Wie Chiang Kai-shek China verlor

Revolutionskladde 2016 (1)
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OK, der wirkliche Titel war Sun Yatsens Vermächtnis, und der Autor war Gustav Amann, ein zeitweiliger Vertrauter Suns. Amann arbeitete von 1911 bis 1919 für die Siemens AG in Hankou, und danach in Beijing und Shanghai. Er starb wohl in den späten 1940er Jahren oder 1950, vermutlich in China. In den frühen Jahren der maßgeblich von Sun Yat-sen geführten Republik China unterstützte Amann Sun beim Anheuern deutscher Militärberater.

Zunächst 1928 in Berlin veröffentlicht, erschien das Buch bereits 1929 auch auf Englisch, in New York und Montreal. Frederick Philip Grove, der Übersetzer, schickte seiner Übersetzung - und zwei weiteren Vorwörtern aus Deutschland - eine Anmerkung voraus. Deutlich wird, wie viel der Darstellung Amanns aus den frühen Jahren der Republik China für den Übersetzer große Neuigkeiten waren:

Without identifying himself with any views propounded in the present volume – partly because he disagrees, partly because he simply does not know – the translater advised publication of this work of a German because he found in it a picture of a great subversion in modern history which, to say the least, is striking and novel. It seemed to him that the book, quite apart from its historical value, presents a struggle for freedom which is symbolic of the Promethean nature of man. No desire for propaganda was among the motives which prompted his labour.

Amanns Revolutionsbericht beginnt mit einer kurzen Wiedergabe der frühen Jahre chinesischer Interaktion mit Europa, von 505 und 1270 - den Nestorianern und Marco Polo, bis zur Abtretung Hong Kongs an Großbritannien und den Jahren, die zur Xinhai-Revolution führten - der Revolution, die die kaiserliche Herrschaft über China beendete und eine Republik an ihre Stelle setzte.

Dem geschichtlichen Abriss folgt eine Art verspäteter Grabrede auf Sun Yat-sen, eine Eloge über ziemlich viele Seiten, und man glaubt zu ahnen, warum der Übersetzer auf etwas eigenen Abstand zum Amannschen Anliegen bedacht ist - mal, weil er nicht zustimmen, mal, weil er etwas nicht beurteilen kann.

Sun Yatsen ist ein Heiliger. In Chiang Kai-shek hingegen, Suns Nachfolger als KMT-Führer, sieht Amann ein großes Unglück für die Revolution, aber zumindest nicht einen Reaktionär - als Reaktionäre beurteilt er andere Akteure der 1920er Jahre.

That the Confucian spirit will live on in the customs and usage of the people is a certainty. That Confucian morals and ethics will prevail in conduct, we must heartily hope and wish. But that the spiritual revolt already embraces the Chinese people as a whole [and no difference need be made between Cantonese and the Chinese of the north], that is the very thing which gives it its irresistible power from which events shoot up in spite of all politics. That the nationalist movement started from Canton is mere chance. It is a national wave which might have started anywhere – wherever Sun Yatsen was at work.

Vor maximaler Heldenverehrung schreckt Amann also nicht zurück. Aber das macht das Vermächtnis keineswegs zu einem langweiligen Buch. Amann war ein wirklicher Erzähler, und auf nur ca. 300 Seiten errichtete der den dramatischen Bogen von 1925 bis 1927, von Sun Yatsens Tod bis zu einem verpfuschten Ende der ersten Nördlichen Expedition Chiangs.

In mancher Weise nimmt Amann die Rolle vieler heutiger Sinologen ein, wenn auch eher auf intuitive als auf "wissenschaftliche" Weise. Mehrmals kritisiert er die europäische und amerikanische Presse, sowohl ihre Überseeausgaben als auch die Westpresse in China seiner Zeit. Unmittelbar nach den Vorworten, geschrieben von Karl Haushofer und Engelbert Krebs, schreibt Amann selbst eine Einführung:

