Vor dem 4. Juni - Studenten aller Schulen

Selbstorganisation Zur Erklärung der nachfolgenden Übersetzung bitte die Erklärung links unter "Info" beachten.
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Wu Renhua, dessen Dokumentation (basierend auf "Kalenderblatt-Tweets" im Jahr 2011) ich hier auszugsweise wiedergebe, bezieht sich zum Teil auf seine Wiedergabe damaliger Presseberichterstattung, auf seine persönliche Augenzeugenschaft sowie auf interne Dokumente - vor allem "Li Pengs Tagebücher".

Die Authenzität dieser Tagebücher darf vermutlich nicht als eindeutig geklärt gelten - Li Peng selbst hat sich zur Autorenschaft nie geäußert. Das würde auch nicht dem Kommunikatonsmuster der chinesischen Parteiführung entsprechen. Es ist zwar nicht unüblich, dass Spitzenkader im Ruhestand Bücher veröffentlichen, aber dabei handelt es sich üblicherweise um eher trockene theoretische Gedanken oder um etablierte Narrative. Für viele Dissidenten und auch für viele ausländische Publizisten jedoch scheint Li Pengs Autorenschaft praktisch außer Zweifel zu stehen. JR

Freitag, 21. April 1989

Die Behörden fühlen sich durch die Studentenpetition am Xinhua-Tor gedemütigt. Die "Volkszeitung" veröffentlicht einen Leitartikel unter dem Titel "Wie wir des Genossen Hu Yaobang gedenken", und der Bericht eines Journalisten der Nachrichtenagentur "Xinhua" (Neues China) erscheint unter dem Titel "Mehrere hundert drängen sich um das Xinhua-Tor und machen Ärger". Viele Universitätsstudenten in Beijing finden, dass diese Kommentare und Berichte nicht die Wahrheit in den Tatsachen suchen, und das sie nicht überzeugend seien.

Der Leitartikel der "Volkszeitung" meint dass eine kleine Zahl der Menschen so täten, als trauerten sie, dass sie aber in Wahrheit illegale Aktivitäten gegen Partei und Regierung unternähmen und sogar schamlos ans Xinhua-Tor schlügen. Dies könne nicht erlaubt werden. Wer immer auch die Trauer um den Genossen Hu Yaobang dazu nutze, gegen Partei und Regierung zu randalieren, werde zu einem Kriminellen, den die Geschichte verwerfen werde. Wer darauf beharre, seine eigenen Wege zu gehen, werde ernten, was er gesät habe.

Am Morgen erscheinen an der University of Political Science and Law Aufrufe zum Studentenstreik. Ein Verantwortlicher an der Universität sagt, dass drei Studenten, die an Traueraktivitäten auf dem Platz des Himmlischen Friedens am Abend des 19. April teilgenommen haben, auf ihrem Rückweg zum Campus um etwa 23:30 an der Südseite der Großen Halle des Volkes auf eine große Zahl von bewaffneter Polizei gestoßen seien. Wang Zhiyong sei mit Ledergürteln bewusstlos geschlagen worden, und das Beijinger Krankenhaus Nr. 3 habe Platzwunden an seinem Kopf, leichte Gehirnersschütterung und Augenverletzungen festgestellt.

Die Streiknotiz fordert
1. zwei Streiktage am 21. und 22. April, um gegen das illegale Verhalten der Polizei zu protestieren
2. dass die Regierung die Täter1) ernsthaft bestraft
3. dass die Polizei sich in ihrem Bericht für ihr dieses Verhalten entschuldigen und den Fakten entsprechend berichten müsse
4. dass, wenn die Punkte 2. und 3. nicht bis zum 23. April um 17:00 beantwortet seien, schrittweise weitere Maßnahmen ergriffen werden.

Streiks beginnen an der Beijing-Universität am Vormittag, manche Studenten bringen andere an den Eingängen zu den Klassenräumen oder Hörsälen von der Teilnahme an den Kursen ab, und eine Streikmitteilung wird an einige Tafeln angebracht.

