"Der Wahnsinn geht weiter"

Nordkorea "Kim Jong-Bumm - Nordkoreas verrückter Atomkrieger" lautet die Titelgeschichte des "Spiegel" diese Woche
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Unha-3
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Foto: KNS/AFP/Getty Images

Der Name sagt's: gemeint ist kein deutscher Tennis-Veteran, sondern Kim Jong-un. Aber wenn es um Nordkorea geht, muss eben auch für einen Spiegel-Titel das Niveau einer auflagenstarken Boulevardzeitung reichen.

Und das reicht der Leserschaft ja anscheinend auch. Nordkorea in der deutschen Presse ist ein Bühnenstück: bizarr, irrsinnig, und schon im Februar 2012 galt - laut Spiegel: der Wahnsinn geht weiter. Gott sei Dank. Sogar Menschen mit formaler Hochschulreife "diskutieren" das Thema auf diesem Level.

Denn wer interessiert sich schon für Erfolgsgeschichten? Südkorea, Taiwan, oder Singapur, zum Beispiel? Oder - immerhin eine materielle Erfolgsgeschichte - China? Solchen Stories nähert man sich zwar mit mehr Respekt als dem Kim-Staat, kann aber als Journalist offenbar ebenfalls kaum umhin, auch diese immer wieder mit etwas Ironie zu verbrämen. Das schafft Distanz, und die ist dringend nötig. Denn technisch oder wirtschaftlich "überholen" dürften "die" uns ja eigentlich gar nicht. Eigentlich sind die ja alle kim, also eine latente gelbe Gefahr. Wenn sie nur nicht so gut fürs Business wären.

Geschäftliche Bedenken kann man im Fall Nordkoreas bedenkenlos beiseite wischen - und fertig ist das Schreckgespenst.

Gelegentlich kolportiert werden die dynastischen Narrative Nordkoreas. Insbesondere das Kimsche Weihnachtsevangelium wird immer wieder gerne genommen: wie Kim Jong-il, Sohn des nordkoreanischen Staatsgründers und Vater Kim Jong-uns, 1942 angeblich in einem geheimen Militärlager auf dem Baekdu-Berg (im japanisch besetzten Gebiet) geboren wurde, wie ein doppelter Regenbogen seine Geburt ankündigte, und ein neuer Stern am Himmel erschien. Jong-ils Vater Kim Il-sung soll fromme protestantische Eltern gehabt haben - eine wunderschöne Pointe. (Und noch dazu eine, bei der sich der Leser auskennt.)

Die nordkoreanischen Narrative sind unbestreitbar äußerst selbstgenügsam. Sie werden permanent wiederholt, als erzähle die Führung dem Volk damit noch etwas neues. Das Problem ist nur: die deutsche Presse ist nicht weniger selbstgenügsam, wenn es um den angehenden Atomstaat geht. Das Land wird in der "freien Presse" präsentiert wie eine Dame mit Bart (oder Bombe), oder ohne Unterleib, oder als Geisterbahn. Ostasien at its worst, zur Befriedigung mittelalterlicher Sensationslust in Mitteleuropa.

Aber der Unterschied zwischen einem anständigen Zirkus einerseits und weiten Teilen der Presse anderseits liegt darin, dass das, was schwarz auf weiß berichtet wird, tendenziell nicht als Illusion aufgefasst, sondern für real gehalten wird. Dass es für den nordkoreanischen "Irrsinn" möglicherweise Motive gibt, die auch von europäischen Staatsführern für "rational" gehalten würden, wenn sie nicht gerade die Kim-Dynastie antrieben, wird üblicherweise nicht einmal in Betracht gezogen: das Ziel einer unabhängigeren Position sowohl von Amerika als auch China, zum Beispiel. Unter diesem Vorzeichen liegt es für Pyongyang durchaus nahe, beide Großmächte gleichzeitig zu "verärgern".

Nicht zu reden vom Nationalismus als Mittel zum Machterhalt für eine korrupte, verbrecherische nordkoreanische "Elite". Auf dem Auge wiederum sind viele "Linke" blind.

Nationalismus legitimiert viele Regime, nicht nur das nordkoreanische. Desinformation und Einschüchterung stabilisiert viele Regime, nicht nur das nordkoreanische. Aber wen interessieren schon die Hungertoten oder die Straflager? So lange Amerika an einem Konflikt beteiligt ist, knipst sein Schatten den meisten "Linken" das Licht aus. Der Rest des Schauplatzes bleibt unbesichtigt.

Als Palästinenser und Araber fühlte sich Edward Said im vorigen Jahrhundert ins Klischee gepresst. Es sei die Wahrnehmung des Westens gewesen, der Rechtfertigungen für die Kolonialpolitik westlicher Staaten geliefert habe, und es sei den arabischen Eliten anzulasten, dass sie sich die Sichtweisen westlicher Orientalisten zu Eigen gemacht hätten.

Man muss nicht rechts oder mainstream sein, um sich für derartige Kritik angreifbar zu machen - man kann dabei auch sehr links sein. (Und fast selbstredend wurde seinerzeit umgekehrt Said vorgeworfen, er habe den ganzen Okzident über einen Leisten geschlagen.)

Frank Welsh, gelernter (nicht hauptberuflicher) Historiker und Archiv-Besucher, stellte in A History of Hong Kong (1993) den Wissensstand des chinesischen Beamten Lin Zexu (Lin Tse-hsü) - dem Anti-Opium-Agenten des chinesischen Kaisers - wie folgt dar:

Die Briten, glaubte er, seien außerstande, ohne regelmäßige Zufuhr von Rhabarber und Tee zu existieren: 'Wenn China diese Vergünstigungen mitleidlos für diejenigen kappt, die darunter leiden, wie können die Barbaren sich am Leben erhalten?' Es gebe, so glaubte er, keine echte Möglichkeit eines Konfliktes - wie sollten die Barbaren hoffen, die Macht der Himmelsdynastie herauszufordern? Ihre Truppen konnten niemals an Land kämpfen, da ihre Beine zu gebunden waren, als dass sie hätten boxen oder ringen können. Ihre Schiffe mochten groß sein, aber hilflos in flachen Gewässern. Vor allem aber war Lin überzeugt davon, dass Großbritannien als Bittsteller nach China komme, so wie alle Barbaren [...]*)

Hat jetzt jemand gelacht? Vielleicht lohnt es sich statt dessen mal zu fragen, was wir eigentlich heute über Nordkorea wissen. Lins Theorien - wenn er sie denn hatte - entwickelten sich in den 1830er Jahren.

In jenem Jahrzehnt steckte die Telegraphie noch in ihren Kinderschuhen. Technisch zumindest sind wir bei der Informationsübermittlung mittlerweile weiter.

*) Frank Welsh: A History of Hong Kong, London, 1993.

Auch der rationale Zeitungsleser braucht ab und zu eine Gruselgeschichte. Je fremder, desto besser..

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Voice of Korea, 08.03.2013

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