Syrien (12): Anmerkungen zu einem Interview

"Spiegel" vs. Assad In seiner Ausgabe vom 07.10. veröffentlichte der "Spiegel" ein "Gespräch" mit Syriens Präsidenten Assad. Ein Interview wäre vielleicht die bessere Wahl gewesen.
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Für den Verzicht auf die Gesprächsform beim "Spiegel" gibt es mindestens einen Präzedenzfall - dabei spielte allerdings auch das politische Gewicht des Gesprächspartners eine Rolle.

Vor knapp 32 Jahren, im November 1981, veröffentlichte der "Spiegel" ein Interview mit Leonid Breschnew, dem damaligen sowjetischen Partei- und Staatsvorsitzenden. Rudolf Augstein, seinerzeit Chefredakteur und Herausgeber des "Spiegel", merkte dazu an, dass Breschnew "auch bei bester Gesundheit ... kein SPIEGEL-Gespräch" hätte geben können, "das diesen Namen verdient". Denn "ein SPIEGEL-Gespräch in Rede und Widerrede, wie es im SPIEGEL erstmalig als eine neue Art deutscher publizistischer Technik eingeführt und seit 1957 insgesamt 1165 Male publiziert worden ist, kann es mit einigen wenigen Persönlichkeiten dieser Welt nicht geben (...)"

Wenig sinnvoll wäre es gewesen, ihn schriftlich zu fragen, warum seine Truppen in Afghanistan einmarschiert sind. Ebensogut hätte man den Papst fragen können, warum er immer noch an der Jungfrauen-Geburt jenes Jesus Christus festhalte, den er hier auf Erden vertritt.

Statt dessen würden diejenigen, die sich für internationale Politik interessierten,

in dem schriftlich ausgearbeiteten Interview Neuigkeiten finden. In sich ist es verläßlich, weil von allen zuständigen Ressorts miterstellt, was man von den Äußerungen des US-Präsidenten und seiner Mitarbeiter derzeit nicht sagen kann.

Rudolf Augstein schrieb es selbst: Kreml-Chefs standen für regelrechte "Spiegel"-Gespräche nicht zur Verfügung. Gleiches galt laut Augsteins Anmerkungen für den Papst, für chinesische Machthaber, vormals für Charles de Gaulle, und bis zu Jimmy Carters Präsidentschaft für amerikanische Präsidenten.

Ein "schriftliches Interview" mit einem Staatsmann erscheint ungewöhnlich. Die Bemerkung Augsteins, auch bei bester Gesundheit hätte Breschnew kein typisches "Spiegel"-Gespräch führen können, war dabei auffallend taktvoll: Frantisek Cerny, Diplomat und ehemaliger Mitarbeiter des tschechoslowakischen Auslandsradios "Radio Prag", bezeichnete Breschnew in einem Artikel vor fünf Jahren - im Zusammenhang mit der sowjetischen Invasion der CSSR 1968 - als "Gefühlsmenschen".

Allerdings wird der Stab, der Breschnews Antworten auf die "Spiegel"-Fragen zusammenstellte, bei der Formulierung der Antworten Breschnews Persönlichkeit berücksichtigt und gespiegelt haben - und das in den Antworten verwendete Zitat Edward Tellers könnte den Sowjetchef selbst beeindruckt haben:

Kürzlich brachte Ihr Magazin ein Interview mit dem Wissenschaftler, der als "Vater" der amerikanischen Neutronenbombe bezeichnet wird. Er ließ die Worte fallen: "Ich halte alle Menschen für Monstren." Seine Tochter, die dabei war, fragte: "Dann bist du auch eins?" "Natürlich", antwortete er. Weiter fügte er hinzu, Kriege zu führen liege in der Natur des Menschen. Wenn das nicht ein prägnantes Abbild der menschenfeindlichen Psychologie jener ist, die heute soviel Mühe darauf verwenden, das nukleare Wettrüsten voranzutreiben!

Breschnews "Interview" war eine Propagandamaßnahme Moskaus - je nach persönlicher Wahrnehmung ließe es sich auch als "vertrauensbildende Maßnahme" bezeichnen. In der gleichen Ausgabe, in der das Breschnew-Interview erschien, notierte der "Spiegel" in einem weiteren Artikel:

Die Sowjets haben in diesem Jahr mehr prominente deutsche Besucher empfangen als Gäste aus dem gesamten übrigen Westen -- Zeichen dafür, wie hoch die Sowjets Bonns Rolle in ihrer Westpolitik einschätzen.
In kein anderes kapitalistisches Land außer Frankreich ist Leonid Breschnew so oft gereist: Im November kommt er zum drittenmal in die Bundesrepublik.

"Spiegel-Gespräche" seien von 1957 bis November 1981 insgesamt 1165 Male publiziert worden, so Rudolf Augstein in seinen Anmerkungen zu einem Interview.

Um das wievielte Gespräch es sich bei dem mit Baschar al-Assad handelte, ist in der Ausgabe vom vorigen Montag nicht vermerkt. Klar ist allerdings, dass Assads Bereitschaft, mit zwei Redakteuren ein Gespräch zu führen, Teil einer größeren Publizitätskampagne ist - Assad ist, anders als die meisten arabischen Staatschefs, ein regelmäßiger Gesprächspartner europäischer und amerikanischer Medien. Und ihm kann der "Spiegel" Fragen stellen, bei denen das "Interview" mit der Sowjetführung vermutlich schnell und vorzeitig beendet gewesen wäre.

