Radio Sparsam: Westsender setzen Prioritäten

Weltradiotag (2). Der Westen reduziert sein Auslandsradio. China baut seine Programme aus.
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Drei Stunden auf Kurzwelle

In der kubanischen Hauptstadt Havanna kommen Politiker der Community of Latin American and Caribbean States (CELAC) zum Gipfeltreffen zusammen. Radio Martí sagt, wie es wirklich ist, und zitiert zu diesem Anlass einen Aktivisten der Organisation Arco Progresista. Radio HCJB in Quito informiert seine ecuadorianischen Hörer in langsam und mit vereinfachtem Vokabular gesprochenem Englisch populärwissenschaftlich über die Geschichte des drahtgebundenen und drahtlosen Rundfunks. Die Volksrundfunkstation Tibet steuert einen ausführlichen Wetterbericht zur Weltlage bei. Dazu gibt es ausführlich Werbung und einen Beitrag über Konsumentenrechte. Und die einzige staatseigene Auslandsradiostation, die ich zu hören versuche, fällt leider mit ihrer englischsprachigen Sendestunde aus, ist aber rechtzeitig für ihr Französischprogramm wieder auf Sendung: RAE Buenos Aires betreibt in der argentinischen Hauptstadt einen zwar altersschwachen, aber weltweit hörbaren Kurzwellensender.

Empfangen auf Kurzwelle an einem Freitag im Januar, zwischen zwei und fünf Uhr morgens, in der norddeutschen Heide.

Radio Martí ist ein von der US-Behörde BBG betriebener Propagandasender. Radio HCJB gehört zu einer Missionsgesellschaft, die auf dem Pichincha-Vulkan nahe der ecuadorianischen Hauptstadt Quito einen Kurzwellensender auf 6050 kHz betreibt. Dass man diesen häufig auch in Europa hören kann, ist vom Veranstalter nicht beabsichtigt, ergibt sich aber aus den Ausbreitungsbedingungen der Kurzwelle. PBS Tibet ist die tibetische Zweigradioanstalt der chinesischen Central People's Broadcasting Station (CPBS), für dessen Kurzwellensendungen gleiches gilt wie für den Sender aus Quito. Für RAE Buenos Aires hingegen sind Menschen in allen fünf Kontinenten die gewünschte Zielgruppe. Man will den Hörern das Land Argentinien näherbringen, und vertritt dabei mehr oder weniger eindeutig die außenpolitischen Standpunkte der argentinischen Regierung. Im Mai 2013 startete RAE ein Chinesisch-Programm, und der chinesische Botschafter in Argentinien sprach dazu ein Grußwort.

Und? Was hat dir das gebracht, dir die halbe Nacht um die Ohren zu schlagen?
Informationen.
Hättest du die nicht auch im Internet zusammenlesen können?
Ja.
Ohne so früh aufzustehen?
Ich bin gegen zwei Uhr aufgewacht und wusste, dass ich sowieso nicht wieder einschlafen würde. Ich bin prima ausgeschlafen.


Vor allem aber bekomme ich im Internet fast nur die Informationen, die ich mehr oder weniger gezielt gesucht habe, oder die von den zwei, drei Portale bereitgehaltenen, die ich hauptsächlich lese. Ohne das Radio, und vor allem ohne die Impulse, die das Weltradio bietet, würde ich mich weit weniger gut informiert fühlen. Im Radio gegebene Stichworte beeinflussen häufig auch das, was ich im Internet später vielleicht noch einmal nachlese.

Ebenfalls in der zweiten Nachthälfte ist Radio (RHC) Cuba meist gut zu hören, mit Spanisch- und Englischprogrammen. Letztere richten sich vor allem an US-Amerikaner und Kanadier, die am Abend Ortszeit ihre Kurzwellenradios einschalten. Während Radio Martí also auf kubanische Hörer zielt, sendet RHC in die Gegenrichtung.

Mehr Propaganda, weniger Information

Wer in der amerikanischen Hemisphäre mehr Zuhörer hat - der aus Greenville im U.S.-Staat North Carolina betriebene Kurzwellensender Radio Martí, oder der kubanische Staatssender RHC Cuba, ist schwer zu entscheiden. Weltweit wird allerdings RHC die Nase vorn haben: Havanna sendet nicht nur für the Americas, sondern auch für Afrika, und daran, dass kurzen Wellen dort zugehört wird, glauben sogar smarte Programmmacher beim BBC World Service oder bei der deutschen Multimediaauslandsanstalt (früher Auslandsradio) Deutsche Welle, die für andere Zielgebiete der Welt immer stärker auf das Internet oder Re-broadcaster als Verbreitungshelfer setzen und zunehmend auf die Kurzwelle verzichten. Radio Österreich International und der Schweizer Auslandsrundfunk wurden schon im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts geschlossen, und der kleine, aber legendäre Wereldomroep der Niederlande verkam ab 2011 zu einer Art Radio Martí der Zombieklasse: der Sender werde sich auf seine Kernaufgaben, einschließlich der Freiheit der Rede, konzentrieren, finanziert vom niederländischen Außenministerium. Es gehe um die Verbreitung niederländischer Werte, so eine Pressemitteilung des niederländischen Auslandsdienstes. Die Programme in niederländischer Sprache wurden komplett gestrichen.

