einen Angst des Dem-Parteiestablishments vor einer Präsidentschaft Trumps. Nicht nur die Reihen, sondern auch die Münder, schlossen sich. Aber die Inhalte der Leaks selbst deuteten auf eine noch größere Angst der Parteiführung vor Bernie Sanders, als vor Trump. Ihre Angst vor Sanders war eine Angst um die eigene Macht in der Partei. Mochte Clinton immerhin gegen Trump verlieren. Die Dems waren, was sie bleiben. In just dieser Verfassung werden sie in zwei und vier Jahren wieder landesweit antreten, und das verspricht nichts Gutes.

Nachdem Sanders aus dem Rennen war, hätte allerdings noch eine paradoxe Intervention Hillary Clintons - oder besser noch: eine Intervention ihres Mannes - helfen können. Etwa so: Ja, es sind im DNC Dinge passiert, die nicht hätten passieren dürfen. Ja, wir werden die Partei demokratisieren. Und wenn ihr uns nicht glaubt, dann wählt ihr eben Trump.

Das hätte vielleicht nicht viele demobilisierte oder demoralisierte potenzielle Dem-Unterstützer zur Wahlurne gebracht, denn Glauben ist Erfahrungssache. Aber bei knappen Wahlergebnissen soll ja jede Stimme zählen.

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*)
1. Trump ist schlimmer als wir.
2. Moskau ist schuld.

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10:19 10.02.2017
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Geschrieben von

JR's China Blog

Marxisten können die Zukunft vorhersagen. Das mit der Vergangenheit ist komplizierter.
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