Völkerwanderung im Internet: "soziale Medien"

Wut zum Sonntag "Das Alleinsein ist so wichtig, dass man immer wieder neue Orte dazu finden muss. Denn überall wird man zu rasch heimisch."
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Ich bin kein early adopter, aber seit dem 20.01. nutze ich Twitter. Das Motiv war vermutlich klassisch: mehr Traffic auf meinen Blog zu bekommen. Das hat sogar in Grenzen schon funktioniert, durch Interaktion. Aber der wirkliche Nutzen liegt darin, wieder Informationen und Anregungen zu bekommen, denn die ganze Bloggerkarawane war längst weitergezogen.

Erfreulich ist das nicht. Twitter ist weitaus denkschwächer und lautstärker als die Blogplattformen, und es ist auf eine fruchtlose Art polarisierender. "Geliked" wird meistens, ohne dass gelesen wird, und kein Gerücht ist zu blöd, um nicht von seiner Gemeinde "retweeted" und abgefeiert zu werden.

OK. Natürlich sind dies die üblichen Mauligkeiten eines bösen alten weißen Mannes. Man muss die Kirche im Dorf lassen, nicht wahr. Da sich in meiner Generation nun die schweren bis tödlichen Krankheiten mehren, fiel mir vor einiger Zeit der Hype wieder ein, der um eine Substanz namens Interferon gemacht wurde. Da wir als Kinder die Zeitschriften unserer Großmutter lasen, waren wir von klein auf darüber informiert, dass der Tod aus der Welt geschafft war - jedenfalls so gut wie. Das waren natürlich ganz normale Zeitschriften und keine gefährlichen Echoräume.

Und bei der Erinnerung daran fiel mir wieder ein, dass irgendein kluger Mensch mal sagte, die "sozialen Medien" funktionierten wie ein Immunisierungsprogramm gegen Fakten.

Naja, kann sein. Aber das taten Omas Zeitschriften auch.

Nur gestorben ist sie dann eben doch.

Außerdem: ein weiterer kluger Mensch hat mir gestern erzählt, dass "Magnum" als deutsche Fassung heftigst zensiert gewesen sei: die Vietnam-Bezüge der Hauptfigur seien einem deutschen Publikum nicht vermittelbar gewesen.

Und ich dachte, dass das traurige Gesicht des ansonsten fidelen Protagonisten, sobald er Vietnam erwähnte, doch eh schon alles sagte: "ach, wie haben wir gelitten.'"

Wenn die großzügigen Schnitte der ARD uns Informationen vorenthielten, dann mag das verwerflich gewesen sein (zumal der Sender beim Einkauf der Serie ja bestimmt auch für die weggeworfenen Schnipsel mit Gebührengeld bezahlt hatte), aber Zensur macht nicht dümmer als Echowelten, in dem unter Gleichgesinnten jeder Scheiß unwidersprochen bleibt.

Je mehr Infoquellen, desto weniger Nutzung. Jedenfalls im Schnitt, also pro Quelle.

P.S.: zukünftig werde ich behaupten, ich twittere nur, um immer schön informiert zu bleiben.

12:15 14.03.2020
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Geschrieben von

JR's China Blog

Wer Demokratie für selbstverständlich hält, hat sie vermutlich geschenkt bekommen.
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