Nach Jang Sung-taeks Sturz: China forscht

Nordkorea Die Hinrichtung des früheren "zweiten Mannes" der nordkoreanischen Führung lässt an Pjöngjangs Berechenbarkeit zweifeln. War sie irrational?
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Nach Jang Sung-taeks Sturz: China forscht
Jang Song-thaek vor seiner Hinrichtung in den Nachrichten in Seoul am 13.12.2013

Foto: Woohae CHO/ AFP/ Getty Images

Dreifach fluchwürdig habe Jang Sung-taek (oder Chang Sung-thaek), der angeheiratete Onkel des nordkoreanischen Führers Kim Jong-un und bis zu seiner Entmachtung am 8. Dezember vermutlich zweitmächtigste Nordkoreaner, gehandelt. Im Kern konstatierte eine erweiterte Sitzung des Politbüros der "Arbeiterpartei Koreas" - der nordkoreanischen Nachrichtenagentur KCNA zufolge - Handlungen der "Jang-Gruppe" gegen die Partei sowie "konterrevolutionäre" Handlungen. Wenige Tage zuvor war Jang aus einer ZK-Sitzung heraus verhaftet worden. Jangs Gruppe habe versucht, ihre Macht auszuweiten und versucht, die einheitliche Führung der Partei zu unterminieren, so KCNA.

Aber die Propaganda liefert der nordkoreanischen "Öffentlichkeit" auch anschaulicheres Material. Jang habe nordkoreanische Bodenschätze zu billig verkauft, sei ein Frauenheld gewesen, habe Drogen konsumiert und Devisenvorräte des Landes in Casinos verjubelt. Und er sei - versteht sich - ein Liebhaber kostspieliger Restaurants gewesen.

Verlässliche Informationen über die Gründe für den Sturz Jangs sind kaum zu haben. Adam Cathcart, Mitbetreiber der Website "Sino-NK", die sich vor allem mit chinesisch-nordkoreanischen Verbindungen befasst, konzentriert sich auf einen KCNA-Artikel vom 13.12.:

Jang beging solch einen unverzeihlichen, dreifach fluchwürdigen Verrat, sich mit persönlichen Rechnungen offen und verdeckt in den Weg einer Nachfolgeregelung in der Führung zu stellen, als die sehr wichtige Angelegenheit diskutiert wurde, Kim Jong-un in hoher Wertschätzung als einzigen Nachfolger Kim Jong-ils als Ausdruck des einmütigen Wunsches und Willens der ganzen Partei, der Armee und aller Menschen zu sehen.

Und als diese Wünsche ihre Erfüllung gefunden hatten und die Konferenzhalle im Herbst 2010 nach der Wahl Kim Jong-uns zum Vizevorsitzenden der zentralen Militärkommission auf der dritten Konferenz der Partei (noch zu Lebezeiten seines Vaters Kim Jong-il) unter dem Jubel der Delegierten erzitterte, habe Jang sich arroganter- und unverschämterweise nur unwillig von seinem Platz erhoben, was gewaltigen Groll ausgelöst habe.

Ebenfalls am 13.12. ließ KCNA (laut BBC) verlauten, Jang habe

törichte Träume geträumt, der Art, dass dank seiner im Ausland bekannten abscheulichen wirklichen Farben als "Reformer" seine neuen Regierung [nach einem erfolgreichen Putsch] binnen kurzer Zeit vom Ausland anerkannt werde.

