Präsident Too Little

Gemeinplätze Joachim Gauck sieht Klärungsbedarf in Europa. Aber von der Eurokrise abgesehen liest sich seine Rede, als wäre sie in den 1980ern geschrieben worden
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Präsident Too Little

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Ein Präsident kann nicht viel tun. Umso mehr kommt es auf das an, was er sagt. Viele Bundesbürger, die seit Jahren mithören, können sich vielleicht an eine bundespräsidiale Rede erinnern, die sie "erreicht" hat, und die sie nicht vergessen haben.

Für mich war das Roman Herzogs Laudatio auf die Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel. Dass er sie halten würde, war seit längerem beschlossen. Schimmel war Preisträgerin des Preises des Deutschen Buchhandels 1995. Damit wurde sie ein interessanter Gesprächspartner für die Medien, und beim Kommentieren des Mordaufrufs Khomeinis gegen den Schriftsteller Salman Rushdie geriet sie ins Stolpern.

Gründe, seine Laudatio abzusagen, hätte es für Roman Herzog danach genug gegeben. Er hielt sie trotzdem. Man kann das auch fast achtzehn Jahre später noch falsch finden. Aber es war eine gute Rede. Sie wuchs an den Herausforderungen, die die Preisträgerin in den Wochen zwischen der Ankündigung des Preises und der Verleihungszeremonie aufgeworfen hatte.

Und Schimmel hielt nach Roman Herzogs Laudatio auch selbst eine hörens- und lesenswerte Rede, die zwar vielleicht nicht vom Geist der Aufklärung durchweht (Der Spiegel, 11.09.1995), dafür aber von bleibender Aktualität - wenn nicht sogar zeitlos - war.

Gründe, den "europäischen Gedanken", so, wie er von den "Eliten" an uns Bürgerinnen und Bürger herangetragen wird, nicht zu loben, hätte heute Joachim Gauck gehabt. Er lobte diese Ideen, samt dem Konzept einer weiteren inneren Vereinheitlichung, gleichwohl - und das nur zwei Absätze, nachdem er angemerkt hatte, wir stünden mitten in dieser Diskussion und nicht an ihrem Ende.

Da merkt man es schon dem Redeaufbau an: die Mehrzahl derjenigen, die ihm medial - und nicht vor Ort - zugehört haben, wird er mit dieser Rede nicht erreichen.

Die Schülerinnen und Schüler, die er ansprach, sind eine Realitätsprobe:

Ich weiß, liebe Schülerinnen und Schüler hier im Saal, Ihr habt Eurer erstes Taschengeld in Euro erhalten, Ihr lernt mindestens zwei Fremdsprachen, Ihr fahrt zur Klassenreise nach Paris, London, Madrid, vielleicht auch nach Warschau, Prag oder Budapest, und wenn Ihr Euren Schulabschluss habt, stehen Euch Erasmus-Stipendien oder Berufsbildungsprogramme wie Leonardo da Vinci offen. Ihr lernt miteinander in Europa, statt nur übereinander. Und Ihr feiert miteinander: auf europäischen Musikfestivals oder in den lebendigen Metropolen Europas. Keine Generation vor Euch hatte so viele erfreuliche Gelegenheiten, sagen zu können: Wir sind Europa! Ja, Ihr erlebt tatsächlich „mehr Europa“ als alle Generationen vor Euch!

Vielleicht haben Gauck oder seine Redenschreiber gemerkt, dass diese Feiertagserfahrung so universal nicht ist, denn gegen Ende der Rede sagte Gauck auch:

Mehr Europa heißt nämlich nicht nur Mehrsprachigkeit für die Eliten, sondern Mehrsprachigkeit für immer größere Bevölkerungsgruppen, für immer mehr Menschen, für alle!

Das war's dann aber auch schon an Problembewusstsein. Der von Gauck angeregte Multikanal mit Internetanbindung, für mindestens 27 Staaten, für Junge und Erfahrene, für Onliner und Offliner, für Pro-Europäer und Skeptiker, oder anders: eine Art ARTE, lässt die Frage offen, warum sich jemand für so einen Kanal überhaupt interessieren solle.

Die aktuelle Eurokrise ist ein Produkt der Europapolitik. Das will Gauck nicht sehen, oder jedenfalls nicht klar benennen. Und darum ist diese Rede, die Meldungen zufolge seine "Herzensangelegenheit" war, ein Reinfall.

Es geht nicht um Rundumschläge gegen die Politik, und nicht darum, dass sich ein Präsident mit zornigen, politikverdrossenen Bürgern "verbünden" sollte. Das hat Horst Köhler schon versucht, und wer das glaubwürdig fand, ist selbst schuld. Nein, es geht schon darum, dass der Bundespräsident uns die Politik, wie er sie sieht, erklärt. Es geht um eine Mittlerfunktion. Die ist aber nicht im Wortsinne zu verstehen. Wenn die Politik, die er erklären muss, nicht nur mängelbehaftet, sondern strukturell falsch ist, sollte er keinen Standpunkt vertreten, der einer solchen Politik und ihren Kritikern gleich nahe wäre - oder gar einen Standpunkt, der einer strukturell falschen Politik sogar näher bleibt als den Kritikern.

Die gute Nachricht: er hat noch ein paar Jahre Zeit, es besser zu machen. Aber die "europäische" Herausforderung, an der er hätte wachsen können, besteht schon seit einigen Jahren. Heute wäre ein guter Tag für Gauck gewesen, um im Rahmen dessen, was in einer guten Rede möglich gewesen wäre, zu liefern.



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12:18 22.02.2013
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