Syrien und der Rest der Welt (2)

Rückblick. Zweiter Teil einer Beitragsserie über Syrien, JR und Tai De
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Von Tai De

Im Herbst 2007 verbrachte ich einige Zeit im Nordosten Syriens und besuchte dabei häufig Aleppo. Es war die Zeit kurz nach dem israelischen Luftschlag gegen eine vermutete syrische Nukearanlage. Eingereist war ich über Adana, dann über die Ausläufer des Nur-Gebirges, entlang am Mittelmeer und dann weiter durch die von den Türken annektierte Provinz Hatay. Die Sonne tauchte die Tells in der Ebene in ein graues Licht und die fruchtbare Erde dampfte. Weniger schön war die vom Militär zeitgleich veranstaltete Demonstration türkischer Waffenmacht - amerikanischer, ost- und westdeutscher Provenienz. Die Städte glichen einem Fahnenmeer und weinende Mütter und Schwestern verabschiedeten ihre Söhne und Brüder an den Busbahnhöfen. Die PKK drohte aus den Bergen – fanden jedenfalls die Offiziellen.

Das türkische Grenzregime, ausgeübt von den üblichen Zöllnern und unterstützt von türkischen Fallschirmjägern, dauerte Stunden. Die zu kontrollierenden Busse, PKWs und LKWs wurden in einer komplett mit Natodraht eingezäunten Schlucht durchsucht. Die Berge und Höhenzüge waren kahl, die Einöde wurde nur durch Unterstände und kleinere Bunker unterbrochen.

Auf der syrischen Seite öffnete sich die Landschaft und es war an diesem Grenzposten neben den Grenzposten kein Militär zu sehen. Einige Tage später konnte ich jedoch beim Besuch archäologischer Stätten im syrisch-türkischen Grenzgebiet von einem erhöhten Standort aus mehrere gut getarnte syrische Flugabwehrbatterien und deren Bedienmannschaften ausmachen. Das Aufblitzen der Feldstecher in den Stellungen ließ mich von Landschaftsaufnahmen absehen.

Es schien mir, als wenn die syrische Armee zu weniger operettenmäßigen Auftritten neigte als die türkische, und ich erinnerte mich an die guten Gespräche mit einem syrischen Kommilitonen während meiner Studienzeit in Italien. Beide hatten wir Ende der 80er gedient, der Syrer bei sich zu Hause und im Libanon, als Mitglied eines Panzerbekämpfungstrupps, und der Deutsche als Headset-Lotse eines Fahrzeugs, das der Syrer ausbildungsbedingt in- und auswendig kannte.

Fast 20 Jahre später begegnete ich in Aleppo einem Mann, der lange Jahre in Italien als Arbeiter malocht hatte, um sich in zu Hause ein besseres Leben aufzubauen. Er war dabei in der Altstadt einen osmanischen Palazzo zu sanieren, um dort später ein gehobenes Gästehaus zu etablieren. Er führte mich durch das Haus – John Steinbeck hätte das, was hier zu sehen war, die unbeschreibliche Freude des Schaffens genannt.

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Restaurierungsarbeiten an einem osmanischen Stadthaus in Aleppo

Um die Gesellschaft zu begreifen war ich viel zu kurz in der Region. Aber eine solche Vielfalt und solch ein Nebeneinander von gesellschaftlichen Schichten, Religionen und Zivilisationen wie in dem doch eher kleinen Aleppo habe ich vielleicht noch in Megastädten in Südostasien erlebt. Auch wenn die Spannungen zwischen den einzelnen Gruppen und die Machdemonstrationen des Staatsapparates immer wieder zum Greifen wahrnehmbar waren, so lebten die Menschen zumindest Viertel an Viertel und arbeiteten da, wo es wirtschaftlich oder alltäglich Sinn ergab, zusammen. Der eine oder andere junge Schreihals gab dschihadistische Parolen von sich, während der Staat – scheinbar geruhsame – Präsenz zeigte. Die Magazinböden der Offizierswaffen aber hatten häufig bereits Flugrost angesetzt.

Von vielen Menschen in Aleppo hörte ich den Wunsch nach wirtschaftlichen Fortschritt und das Unverständnis dafür, dass Syrien scheinbar von Europa und den vereinigten Staaten systematisch außen vor gehalten wurde – und darüber, dass Aleppo von Damaskus weniger offensichtlich, aber durchaus nachhaltig, in seiner Entwicklung blockiert wurde. Die Menschen - egal welcher Religion oder gesellschaftlicher Herkunft – wollten Arbeit. Die jungen Männer, um endlich heiraten zu können und die älteren, staatstragenden Alewiten und Armenier, weil sie endlich wieder fest zum Mittelmeerkreis gehörten wollten: zum Süd- wie zum Nordufer.

Nun versuchen die meisten, ihr bisschen Leben aus der Feuerlinie zu bringen. Nicht nur das Assad-Regime ist gescheitert; die Syrien-Politik der EU und der Vereinigten Staaten ist es nicht weniger – sie zahlen nur keinen vergleichbar hohen Preis dafür.

Als die New Jersey vor dreißig Jahren den Libanon mit ihren „fliegenden Volkswagen“ beschoss, war das eine Bankrotterklärung. Und falls in den nächsten Tagen Marschflugkörper von amerikanischen Kriegsschiffen starten, um syrische Truppenteile und Regierungsobjekte zu schwächen, spiegelt sich darin das Fiasko einer Syrienpolitik, die Washington seit dreißig Jahren zum nützlichen Idioten von Mächten macht, deren rechtsstaatliche Legitimation – und sicherheitspolitische Berechenbarkeit – sicher nicht weniger fragwürdig sind als die des syrischen Regimes.

Fortsetzung folgt. Fortsetzung hier »

Links zum Thema:

» Syrien und der Rest der Welt (1), 31.08.13

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