The daily press is almost the only source from which the public gathers information about events in China. The spasmodic turmoil and the difficulty of arriving at a survey of the happening are responsible for the temptation to concentrate attention on mere externals. Curiosity, eager for sensation, prefers to devote itself to symptoms rather than to trhe causes of the mighty convulsions of the East. In the work of reporting, that seriousness which is due to the tragedy inherent in any revolution is, I am sorry to say, often wanting. At best the turn of events is represented as political or economic. Who, today, has an inkling that here is a great, ancient culture, hit in the innermost substance of its life by the hard drills of a western-European civilisation, which, in spite of subverting innovations fights on in a desperate struggle to preserve that mode of life which was allotted to it by nature and hallowed by tradition?
The Germans like to call themselves a matter-of-fact nation. At a time when this word had not yet become so fashionable though it held perhaps more truth than it does today, the great economist Wilhelm Roscher wrote in his “National Economy”, published 1854:
“The life of a people, like any life, is an indivisible whole, the manifold manifestations of which are connected by an inner bond. Whoever, therefore, wants to understand one side of it must know all sides; and, above all, there are seven sides which must be considered in this connection: language, religion, science, art, law, politics, and economics.”
Wilhelm Roscher goes on to say:
“That even for the material interests the spirit of the people is the main thing, is proved by the example of the Chinese who have known printing, gunpowder, and compass for such a long time without, for all that, having acquired a clearly defined public opinion, a good army, and a respectable carrying trade.”
[…] It is true that even today China has no considerable carrying trade, no good army; but it has at last a public opinion.
What we understand of it is only the elemental way in which it finds utterance, not its contents. Perhaps this modest attempt to honour the theorem of Wilhelm Roscher will find enough readers who are interested in the reality of the public opinion of China. (S. 23 – 25)

Und damit betritt Amann die Hallen der Historie. Da, wo er die revolutionären Ereignisse von 1911 und 1912 erreicht und beschreibt, wird dem Leser deutlich, warum dieses Buch in den 1920er Jahren für westliche Leser so bedeutend war.

Amann war wohl seit 1911 in China gewesen - in Hankou, noch dazu just am Schauplatz der Xinhai-Revolution in Wuchang. Und ganz anders als viele andere Ausländer war Amann offenbar ein sehr neugieriger ausländischer Geschäftsmann.

The ways of popular politics are obscure; their course was lighted up for the foreigners by no star of insight. Even after February 12, 1912, the date of the public abdication of the Manchu Regent, the foreigners in China believed that the proclamation of a republic was the result of chance. To prove that, the English historian J. O. P. Bland filled many pages of his book on the revolution. The foreigners saw nothing but what they could attribute to their own influence on the Manchu government.

Umso mehr, argumentiert Amann, wurden die Ausländer überrascht, als die Entwicklung über eine zeitschindende Vorbereitungsphase für eine konstitutionelle Monarchie hinausging - über eine Monarchie, die nur just die Kreise gestärkt hätte, in denen die Ausländer ihren Handel verfolgten (S. 65 f.)

Wer das Buch selbst lesen möchte - es ist offenbar online ohne Probleme antiquarisch zu haben, vielleicht sogar im deutschen Original - sollte hier vielleicht bis dahin nicht weiterlesen.

Die ausländischen Mächte waren nicht daran interessiert, Sun Yatsen in irgendeiner Weise zu unterstützen, die der KMT-Partei Macht- oder Einflussgewinne ermöglicht hätten, so Amann. Gleichwohl konsolidierten die Nationalisten ihre Kontrolle über den Süden Chinas - nicht zuletzt aufgrund der technischen und organisatorischen Unterstützung, die aus der neugegründeten Sowjetunion kam. Durch das ganze Buch hindurch hebt Amann die Beiträge Michail Borodins zum Erfolg der KMT hervor. Mehrmals betont er, dass ein chinesischer Nachbau der russischen Revolution nicht Borodins Ziel gewesen sei - ein Punkt, in dem Haushofer und Krebs in ihren Vorworten zum Buch, nicht mit Amann übereinstimmen.

Ebenfalls ein wichtiger Akteur ist T. V. Soong, Finanzminister der nationalistischen Regierung (und Sun Yatsens Schwager). Amann zitiert aus einem Brief, den der Minister einem Freund schrieb:

Ich habe das Amt des Finanzministers angetreten. Ich weiß noch nicht, was getan werden muss, aber es gibt auch sonst niemanden unter uns, der das weiß.

Die Sicherung der Regierungseinkünfte der KMT, von Steuern bis zu Importzöllen, wird als ein langer Kampf beschrieben, mit einigem Erfolg, aber keiner Vollendung, gegenüber den ausländischen Mächten. Als Soongs regelrechten Erfolg allerdings beschreibt Amann die Einführung einer Wirtschaft, die auf Papiergeld basiert habe, mit kreativen Methoden, die eine chinesische Vorlieber für reinen Tauschhandel unterliefen: all taxes were to be paid in Soong's bank notes.