Ob der argentinische Auslandsdienst seinen Kurzwellensender ersetzen wird, wenn jener irgendwann unwiderruflich ausfällt, ist angesichts der internationalen Radiotrends nicht sicher. Schon heute legt RAE seinen Kurzwellenhörern regelmäßig die Internetpräsenz ans Herz. Auch das russische Auslandsradio hat sich dem Trend angeschlossen: um die Jahreswende strich der deutsche Dienst der "Stimme Russlands" sämtliche analoge Kurzwellenfrequenzen und behielt nur eine digitale Kurzwellenfrequenz in Betrieb. Und auch der taiwanische Radioauslandsdienst, RTI Taipei, reagiert auf Höreranfragen nicht gerade mit flammenden Bekenntnissen zum Fortbestand der Kurzwellenausstrahlungen.

http://justrecently.files.wordpress.com/2012/12/radio_moscow_qsl_1980s_lenin_mausoleum.jpg?w=489&h=365 Erst Lenin, dann der Auslandsrundfunk? Radio Moskau QSL, 1980er

Ganz anders China Radio International (CRI), der Auslandsdienst der VR China in Beijing. Während die Deutsche Welle ihren chinesischen Hörern keine Kurzwellenfrequenzen mehr anbietet - wer keinen Internetzugang hat oder ihn nicht nutzen will, den erreicht die DW nicht mehr -, baut CRI seine Kurz- und Mittelwellenversorgung auch auf Deutsch weiter aus. CRI-Programmen in deutscher Sprache, die seit einigen Jahren abends über die Luxemburger Mittelwelle 1440 kHz gesendet werden, wurden vor kurzem noch mehrere Vormittagsstunden hinzugefügt, wobei sich die Frage aufdrängt, wer um diese Tageszeit eigentlich zuhört.

Aber für CRI spielen Kosten offenbar kaum eine Rolle, während sich die vom sparbedachten Bundestag gebeutelte Deutsche Welle von Experten erklären lässt, wie es angehen kann, dass selbst das bitterarme Nordkorea sich einen Auslandsdienst in mehreren Sprachen, darunter auf Deutsch, leistet. Ein Auslandsrundfunk in verschiedenen Sprachen sei für Pjöngjang vor allem als Statussymbol wichtig, tröstet ein Kommunikationswissenschaftler an der Universität Erfurt den deutschen Auslandssender. "Länder wie Nordkorea wollen mit ihrem Auslandsrundfunk einen Modernitätsnachweis liefern. Man muss so etwas haben, ganz egal, ob es wirkt oder nicht."
Die indirekte Botschaft: Das hat Deutschland gar nicht mehr nötig.

Gleichzeitig erscheint die Zahl der regelmäßigen deutschen CRI-Hörer unklar. Ein CRI-Hörerclub in Freiburg, der in den deutschsprachigen Programmen des Senders recht häufig auftritt, richtet sich an sämtliche Menschen, die sich für China im Allgemeinen sowie für die Aktivitäten des internationalen Auslandsrundfunk der Volksrepublik China im Besonderen interessieren. Mutmaßungen darüber, wieviele der laut Vereinswebsite etwa vierzig Teilnehmer der Gründungsveranstaltung des Hörerclubs tatsächlich mehrmals im Monat das Radio oder gar die Kurzwelle einschalten, um gerade CRI zu hören, dürften aber wohl spekulativ sein.

http://justrecently.files.wordpress.com/2014/01/statistics_international_broadcasters3.jpg?alt=Quellen am Ende des Beitrags *)
Korrektur: das Budget der Deutschen Welle belief sich 2013 auf ca. 370 Mio. US-Dollar; das von Radio Netherlands auf ca. 20 Mio. US-Dollar.
(JR, 28.01.14)

200 Millionen Hörer wöchentlich habe CRI nach eigenen Angaben, so der Kanadier Keith Perron in einem undatierten Blog, veröffentlicht wohl Ende November 2012. Diese Zahl nenne der Sender sowohl der Öffentlichkeit als auch der chinesischen Zentralregierung - aber tatsächlich seien es weniger als 15 Millionen. Perron könnte es tatsächlich wissen - er arbeitete früher selbst für den chinesischen Auslandssender.