Um etwa Mittag verbrennen Studenten der Universität of Political Science and Law auf dem Campus den Artikel der Xinhua-Nachrichtenagentur, "Es geht um die Sicherung der sozialen Stabilität", und den Leitartikel der "Volkszeitung". Kleine Flaschen werden zerschlagen.2)

Am Nachmittag treffen fünfzig Studenten aus Tianjin planmäßig in der Beijing-Universität ein. Sie bilden eine Petitionsdelegation.3)

An der Beijing-Universität erscheint Wu'erkaixis Notiz:
1. streicht die Zuständigkeit des (offiziellen) Studentenbundes und des Bundes der Postgraduierten;
2. beteiligt euch an den provisorischen Studentenvertretung der Beijing-Universität;
3. ab 22. April wird die ganze Universität einen Studentenstreik und einen Stopp aller Prüfungen ankündigen;
4. Um 22:00 legen alle Universitäten an der Beijing-Universität ein Gelöbnis ab - alle Studenten müssen teilnehmen, Essen und Getränke vorbereiten und ihre Wertschätzung für die Studenten der anderen Universitäten ausdrücken.

Am Nachmittag unterzeichnen und veröffentlichen Chen Ku-ying, ein Gastprofessor für Philosophie aus Taiwan, und weitere 143 Professoren und Gelehrte einen offenen Brief ("Dringender Ruf der Lehrer") an den Nationalen Volkskongress und an die Politische Konsultativkonferenz des Chinesischen Volkes, in dem sie dazu aufrufen, das Prinzip des Dialogs, der Wiederherstellung und Entwicklung der drei Formen der "drei Großzügigkeiten" wiehderherzustellen und zu entwickeln [in etwa: Entspannung, Toleranz und Großzügigkeit]. Gewalt gegen Studenten dürfe nicht erlaubt werden.

Um etwa 18:00 erscheint an der Beijing-Universität ein offener Brief an das Zentralkomitee der Partei, an den Staatsrat und an das ständige Komitee des Nationalen Volkskongresses. Er ist unterzeichnet von Bao Zunxin, Bei Dao, Su Xiaokang und 47 weiteren Autoren. Er erklärt, die Traueraktionen der Studenten seien positiv und konstruktiv, und dass es eine grundlegend weise Politik sein würde, die öffentlichen Gefühle zu heilen und die Krise zusammen zu bestehen.

Die Beijinger Stadtregierung veröffentlicht eine Notiz: aufgrund der Trauerzeremonie für Hu Yaobang in der Großen Halle des Volkes müsse der Platz des Himmlischen Friedens bis zur Dämmerung am 22. April geräumt sein, und Autos und Fußgänger dürften den Platz nicht betreten. Tatsächlich handelt es sich um eine Maßnahme, mit der die Studenten daran gehindert werden sollen, sich dort zu versammeln und an der Trauerzeremonie teilzunehmen. Alle Universitäten in Beijing beschließen, dass sich die Studenten am Vorabend - also heute abend - auf dem Platz des Himmlischen Friedens versammeln.

Nach 20:00 sind etwa vierzigtausend Studenten von zwanzig Universitäten und Colleges auf dem Weg zum Platz des Himmlischen Friedens, von Universität zu Unversität. Es ist die erste gemeinsame Demonstration aller Beijinger Universitäten.

Die Massen applaudieren den Demonstranten zu Zehntausenden vom Straßenrand. Die Studenten, hochgestimmt, rufen Slogans wie "Lang lebe das Volk!", "Lang lebe das Verständnis!" und "Was tun wir? Wir sagen die Wahrheit!". Die Öffentlichkeit versorgt sie auf dem Weg mit Bechern heißen Wassers.

Die Demonstration ist strikt organisiert, in Fünfer- und Siebenerreihen. Studenten, die sich entlang der Straße aufgestellt haben, achten darauf, dass sich keine Unbeteiligten einreihen. Um 22:40 erreichen die ersten Studenten den Platz des Himmlischen Friedens, und um 01:30 sind alle angekommen. Zwischen zweihunderttausend und - Schätzungen einiger Berichte zufolge - vierhunderttausend Studenten und Zuschauer befinden sich auf dem Platz. Jede Universität und jedes College hat Delegierte mitgeschickt, die für etwaige Notfallbesprechungen und für die Aufrechterhaltung der Ordnung zuständig sind.

Am Abend kommt Zhen Songyu, ein Student, eilig herein und fragt uns (Wu Renhua, Liu Su und Chen Xiaoping), bei der Herstellung der Ordnung bei den Demonstrationsvorbereitungen zu helfen, die sich ziemlich chaotisch gestalten. Ich gehe zu den ersten Reihen der Demonstranten, Chen Xiaoping begleitet das Ende des Zugs, und Liu Su hält die Verbindung zwischen uns. Spät am Abend tauchen Wang Juntao und Zhang Lun unter den Demonstranten der University of Political Science and Law auf und suchen mich. Zhang Lun von der Beijing-Universität treffe ich zum erstenmal. Wang Juntao wird nach dem Ende der Bewegung von den Behörden als bösartiger Manipulateur (wörtlich: schwarze Hand) klassifiziert.