Im Süden konsolidiert, begann die KMT ihre erste Nördliche Expedition. Sie ging schnell vor sich und war erfolgreich - was Amann insbesondere den russischen Beratern zuschrieb. Man erreichte und überschritt den Yangzi-Fluss. Aber die schnelle Expansion war nicht von einer politischen Konsolidierung in den gewonnenen Gebieten begleitet. Erste Warlord-Tendenzen seien in den von der KMT "kontrollierten" Gebieten zutage getreten:

This entire period from the occupation of the province of Hu-Nan by the nationalists stood in the sign of war and military leaders. The martial successes made the originally intended character of the campaign fade away. The defeat of potentates in the place of whose autocratic régime a popular government was to be established became more and more a campaign of conquest on the part of the armed power.

Der politische Arm der KMT eröffnete sein Hauptquartier in Hankou. Chiang Kai-shek behielt jedoch sein Hauptquartier in Nanchang in der Provinz Jiangxi bei - etwa 200 Kilometer Luftlinie südöstlich von Hankou.

Von militaristischen Tendenzen abgesehen kritisiert Amann Chiang Kai-shek vor allem dafür, den ausländischen Mächten zu nahegestanden zu haben, und auch dem chinesischen Bevölkerungsanteil, dessen Geschäfte den ausländischen eng verbunden gewesen seien. Außerdem entwickelten Chiang und seine Generäle eine Abneigung gegen die russischen Berater.

Viel von der Enttäuschung, die Amann als Borodins beschreibt, wird seine eigene Enttäuschung gewesen sein:

How the Chinese stand with regard to each other in this deep thing, what they themselves feel, is hard to say. Probably, what is treason to us, is to them only human nature. They escape it by never allowing themselves to be caught in unconditional devotion. Within the family, even with strangers, the Chinese are as a rule full of the frankest respect for friendship proved, or services of friendship received; they are touchingly loyal. Ingratitude arises from the system. The social structure of family ties withholds their innermost from flowing readily into the wider social connections. But is not in our own social, economic, and political system a service also priced most before it is rendered? Even in our world of politics, finance, and industry, there is a far way to the pure heights of gratitude for its own sake. (S. 268-269)

Den neuen Militarismus machte Amann verantwortlich für die Opposition und den Widerstand der Kommunisten innerhalb der KMT. Und doch macht Amann offenbar nicht nur der Form halber den Versuch, Chiang nicht unnötig negativ darzustellen:

In the sense, then, of the old, classical bureaucratic tradition, Chiang Kaishek’s attitude was irreproachable. But in his subjective choice of position he committed grave errors against Sun Yatsen’s cause. The collectivist system of government demanded of the nationalists first of all and under all circumstances, the preservation of an unbroken front towards the outer world. Chiang Kaishek, however, never redeemed his first step towards a separation, that step which held him in Nan-chang. Holding on to his old stubbornness, he refused to attend the convention of the central executive council at Hankau which was called, as an emergency measure to save, if possible, the régime at Hankau out of dissension, for the date of March 7, 1927. Twenty-six members of the council had appeared. Chiang Kaishek with his nearest followers stayed away. (S. 289)

Das Shanghai-Massaker (Amann bezeichnete es noch nicht als solches) habe den Zeitpunkt markiert, an dem die KMT da angekommen war, wo die reaktionären besitzenden Klassen sie immer hatten haben wollen (S. 287). Chiang habe sich von ihrer Ablehnung einer beherrschenden Stellung des Proletariats beeinflussen lassen - aufgrund einer "soldatischen" Einstellung:

This point was the innermost causal motive of the quarrels which had driven Chiang Kaishek into the opposition. He was a soldier. Discipline and order were second nature to him; he hated the phenomena of high-handed action which, against the rigid ideas regarding property held by the upper strate of the population, were necessarily connected with the emancipation of peasants and workmen. […] To him, these disturbances were intentional anarchy; he held the communistic elements in the government responsible for them.

From such purely subjective suppositions Chiang Kaishek believed, no doubt in all honesty of conviction, that the right to strike and similar means of compulsion in the hand of proletarians must become fatal to empire and people. He believed that he was called upon, by means of power of his army, to return the carrying-out of reforms to the hands of government. He wished to help the common people. He wished to concede to it the consideration which it demanded, but not the power. Self-help of the people he condemned as a matter of principle; and at last he went so far as to suppress it by force of arms. He had, then, reached the point where the reactionary propertied classes wanted to see the nationalist government (S. 287).

Es ist seltsam sich vorzustellen, dass Amann vermutlich immer noch in China war, als die KMT - nach einem gegen die Japaner gewonnenen, aber gegen die chinesischen Kommunisten verlorenen Krieg - ihre Flucht nach Taiwan vorbereitete. Schon 1927 hatte er offenbar nur noch wenig von den Militärs der KMT erwartet, und von der propagandistischen Durchschlagskraft der Partei wohl auch nicht. Aus seiner Sicht war es vorbei, nachdem die Russen das zerstörte Feld ihrer Bemühungen verlassen hatten und in die Sowjetunion zurückgekehrt waren.

