Wie ein Kontinent ausgeplündert wird

Armes/Reiches Afrika Einige Bemerkungen dazu, wen die Regeln der Weltökonomie bestrafen - und wer diese Regeln ändern kann.
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von J. Taylor, Hong Kong

Afrika ist reich an Bodenschätzen, reich an fruchtbaren Böden und reich an Talenten seiner Bewohner. Trotzdem kommt dieser Kontinent nicht auf die Beine. Was wie ein Paradoxon aussieht, ist im Grunde eine perfide Strategie, deren Methoden und Werkzeuge sind jedoch nicht die spätkolonialen Ausbeuter, die sich auf Fotos und in Artikeln gut vermarkten lassen, irrlichternde Glücksritter, die sich zu Diktatoren gerieren, vielleicht europäische Soldaten, die in kleinen Gruppen und oft wirkungslos umherirren und von den in Afrika existierenden Privatarmeen großer Unternehmen in einem Gefecht pulverisiert werden könnten, sondern ein bürokratisches Monster mit dem Namen „Verrechnungspreis“.

Ein durchschnittlicher Europäer hat oft eine naive Vorstellung von einem Verrechnungspreis, was sich eklatant ändern würde, wenn dieser Europäer wüsste, wie sein in Indien, Bangladesh oder China produziertes T-Shirt bereits in seinem Wert ausgeschöpft ist, bevor es in einem Container auf einem nach Europa fahrenden Dampfer gelangt. Dieses T-Shirt hat, noch bevor es geschnitten und genäht wurde, bereits Hunderte Male den Besitzer gewechselt und jeder dieser „temporären Besitzer“ hat seine Gewinnmarge aufgeschlagen. Das klingt erst einmal wie eine ganz normale Geschichte aus dem dreckigen Keller des Kapitalismus, also nichts aufregendes in einer Welt ohne Ethik und Moral, allerdings muss nun noch ergänzt werden, dass die „temporären Besitzer“ dieses T-Shirts, auch wenn es Hunderte wären, meist nur einem Eigentümer zuzuordnen sind, dies auch dann, wenn alle bei diesen Geschäften beteiligten Unternehmen und Personen unterschiedliche Namen tragen und auf dem Papier Menschen gehören, die nicht einmal verwandt klingen. Einen „Namen“, über den sich Unternehmen, Konten und Funktionen völlig anonym organisieren lassen, bekommt man in vielen Steueroasen bereits für etwa 100 Euro im Monat, auch dann, wenn viele Milliarden Euro oder Dollar über diese Firma und die Konten abgerechnet werden. Die Kosten für die Gründung solcher legalen Unternehmen liegen meist unter 10.000,00 US-Dollar, die jährlichen Gebühren und die Gehälter für die Nominees sogar noch darunter. Das sind Geldsummen, die im Verhältnis zum möglichen Gewinn kaum ins Gewicht fallen.

Was mit simplen T-Shirts aus Asien funktioniert, lässt sich auch ohne viel Phantasie auf den Handel mit Rohstoffen und auf landwirtschaftliche Güter aus Afrika übertragen. Die dominierenden Player dieses hässlichen Spiels besitzen manchmal bekannte Namen wie Glencore Xstrata, Vale, Rio Tinto, BHP Billiton, Anglo American, China Shenhua, meist eingetragene Aktiengesellschaften und einem Aufsichtsrat, in dem das Who-is-Who der Wirtschaftselite vertreten ist. Jeder Mensch kann sehen was diese Unternehmen treiben, weil sie Veröffentlichungspflichten zu erfüllen haben – jeder Mensch könnte es, wenn er es nur wollte. Auch deshalb schwirren ganze Horden von Anwälten um diese Unternehmen herum, immer bemüht engagierte Kritiker mundtot zu machen und mögliche Prozesse bereits im Keim zu ersticken. Dagegen sind die wirklich harten Player in diesem Markt den meisten normalen Menschen völlig unbekannt. Die dominierenden Player unterhalb der öffentlichen Wahrnehmung heißen Vitol, Gunvor und Trafigura, Namen, die recht exotisch klingen, aber in der Regel von den Niederlanden aus operieren, also direkt aus dem Zentrum der EU heraus. Richtig bunt und wie aus einem Bondfilm entsprungen ist beispielsweise Gunvor, ein Unternehmen, dessen Chef auf den schönen Namen Timotschenko hört und früher in der Auslandsspionage des KGB gearbeitet haben soll, ein Gerücht selbstverständlich, denn der Mann besitzt inzwischen einen finnischen Pass. Diese Unternehmen handeln auch all das, was besser in keiner Bilanz eines an die Pflicht zu Veröffentlichung gebundenen Unternehmens zu sehen sein sollte.

