Siegfried Lenz, 1926 - 2014

Anker der Erinnerung Siegfried Lenz trat zurückhaltend auf. Vielleicht wird es in der deutschen Öffentlichkeit kaum auffallen, dass er nun nicht mehr da ist. Aber er hinterlässt ihr viel
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Kaum vorstellbar, dass es Siegfried Lenz häufig oder auch nur irgendwann einmal so gegangen sein könnte wie Siggi Jepsen, dem Protagonisten der "Deutschstunde", der an einem Deutschaufsatz scheitert - daran, dass er zuviel zu erzählen hat, als dass er es in die vom Deutschlehrer Korbjuhn gewünschte Form bringen könnte: "der Anker der Erinnerung", der nirgendwo "fasste".

Lenz wurde gelegentlich dafür kritisiert, nicht innovativ zu sein, dafür womöglich gar "anachronistisch".

Abgeschreckt hat ihn das nicht - er war damals nicht alt, aber ein welterfahrener Mann. Was er schrieb, war für eine breite Öffentlichkeit lesbar, und was er selbst nicht schrieb sondern las, versuchte er seinen Zeitgenossen ebenfalls nahezubringen, vor allem in Radiobeiträgen. Selbst Gedichte "erklärte" er , obwohl sie doch, so schien er sich selbst zu warnen, "das unsagbar Eine" enthielten.

Vielleicht war auch das anachronistisch. Oder unvorteilhafter ausgedrückt, vom Literaturprofessor Killy, in einem "Spiegel"-Artikel zu Lenz' 50. Geburstag:

Lauter ideale und unerschöpfliche Themen für den Besinnungsaufsatz, den zu schreiben der Autor seinem Schüler, dem Leser, bereitwillig, ausführlich und mit sehr vermehrter Routine abnimmt. Und der Leser meint dann, er habe selbst darüber nachgedacht.

Begreiflich, dass der Experte den Roman als pädagogische Veranstaltung nicht gut fand. Aber genau damit ließ sich etwas anfangen. Für einen Deutschschüler ließ sich damit überhaupt erst einmal anfangen.

Die "Deutschstunde" war der endgültige Durchbruch des Schriftstellers, der nach einer (vermutbar unfreiwilligen) Laufbahn bei der Kriegsmarine in den letzten Jahren des Weltkriegs aus der Desertion in britische Kriegsgefangenschaft geriet und nach seiner Entlassung nach Hamburg ging.

Mit dem Wunsch, einen wirkungsvollen Pakt mit dem Leser zu schließen, um die bestehenden Übel zu verringern, war Lenz unter den Nachkriegsliteraten sicher nicht allein. Als ihm im März 2009 der Lew-Kopelew-Preis verliehen wurde, trug er in einer Rede dazu (Skript) etwas dick auf: Man mochte fast glauben, nach Lew Kopelews Verständigungsarbeit zwischen Russland und Deutschland stehe nichts mehr zwischen den beiden Ländern.

Kopelew hatte dem Land seiner früheren Feinde nicht nur verziehen – Deutschland bedeutete ihm auch viel, und letztlich fand er dort sein Exil, als er die Sowjetunion verlassen musste.

Aber Kopelews Sicht auf die russisch-deutschen Beziehungen war differenzierter, als Lenz' Rede es auszudrücken schien: seine (Kopelews) Tendenz, vor dem Ausbruch des zweiten Weltkriegs, mit Unterscheidungen zwischen deutschen Machthabern und dem Mann auf der Straße die Bedrohung durch den Nationalsozialismus herunterzuspielen, habe er einen Fehler gemacht, befand Kopelew 1979 in einem Fernsehgespräch mit Heinrich Böll und Klaus Bednarz in Moskau.

In den 80er- und 90er-Jahren wurde es ruhiger um Siegfried Lenz, schreibt der NDR. Der Literaturbetrieb, der jetzt weniger politische Einmischung und kritische Wortmeldungen forderte, dafür aber eine immer stärkere mediale Präsenz, schien nicht mit seiner nachdenklichen Lebenseinstellung und seiner zurückhaltenden Art vereinbar.

Aber Stille muss nicht gleichbedeutend mit Wirkungslosigkeit sein. Ein Bücherregal macht keinen Lärm. Ob der Anker der Erinnerung, den Lenz geworfen hat, auch in Zukunft richtig liegen wird, wird von der Wirkung des Werks abhängen, das er hinterlässt.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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