Es handelt sich tatsächlich um ein "Gespräch": die Redakteure, Klaus Brinkbäumer und Dieter Bednarz, fragen nicht nur - sie halten es auch für nötig, ihre persönlichen Urteile (oder die Ihres Blattes) im Gespräch unterzubringen:

Wären Sie ein aufrichtiger Patriot, dann würden Sie zurücktreten und den Weg freimachen für Verhandlungen über eine Interimsregierung oder einen Waffenstilltand mit der bewaffneten Opposition.

(...)

Für uns sieht es eher so aus, als würden Sie die Realität ignorieren. Mit einem Rücktritt würden Sie Ihrem Volk viel Leid ersparen."[Das Töten von Unschuldigen, Bombenanschläge, al-Qaida] hat mit Ihnen zu tun, weil Ihre Truppen und Ihre Geheimdienste einen Teil dieser Grausamkeiten begangen haben. Das ist Ihre Verantwortung.

(An diesem Punkt wirkt das Gespräch, als sei Assad der Redakteur - er hatte zuvor das Töten von Unschuldigen, Bombenanschläge und al-Qaida erwähnt.)

(...)

Chemiewaffen sind kein Grund zum Lachen, aber nun können wir nicht anders.

Dabei ähnelt Assads Vorgehen im Gespräch dem Breschnews im seinerzeitigen Interview: er betont, in welcher Hinsicht er sich mit seinen deutschen Gesprächspartnern im selben Boot sehe:

Hier geht es auch um eure Interessen: Was habt ihr davon, wenn sich in eurem Hinterhof al-Qaida tummelt, wenn ihr hier bei uns Instabilität unterstützt? Nach zweieinhalb Jahren solltet ihr eure Politik überdenken.

Interessant wären Nachfragen des "Spiegel" zum Beispiel dazu gewesen, warum die politische Opposition Assads Ansicht nach ihre Waffen niederlegen solle, wenn die Regierungstruppen nicht bereit seien, das Gleiche zu tun. Dass auch die "Regierung" letztlich eine Bürgerkriegspartei ist, klang zwar an; allerdings gerade an einem Punkt des Interviews, in dem Assad fragte, wo es denn einen Führer gebe, der ähnlich legitimiert wäre wie er selbst. Damit meinte er offenbar seine Legitimität im Vergleich mit oppositionellen Syrern, und nicht mit Staats- oder Regierungschefs anderswo in der Welt, aber auch hier wäre erneut ein klärendes Nachhaken der Redakteure am Platz gewesen.

So gesehen bildet das "Spiegel"-Gespräch mit Assad das Verlaufsprotokoll eines journalistischen Fehlschlags.

Als der "Spiegel" 1957 das "Gespräch" als Kommunikationsform einführte, mag das eine innovative Modifikation des klassischen Interviews gewesen sein. Im "Gespräch" mit Assad erwies es sich aber als untauglich - außer Spektakel nichts gewesen. Ein Interview hätte Fragen und Nachfragen ermöglicht - durchaus auch hartnäckige Fragen. Statt dessen war ein uninteressanter "Meinungsaustausch" zu besichtigen.

Allerdings waren auch die Voraussetzungen unterschiedlich, vergleicht man einmal das schriftliche "Interview" mit Breschnew mit dem "Gespräch" mit Assad dreißig jahre später. Moskau wählte damals ein westdeutsches Blatt mit großer Reichweite als Interviewpartner für Breschnew, von dem es gleichzeitig am ehesten glaubte, dass es ein positives Medium für seinen Standpunkt darstellte. Damaskus wählte ebenfalls den "Spiegel", wird sich dabei aber darüber im Klaren gewesen sein, dass das Magazin alles andere als aufgeschlossen für Assads Argumente auftreten würde.

Gleichwohl hatten sowohl seinerzeit Moskau als auch Damaskus in dieser Woche einen maximalen Nutzen: Breschnew wurde 1981 öffentlich als Machthaber vermittelt, der eine in sich verlässliche Darstellung der sowjetischen Politik (R. Augstein) im Angebot hatte.

Ungefähr das Gleiche wird auch Assad jetzt bei manchen bisher unschlüssigen "Spiegel"-Lesern erreicht haben - allerdings womöglich auf Kosten der Redakteure. Denn hier konnte ein Bild entstehen, bei dem eine urbane Unschuld (Damaskus) zwei aufgeplatzte Landeier (Hamburg) lässig an sich abtropfen lässt.

Auch das muss kein zutreffendes Bild sein. Bilder aber drängen sich unvermeidlich auf, wenn ein Interview nicht mehr seine eigentliche Funktion erfüllt: Neuigkeiten zu transportieren.

Mit dieser Reihe über Syrien und den Rest der Welt versuchen JR und Tai De, sich einen besseren Überblick über den Konflikt und seine Einflussnehmer zu verschaffen.

Voriger Beitrag:

» "Spiegel"-Tribunal, 07.10.13
» Syrien (11), 02.10.13

11:13 11.10.2013
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Geschrieben von

JR's China Blog

Marxisten können die Zukunft vorhersagen. Das mit der Vergangenheit ist komplizierter.
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