In der Darstellung seiner Sicht der sowjetischen Absichten in China schrieb Amann, dass Borodin zwar ein Mitglied der kommunistischen Ordnung Ruslands gewesen sei.

He belonged to the Trotzki group which is today known as the opposition of the Stalin government and represented, in Russia, the radical dictatorship of the proletariat. But to hurl communistic propaganda into the Chinese people was not Borodin’s task. Trotzki himself has, on several occasions, issued public declarations of the aims of Russia in China. Russia, he said, gave its help for the purpose of freeing the country from the capitalistic compulsion of the foreign powers; it did not aim at a dictatorship of the proletariat. The proletariat of China has no aims of its own. In the system of old China, its class had admission to the official careers; with this tradition the proletariat was satisfied; it had no desire to rule by dictatorship. The awakening of workmen and peasants to political life, by Sun Yatsen, had accordingly called forth, in labour unions and peasant associations, none but economic hopes. […] They had not risen to fight for power over the middle class and over the class of officialdom. In the Kuo-Mintang, too, and in the nationalist government, an overwhelming majority of members and leaders were totally averse to communism. They looked to the methods of Russia to help them lead the common people to salvation themselves. A dictatorship of the masses over their leadership they would not have tolerated; nor a communistic expropriation of private property. (S. 217-218)

Ohne den russischen Einsatz, der ab 1927 ausblieb, waren Chiangs Streitkräfte - angeblich - fast auf den Zustand zurückgefallen, den Amann in einer schonungslosen Beschreibung so darstellte:

Chiang Kaishek’s fighting forces reached at times beyond Hsu-Cheu, on the railway from Pu-Keu to Peking. But they could not force a decision against Sun Chuan-fang’s regiments which, reorganised in northern Kiang-Su, had reappeared, and against the Shan-Tung troops of Chang Chung Chang. Chiang Kaishek lacked that knowledge of a superior military and propagandist attack on strategic points of the front, by means of which the Russians had made him a present of lightning successes in battle. At last the Nanking army had even to fall back to the right bank of the Yang-Tze-Kiang, content with defending this side of the river. (S. 294)

Die KMT blieb - militärisch jedenfalls - nach den 1920er Jahren nicht durchweg erfolglos, und auch der bevorstehende Krieg der Zentralebene markierte noch nicht das Ende der KMT-Herrschaft in China.

Aber der Funke von Wuchang erwies sich nicht als der Beginn einer Welt, wie Amann sie sich in seinem Fazit seiner Erinnerungen noch einmal vor Augen rief - als eine Art Vision, die er sich nicht nehmen lassen wollte:

Militarism within the Kuo-Mintang will still be vanquished, whichever way it be; for the ideas of a liberation from autocracy, of a share in the determination of the conditions of its own life, of a deliverance from the power of the propertied classes over the living life of the common people, are working deeply in the masses.
All times have fought for freedom; every age for a freedom of its own; and the Chinese people will fight on for its special freedom.

Jährlich am 1. Oktober feiert die VR China den Jahrestag ihrer Ausrufung durch Mao Zedong - in diesem Jahr ist es der 67. Jahrestag. Die Kuomintang (KMT, Nationale Volkspartei) floh vor 67 Jahren nach dem gegen die Kommunisten verlorenen Krieg nach Taiwan.

Jährlich am 10. Oktober feiert Taiwan den Gründungstag der Republik China. In diesem Jahr ist es der 105. Jahrestag. Zwischen dem Gründungstag im Jahr 1911 und der Flucht auf die Insel kämpfte die Republik zunächst gegen ihre eignen Warlords und ab den späten 1920er Jahren gegen die kommunistischen Streitkräfte, dann gegen die Japaner, und dann siegten die Kommunisten.

Ein deutscher Zeitzeuge und Berater Sun Yatsens beschrieb bereits Ende der 1920er Jahre seine Eindrücke der frühen republikanischen Jahre Chinas, und übte scharfe Kritik am Militarismus der KMT unter Chiang Kai-shek.

Ob Historiker sie so stehenlassen würden, versuche ich (hier und dort) nicht herauszufinden - mein Geschichtswissen hält sich in Grenzen.

07:15 01.10.2016
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JR's China Blog

Marxisten können die Zukunft vorhersagen. Das mit der Vergangenheit ist komplizierter.
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