Was ein früherer nordkoreanischer Machthaber wie Jang in einem nordkoreanischen Prozess - angeblich oder tatsächlich - an Geständnissen ablegt, kann nicht als verlässlich gelten. Als Inszenierung allerdings, die sowohl in Nordkorea als auch im Ausland möglichst glaubhaft wirken soll, ergäbe ein angeblich lauwarmer Applaus Jangs vor über drei Jahren - den er ebenfalls gestanden haben soll - durchaus Sinn. Immerhin bestehen zwischen dem chinesischen und dem nordkoreanischen Nachfolgemodell seit dem Machtantritt von Kim Jong-uns Vater Kim Jong-il im Jahr 1994 durchaus Unterschiede. Beijing hatte sich nach Maos Tod 1976 nicht dazu entschieden, eine Dynastie zu gründen. Im Gegenteil: mit Maos Witwe Jiang Qing wurde in einem Schauprozess abgerechnet, und Deng Xiaoping, der nicht unbedingt als Maos erste Wahl gelten konnte und sich trotzdem ab 1978 politisch an die Parteispitze kämpfte, entwarf für die Zeit nach seinem Tod ein Nachfolgesystem, in dem kollektive Parteiführungen einander ablösen sollten, wenn auch mit einem jeweiligen Generalsekretär der Partei als "Kern" der jeweiligen, zeitlich begrenzten Führung. Kim Jong-il folgte seinem Vater - dem nordkoreanischen Staatsgründer Kim Il-sung - in der Führung des Landes - so, wie nach seinem Tod Ende 2011 sein Sohn Kim Jong-un die Macht von ihm übernahm.

Jang - soviel darf als recht sicher gelten - konnte der chinesischen Politik der "Reform und Öffnung", die ab 1978 an Zugkraft gewann, mehr abgewinnen als manch anderer nordkoreanischer Spitzenfunktionär. Und Beijing hörte nie auf, in Pyongyang für weniger Politik und mehr Ökonomie zu werben. "Hört auf mit dem Quatsch und verdient etwas Geld", so fasste Cathcart die Botschaft der chinesischen Presse an Pyongyang Ende 2010 (allerdings in seinen eigenen Worten) zusammen.

Aus Beijinger Sicht sind die neuesten Ereignisse in Pyongyang vermutlich nicht welterschütternd. Sie sind vielleicht - anders als offenbar für große Teile der internationalen Presse - nicht einmal ein besonders großer Schock. Aber sie stellen einen außenpolitischen Gesichtsverlust für Beijing dar, sie gefährden zumindest indirekt die Sicherheit chinesischer Staatsbürger in Nordkorea (und damit eine weitere wirtschaftliche Zusammenarbeit), und sie bedeuten zusätzliche Unwägbarkeiten in der von Seoul, Washington, Beijing, Tokio und Moskau angestrebten "Denuklearisierung" der koreanischen Halbinsel.

Die Website des Beijing-nahe Hong Konger TV-Senders "Fenghuang" (Phoenix) zitierte am Montag den chinesischen Außenminister Wang Yi mit der Aussage, man bemühe sich um eine Einschätzung des "Jang-Sung-taek-Zwischenfalls" und sei im Kontakt mit allen Parteien, um möglichst bald eine Wiederaufnahme der Sechsparteiengespräche zu erreichen. Wang habe Telefongespräche mit dem russischen und amerikanischen Außenminister sowie mit dem UN-Generalsekretär geführt und die hauptsächlichen Fragen, einschließlich Nordkorea, mit ihnen besprochen. Als Nachbar Nordkoreas hoffe China auf politische Stabilität und wirtschaftliche Entwicklung in Nordkorea. Als Reaktion auf Reporterfragen ging Wang auf U.S.-Außenminister Kerry's Einschätzung ein, dass die Lage in Nordkorea nicht stabil sei. Eben die Stabilität in Nordkorea versuche China zur Zeit zu beurteilen, so Wang. "In Nordkorea sind in der Tat einige Veränderungen aufgetreten. Wir beobachten die innere und äußere Politik Nordkoreas kontinuierlich und hoffen und glauben, dass es keine großen Änderungen geben wird."

Es war nicht Jangs erster Sturz gewesen. Schon 2004 wurde er offenbar für die Dauer von etwa zwei Jahren entmachtet, überlebte aber und wurde nach etwa zwei Jahren rehabilitiert.