Am Nachmittag, nach der Kenntnisnahme von Berichten der Erziehungskommission, der Beijinger Stadtregierung, dem Ministerium für öffentliche Sicherheit, Xinhua und anderen Abteilungen ruft Partei-Generalsekretär Zhao Ziyang Li Tieying, Politbüromitglied und Direktor der Nationalen Erziehungskommission, an und macht einen Vorschlag, wie man die Kommunikation mit allen Universitäten aufrechterhalten und effektive Maßnahmen sicherstellen könne, die Leitung und Konfliktvermeidung ermöglichten.4) Am Nachmittag diskutiert Zhao auch mit dem ständigen Mitglied des Pollitbüros Hu Qili und dem Sekretariat des Zentralkomitees, und mit Politbüromitglied Rui Xingwen. Zhao sagt, dass die Nachrichten und die öffentliche Meinung einige korrekte Dinge hervorheben sollten, und bei Bejahung des Patriotismus der Studenten gleichzeitig auch auf die Bedeutung sozialer Stabilität hingewiesen werden müsse, und dass sich intensivierende Widersprüche verhindert werden müssten.

Li Peng, ständiges Politbüromitglied und Chef des Staatsrats fügt einem Bericht des Ministeriums für Öffentliche Sicherheit ("Hinsichtlich einiger illegaler Organisationen, die an den Universitäten auftauchen") einen Kommentar hinzu: "Genosse Li Tieying, diese Angelegenheit muss genau beobachtet und sofort den in Rede stehenden Universitäten mitgeteilt werden, damit dies den Gesetzen entsprechend unterbunden wird".In seinem Tagebuch notiert Li Peng:

Heute abend um sieben hielt Zhao Ziyang ein Treffen der ständigen Mitglieder des Politbüros ab und diskutierte die Formulierung der Bestattungsrede für Hu Yaobang. Es schätzt das Leben des Genossen Hu Yaobang hoch ein, aber dem Rat des Genossen Xiaoping [Deng Xiaoping] erhält Genosse Yaobang nicht den Titel eines großen Marxisten. Um 20:00 haben fünfzigtausend Studenten - im Namen einer Teilnahme an der Trauerzeremonie für Hu Yaobang - den Platz des Himmlischen Friedens betreten, um sicherzugehen, dass die Maßnahmen, die getroffen wurden, um sie am nächsten Tag fernzuhalten, nicht umgesetzt werden können. Am Abend habe ich die Entwicklung vom Büro aus verfolgt. Genosse Qiao Shi, unmittelbar zuständig, sagt dass die Maßnahmen zur Räumung des Platzes nicht umsetzbar sind.

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Anmerkungen

1) Eine andere Übersetzung wäre "Mörder"
2) Vergl. hierzu Eddie Chengs Anmerkungen zur die Rolle von "kleinen Flaschen" im Verlauf der Proteste
3) Vergl. Mittwoch, 19. April 1989
4) Genauer: Widersprüche

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Fortsetzung hier.

Dieser Beitrag ist der fünfte von mehreren über die chinesische Demokratiebewegung im Jahr 1989. Er basiert auf einem Bericht im Reportagestil, den Wu Renhua, ein früherer Hochschuldozent in Beijing, 2011 zusammenstellte. Daraus wird in diesen Beiträgen keine vollständige Übersetzung seiner Chronologie, und gelegentliche Übertragungsfehler sind nicht unwahrscheinlich. Für entsprechende Hinweise bin ich dankbar.

Wu Renhua bezieht sich zum Teil auf das, was er 1989 selbst sah, und zum Teil auf allgemein zugängliche Dokumente. Konkrete Quellen werden nur sporadisch angegeben, und über die Authenzität mancher der von ihm verwendeten Dokumente lässt sich streiten.

Wu Renhua's Bericht ist hier herunterladbar.

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» Sieben Forderungen, 17.05.13

21:59 20.05.2013
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Geschrieben von

JR's China Blog

Wer Demokratie für selbstverständlich hält, hat sie vermutlich geschenkt bekommen.
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