Pan Basi macht, was wirklich zählt

Chinese in Syrien ---
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Pan Basi macht, was wirklich zählt
Freiwillige Kämpfer in Syrien

Bild: John Moore/Getty Images

Die Lage in China ist ernst. Soeben wurden laut Berichten in der Provinz Shanxi vier Terroristen verhaftet. Sie sollen Anschläge geplant und Moslems dazu angestachelt haben, nach Syrien zu reisen und zusammen mit dem IS zu kämpfen. Chinesischen Medienberichten zufolge, hier zitiert von der "New York Times", sind unter den chinesischen Passinhabern, die in Syrien einen "heiligen Krieg" kämpfen, auch Angehörige der "nationalen Minderheit" der Uighuren.

Es ist nicht zuletzt der Uighurenkonflikt, der auch aus manchen Chinesen "besorgte Bürger" macht. Da allerdings die Volksrepublik China ihre Kolonialherrschaft über das etwa zur Hälfte von Uighuren bewohnte Xinjiang sowohl international als auch in ihren heimischen Medien mit robuster Propaganda verteidigt, gilt derlei Besorgnis, anders als in Deutschland, in China keineswegs als anrüchig.

International geht China flexibler vor als zu Hause: als der IS den chinesischen Staatsbürger Fan Jinghui entführte, versuchten halbamtliche chinesische Unterhändler, eine Freilassung Fans auszuhandeln. Der IS soll dafür ein Lösegeld gefordert haben. Nach russischen und französischen Luftangriffen wurden einem Bericht der "South China Morning Post" zufolge, die sich auf wiederum halboffizielle Berichte und Zitate ("social media") der "Volkszeitung" bezieht, sowohl Fan als auch ein ebenfalls als Geisel festgehaltener Norweger vom IS ermordet.

Ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums erklärte im Nobember als Reaktion darauf, die chinesische Regierung verurteile die inhumane Handlung des IS und werde die Täter zur Rechenschaft ziehen. Man werde weiter an einer stärkeren internationalen Zusammenarbeit bei der Bekämpfung des Terrorismus arbeiten.

Unverzüglich fragte die BBC in einem Blogeintrag, ob dies den Eintritt Chinas in den "Krieg gegen den Terror" bedeute, den Beijing bis dahin vor allem in Xinjiang geführt habe. Auf eine eigene Prognose verzichtete der britische Sender.

Tatsächlich wird den vergleichsweise indignierten Reaktionen des chinesischen Außenministeriums - und des chinesischen Partei- und Staatschefs Xi Jinping - auf Fans Ermordung keine neue chinesische Außenp0litik folgen. Eine relativ unauffällige, kontinuierliche Nahostpolitik Beijings gibt es seit langem. Man versucht, zwischen Nahost- und inländischer Islampolitik eine sinnvolle Verbindung zu knüpfen, und was es an Zorn über diese Politik in der Bevölkerung arabischer Länder (oder auch bei türkischen Führern) geben mag, wird von chinesischen Diplomaten erbarmungslos mit Harmonie zugekleistert. Weder sieht man sich verpflichtet, von westlichen Mächten angeheizten Fehlentwicklungen auch noch chinesischen Vorschub zu leisten, noch sieht man Anlass zu kostspieligem militärischen oder entwicklungspolitischen Engagement bei der Linderung der Kriegsfolgen.

Wenn China von Zusammenarbeit mit Arabien spricht, ist vor allem eine geschäftliche Kooperation gemeint - und das heißt nicht zuletzt, Kontakt zu allen amtierenden und denkbaren zukünftigen Machthabern in der Region zu halten, soweit sie in Beijing nicht als Terroristen gelten.

Pan Basi ("Basi", gesprochen BasL) ist ein Name, den Pan sich dem Bericht zufolge zulegte, um für seine Familie unerkannt zu bleiben und sie nicht zu "beunruhigen") ist das zu wenig. Laut einem Bericht der chinesischen Abteilung der BBC schloss sich der 23jährige VR-chinesische Staatsbürger im Oktober den YPG-Milizen im syrischen Kobane an. Man müsse "etwas Sinnvolles tun", erklärte Pan der BBC. "Die terroristischen Elemente trainieren regelmäßig einige Leute, und schicken sie dann zurück nach China".

Den Satz, man müsse etwas Sinnvolles tun, hat Pan sich offenbar direkt von Huang Lei geliehen - einem Briten chinesischer Abstammung, der es als "Lei G7" auf dem Microblogdienst "Sina Weibo" bereits seit März zu Berühmtheit brachte, indem er über seine Beteiligung an Kämpfen gegen den IS im Nordosten Syriens berichtete. Auch Huang Lei, geboren in der chinesischen Provinz Sichuan und aufgewachsen in Großbritannien, ging als freiwilliger Anti-IS-Kämpfer nach Syrien, und laut der Hongkonger "Sing Tao Daily" vom 9. Dezember (europäische Ausgabe) erfuhr Pan Basi erst durch Huang Leis Aktivitäten von der Möglichkeit, sich dem Kampf gegen den IS anzuschließen.

Allerdings scheint Huangs "Story" einstweilen eher beglaubigt als Pans - durch Fotos und detailliertere Erzählungen. Außerdem könne Pan mit seinen Kollegen nur mit Hilfe elektronischer Übersetzungen kommunizieren. Die "Beijing Daily" wies im Frühjahr darauf hin, dass ausländische Angehörige kurdischer Milizen einer englischsprachigen "Internationalen Freiwilligenarmee" angehörten, mit einer Stärke von seinerzeit vielleicht einhundert. Manche von ihnen verfügten über bereits zuvor gemachte militärische Erfahrung.

Bis in diese internationale Einheit schaffte Pan es bisher offenbar nicht, hat aber, so zitiert von "Singtao Daily", 2012 in Sichuan ein dreimonatiges Volksmiliz-Training absolviert.

Während westliche Regierungen ausreisende Kämpfer - auch Anti-IS-Kämpfer - vorsorglich auf etwaige strafrechtliche Folgen ihrer Kriegsbeteiligung hinweisen, haben sich die chinesischen Behörden laut BBC nie auf eine Entscheidung festgelegt, ob chinesische Freiwilligendienste in Syrien legal seien oder nicht.

Dabei wird es einstweilen wohl auch bleiben: sollte Pan Basi von Arabien nämlich das Zeug zum Kriegshelden haben, wäre er ein nützlicher Arbeiter im Weinberg der - chinesischen - Nationenbildungspropaganda. Und wenn nicht: vergessen kann man ihn auch später noch.

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JR's China Blog

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