Urbane Eliten

Vor 47 Jahren war es die Deutsche Welle - oder jedenfalls einer ihrer leitenden Angestellten -, die die Gründung eines Vereins von Kurzwellenhörern initiierte. Der Verein, die ADDX, war allerdings nie ausschließlich auf die DW fixiert. Ihm sollen laut Wikipedia - allerdings ohne Quellenangabe - noch immer rund 3000 Mitglieder angehören. DW-gebundene Hörerclubs gibt es hingegen im Ausland; beispielsweise in Indien.

Im Grunde gleicht die Aufgabenstellung der Deutschen Welle inzwischen der des niederländischen Auslandsradios: Menschenrechte sollen propagiert werden, und die Schwerpunkte liegen dabei auf Ländern, denen die Welle oder ihre bundespolitischen Geldgeber ernstliche Defizite bei den Grundrechten diagnostizieren: dem Iran zum Beispiel, oder China. Die Kurzwelle allerdings hält man bei beiden Zielländern für verzichtbar; die Frequenzen für China wurden mit dem Jahreswechsel 2012/13 aufgegeben.

So wie die Niederländer Ausstrahlungen in ihrer eigenen Landessprache aufgaben, tat es auch die Deutsche Welle. Der Unterschied zwischen den beiden staatlichen Auslandssender liegt vor allem in ihren Budgets: für den niederländischen Auslandsdienst verblieben Berichten zufolge 14 Millionen Euro für das Jahr 2013; die Deutsche Welle darf mit ca. 270 Millionen Euro jährlich rechnen.

Die Hörer, welche die Deutsche Welle erreichen wolle, seien die urbanen Eliten in den Zielgebieten, so der "Economist" im Sommer 2010. Kurzwellenhörer seien meist ältere, ärmere und eher ländliche Zeitgenossen. Das Ziel, eine wirklich große Zahl von Hörern in Entwicklungsländern zu erreichen, habe der damalige DW-Intendant Erik Bettermann aufgegeben. Weniger bescheiden ist Bettermanns Nachfolger Peter Limbourg, im Amt seit Herbst 2013: die Deutsche Welle solle unter den "Top drei der Auslandssender" sein. Kontinuität deutet sich hingegen bei den Zielgruppen an: statt "Informationssuchende" würden zukünftig "Entscheider und Teilnehmer an der politischen Meinungsbildung" ins Visier genommen, zitierte Ulrike Simon im November in einem Beitrag für die "Berliner Zeitung" den neuen Intendanten.

Das könnte - in China - sogar ab und zu gelingen. Zwar reagierten Teile der chinesischen Presse in den Jahren 2008 bis 2012 immer wieder empört auf Vorgänge in der China-Redaktion der Deutschen Welle, die nicht vermuten ließen, dass die dem Ausland gepredigten universalen Werte beim Sender selbst viel Gewicht hätten. Aber in einer kurzen Online-Presseschau "westlicher Medien" zu einem Russlandbesuch des chinesischen Staats- und Parteichefs Xi Jinping im März 2013 kam in der staatseigenen Zeitung "Huanqiu Shibao" eigentlich nur eine Quelle zu Wort: ausgerechnet ein Online-Artikel der Deutschen Welle. Allerdings verlinkte "Huanqiu" nicht auf die Website der DW, und nannte sie auch keineswegs namentlich als Quelle. Die Deutsche Welle war "die westlichen Medien".
Zumindest für die Dauer des "Huanqiu"-Artikels ließ sich so der Eindruck gewinnen, die Deutsche Welle habe die Eliten der chinesischen Staatspresse bereits voll im Griff.

China Radio International hingegen scheint im Zweifel auch für eine überschaubare Zahl mehr oder weniger gläubiger "Urchristen" keinen Aufwand zu scheuen. Das hat man gemeinsam mit Missionsradiogesellschaften wie HCJB, die ebenfalls weiterhin auf Kurzwelle senden. Seinen Sende- und Antennenpark für seine weltweite Hörerschaft verlegte HCJB zu einem großen Teil nach Australien, nachdem man im ecuadorianischen Pifo einem Flugplatz hatte weichen müssen. Und auch das ostfriesische Rheiderland entdeckte man als Mini-Sendestandort. Dauerhaft bleibt vom HCJB-Kurzwellendienst in Ecuador wohl nur der Regionalsender am Pichincha-Vulkan zurück.

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Fußnote

*)
» Quelle BBC-Budget
» Quelle CRI-Budget
» Quelle Deutsche-Welle-Budget
» Quelle Radio-Netherlands-Budget

Mehr zum Thema


» Weltradiotag (1), 24.01.14
» Zhu vs. DW, 20.06.2013
» Propaganda, 23.04.13
Canada retires, 09.04.12
China Firedrake, 17.03.12
VoA budget, 24.07.11

Hörproben


PBS Tibet
HCJB Quito

10:41 26.01.2014
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