Wie funktioniert nun dieser ominöse Verrechnungspreis für Rohstoffe aus Afrika? In der Regel beantragt ein Unternehmen, beispielsweise Glencore Xstrata, in einem Staat eine Schürf- und Ausfuhrlizenz für einen Rohstoff, investiert in die Anlagen, oftmals unterstützt von der Weltbank, kassiert Prämien und finanzielle Mittel dafür, dass das Unternehmen in Afrika investiert, und konstruiert mit dem Staat, in dem die Schürf- und Ausfuhrlizenz erwirkt wurde, einen langfristigen Vertrag mit einem langfristig festgelegtem Preis, dem sogenannten Verrechnungspreis. Dieser ist allerdings völlig abgekoppelt von Marktpreisen, dem Weltmarkt für Rohstoffe und den Preisen, die an den Rohstoffbörsen fixiert werden. Der Verrechnungspreis ist eine künstliche Konstante, die den Staaten eine langfristige Planungssicherheit vorgaukelt, in Wahrheit aber nichts weiter als eine Abschöpfungskonstante ist.

In der Realität gewinnen bei Preissteigerungen für die Rohstoffe (Börsenkurse der Rohstoffe) nur die Rohstoffkonzerne, die Rohstoffhändler und die Eliten der jeweiligen Förderländer, ebenso landen dort die gewöhnlichen Gewinne der Produktion vor Ort. Von Steuerzahlungen in den Produktionsländern lassen sich die Rohstoffkonzerne in der Regel langfristig befreien oder schachteln die Unternehmensstruktur so, dass am Produktionsort nur Verluste anfallen. Trotz des Reichtums an Bodenschätzen bleibt Afrika arm, denn alle Gewinne landen bei den Konzernen, den Rohstoffhändlern oder auf Treuhandkonten der Eliten des Landes.

Die Ausplünderung afrikanischer Staaten hat inzwischen ein Maß erreicht, bei dem das Verhältnis von Geldmittelzuflüssen nach Afrika, beispielsweise Investitionen oder Entwicklungshilfe, zu den Geldmittelabflüssen an die Konzerne, Rohstoffhändler und korrupten Eliten 1:10 beträgt. Jeder als Investition nach Afrika fließenden Euro oder Dollar wird durch Raffen verzehnfacht, das entspricht einer Rendite von 1000%. Jeder aus Europa nach Afrika fließende Euro produziert so einen Kapitalabfluss aus ohnehin armen Ländern von 10 Euro, ein Umstand, der einen Teil der sichtbaren Armut Afrikas und der Not der Menschen erklärt, aber auch die Antwort darauf liefert, warum nach Jahrzehnten Entwicklungshilfe nur wenig Verbesserung zu erkennen ist. Gegen den Kapitalabfluss sind die Zahlungen aus der Entwicklungshilfe oder das Engagement der NGOs nur Peanuts.

Die Staaten Afrikas verlieren jedoch nicht nur durch den Kapitalabfluss, die Rohstoffkonzerne und deren Helfer hinterlassen vor Ort noch eine Botschaft, die sich meist in Hungerlöhnen, Dreck, Müll, Umweltverschmutzung und kontaminierten Böden zeigt. Die sehr hohen Umweltstandards und die Rechte der Arbeitnehmer innerhalb der EU gelten natürlich in Afrika nicht, ein Umstand, der viele Manager frohlocken lässt und alle Hemmungen löst. Das versprochene Jobwunder vor Ort findet meist nur zu Bedingungen statt, die schlimmer als die Sklaverei sind. Das produziert natürlich auch in Afrika Widerstand, der dann entweder von willfährigen Regierungen gebrochen wird oder die Unternehmen besitzen dafür eigene Sicherheitsdienste. Um die Größenordnung dieser privaten Armeen in Afrika einzuschätzen genügt ein Blick auf die Firma de Beers, dem Monopolisten für Diamanten. In den Hochzeiten hätte es der Sicherheitsdienst der Firma de Beers locker mit den meisten europäischen Armeen aufnehmen können, selbst dann, wenn diese vollständig angetreten wären. Heute agieren die Rohstoffkonzerne geschickter und vermitteln statt dessen Ausbilder für Polizei und Armee in die Staaten, in denen ihre Interessen geschützt werden sollen. Würden diese Ausbilder dafür sorgen, dass die Rechtssicherheit und die gefühlte Sicherheit im Alltag erhöht ist, wäre dagegen kaum etwas zu sagen, aber altruistisch sind Konzerne nun einmal nur dann, wenn sie dafür einen Verdienstorden und gesellschaftliche Anerkennung bekommen. Das ist in Afrika entweder ausgeschlossen oder wertlos, zumindest aus der Sicht der Konzerne.