Wie schon sein Vater Kim Jong-il lässt sich auch Kim Jong-un mit einem Antrittsbesuch in Beijing Zeit: die Hegemonialmacht muss warten. Darin mag sich die Haltung ausdrücken, dass Pyongyang sich im Zweifel selbst genügt und sich auf Beijing als Patron nicht angewiesen sieht, oder auch die Furcht Kims vor einem Putsch in seiner Abwesenheit - je nachdem, wie glaubhaft zum Beispiel die Bedrohung für seine Herrschaft ist, die von Jang und seiner "Gruppe" ausging. Ein regelmäßiger Besucher in China war hingegen Jang Sung-taek selbst, auch wenn er bei einem seiner letzten Besuche, im August 2012, nicht viel Erfreuliches für die chinesische Führung im Gepäck hatte:

Jang Sung-taek erklärte, Genosse Kim Jong-un messe den freundlichen nordkoreanisch-chinesischen Beziehungen große Bedeutung bei, und die tiefe bilaterale Freundschaft werde gewiss durch die Generationen weitergegeben und kontinuierlich neue Höhen erklimmen. Die [wirtschaftliche] Entwicklungszusammenarbeit in den zwei Wirtschaftszonen [Rason und Hwanggumphyong] habe einen substanziellen Grad erreicht, die nordkoreanische Seite wünsche eine enge Arbeit mit der chinesischen Seite, eine Beschleunigung und Förderung der in Rede stehenden Arbeit, um die Zusammenarbeit größeren Erfolg erzielen zu lassen.

Viel mehr Begeisterung Jangs als - angeblich - in seinem Applaus für Kim Jong-un zwei Jahre zuvor drückte sich in jenem chinesisch-nordkoreanischen Kommunique offenbar nicht aus. Dazu fehlte ihm wohl auch der Spielraum: während sich Jang in Beijing mit chinesischen Spitzenpolitikern traf, erlebten Mitarbeiter eines chinesischen Unternehmens in Nordkorea chinesischen Presseberichten zufolge Szenen, die eher der Situation amerikanischer Botschaftsangehöriger im revolutionären Teheran 1979 ähnelten als der von Überseechinesen in einem "Bruderstaat".

Unfreundlichkeiten oder Unbotmäßigkeiten gegenüber der chinesischen "Mitte" sind in Korea keineswegs ohne Beispiel. Die koreanischen Eliten empfanden sich nach Einschätzung mancher Koreanistiker auch in vergangenen Jahrhunderten als konfuzianisch "reiner" gegenüber dem weiteren Ausland als ihre chinesische Hegemonialmacht. Ob es allerdings als konfuzianisch gelten darf, enge Verwandte nicht nur zu stürzen, sondern auch gleich noch hinzurichten, steht auf einem anderen Blatt.

Einen besonders Abgrenzungsversuch gegenüber Beijing mag man darin allerdings durchaus sehen - wenn auch vielleicht eher auf einem nationalistischen als auf einem konfuzianistischen Ticket. Und auch Angst - realistisch oder paranoid - vor einem chinesischen Versuch, in Pyongyang einen "regime change" zu betreiben, kann die derzeitige "Säuberungswelle" ausgelöst haben. Nationalismus ist prägend für das Verhältnis vieler ostasiatischer Länder zu China - Nordkorea ist davon trotz des faktischen Bündnisses mit Beijing, und trotz seiner Abhängigkeit von chinesischen Energie- und Nahrungsmittellieferungen, wohl keine Ausnahme. Und so lange die Lieferungen aus China nicht ausbleiben, verschafft sich das Regime in Pyongyang Spielraum gebenüber allen an den Sechsparteiengesprächen beteiligten Mächten - China inklusive.

Wie weit die Verfolgung der unterstellten "Jang-Gruppe" um sich greift, bleibt einstweilen offen. Jangs Ehefrau Kim Kyong Hui, eine Schwester des früheren Machthabers Kim Jong-il und damit eine leibliche Tante Kim Kong-uns, soll Berichten zufolge weiterhin ihre Partei- und Armeefunktionen ausüben, und einer ersten nordkoreanischen Wortmeldung zufolge sei keine Änderung der Wirtschaftspolitik beabsichtigt.

Ist Nordkorea noch gefährlicher geworden? Hat der chinesische Einfluss in Pyongyang zu- oder abgenommen? Es gibt keinen sicheren Blick in die Zukunft. Aber es gibt eine chinesisch-koreanische Geschichte, die vielleicht einige Hinweise enthält.

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07:23 17.12.2013
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Geschrieben von

JR's China Blog

Wer Demokratie für selbstverständlich hält, hat sie vermutlich geschenkt bekommen.
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