Wie im Beispiel mit den T-Shirts aus Asien findet analog die wundersame Geldvermehrung in der Rohstoffgewinnung auch schon statt, wenn diese noch tief in der Erde schlummern. Wer Kupfer für das Jahr 2016 kaufen möchte, kann dazu mit den Rohstoffkonzernen oder den Händlern einen Lieferkontrakt abschließen, in dem eine Fördernummer oder eine Chargennummer als verbrieftes Recht oder Zertifikat erworben werden kann. Diese Zertifikate werden gehandelt wie Obst auf dem Wochenmarkt, allerdings nicht für jedermann erhältlich, denn zum Kauf benötigt man einen Letter of Credit, ein LC. Dieses wird nur anerkannt, wenn es von einer führenden Bank mit einem Rating von mindestens A+ ausgestellt wurde. Nur wer bekommt schon von seiner Bank im Jahre 2014 eine uneingeschränkte Garantie, dass die Bezahlung der Bestellung im Jahre 2016 für den Lieferanten einklagbar und ohne Widerspruch eingelöst wird? Reiche, denen es auch nichts ausmacht einen Letter of Credit in 3-stelliger Millionenhöhe zu 100% mit Guthaben zu hinterlegen. Selbst wenn die Staaten Afrikas in den Handel mit den eigenen Rohstoffen einsteigen wollten, wären sie dazu nur in der Lage, wenn sie eine Bank besitzen würden, die ihnen den benötigten Letter of Credit ausstellt. Und hier schließt sich der Kreis, denn durch die Regeln in Rohstoffkontrakten werden alle Anstrengungen von Staaten, die die Kontrolle über ihre eigenen Rohstoffe behalten wollen, quasi ausgehebelt.

Die wundersame Geldvermehrung läuft immer nach dem gleichen Schema ab: Am Anfang werden in den Rohstoffkontrakten die Verrechnungspreise langfristig fixiert, die Produktion in der Zukunft wird noch bevor die Rohstoffe das Licht der Welt erblicken als Zertikat gehandelt und der Handel ist auf wenige Player beschränkt, nämlich nur auf die, die sich einen Letter of Credit leisten können. Alles andere ist ein Spiel, bei dem nur die internationalen Konzerne, die Rohstoffhändler und die Banken gewinnen. Natürlich funktionieren die Rohstoffkontrakte aus denen Europa beliefert wird, ähnlich, nur ist die Stellung eines Letter of Credit in Europa kein Problem und die Preise in den Kontrakten haben eine Gleitklausel, so dass immer der Preis gezahlt wird, der an der Börse fixiert wurde. Afrika liefert mehrheitlich zu Preisen, die anno dazumal in einem Hinterzimmer auf die Ewigkeit in Verträge gezimmert wurden, die notfalls mit diplomatischem Druck oder militärischer Macht eingefordert werden. Die Verrechnungspreise, auch wenn das Wort sauber, rein und unschuldig klingt, sind in der Moderne die Ketten der Sklaverei, die man nur mit viel Geld und militärischer Macht loswerden kann, alles Optionen, die in Afrika einen Mangel darstellen.

Afrika hat aufgrund der Verrechnungspreise in den Verträgen nicht die Spur einer Chance jemals auf einem grünen Zweig zu kommen. Bedenkt man, dass in Afrika etwa eine Milliarde Menschen leben, von denen sogar etwa 50% jünger als 15 Jahre sind, kann entweder eine riesige humanitäre Katastrophe oder eine fürchterliche Gegenkraft als sicher angenommen werden. Was Afrika braucht sind nicht Waldorflehrer, die sich darüber freuen, dass die Menschen eine altertümliche Tafel mit Kreide bekommen, sondern Menschen, die Afrika auf Augenhöhe wahrnehmen und mit den Regierungen und Menschen vor Ort Verträge aushandeln, die das Wort „fair“ verdient haben. Es geht darum, dass der Kapitalabfluss aus Afrika wenn nicht gestoppt, so doch wenigsten auf ein vernünftiges Maß reduziert werden kann. Afrika ist reich, nur landet dieser Reichtum am Ende nicht da, wo er geschöpft wird.

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» Where diamonds are forever, NYT, 08.08.08

16:25 09.03.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

JR's China Blog

Marxisten können die Zukunft vorhersagen. Das mit der Vergangenheit ist komplizierter.
JR's China Blog

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