Wie Michail Gorbatschow die UdSSR verlor

Reading Ellul. Gorbatschow wurde im März 1985 Generalsekretär der KPdSU. Versuch einer Betrachtung im Licht eines (andauernden) Lese-Erlebnisses - Details dazu unter "Info" (links).
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Als die Unterzeichner der Charta 77 in der Tschechoslowakei im Januar 1977 ihre Namen unter das "konterrevolutionäre" Dokument setzten, befanden sie sich nicht im gesellschaftlichen Mainstream. Wer von ihnen bis dahin noch zur gefühlten Mehrheitsgesellschaft gehört haben mochte, trennte sich in dem Moment von ihr, als er sich der Charta anschloss.

Menschen im Westen vergessen das leicht - oft müssen sie es nicht einmal vergessen, weil es ihnen ohnehin nie bewusst wurde. Die große Geschichtserzählung will es so, dass eine tschechoslowakische Mehrheit durchweg gegen die kommunistische Herrschaft opponierte, aber aus Angst nicht den Schritt von der antikommunistischen Überzeugung hin zu entsprechenden Handlungen wagte; zumindest nicht nach 1968.

Der zweite Teil der großen Geschichtserzählung muss nicht falsch sein. Angst und die aus ihr folgende Lähmung spielten eine Rolle. Aber das gilt - in unterschiedlicher Intensität - für jede moderne (oder postmoderne) Massengesellschaft.

Kontinuierliche Propaganda ermutigt massengesellschaftlich konformes Verhalten, und in totalitären Gesellschaften auch konformes Denken. Sie entmutigt unabhängiges Handeln, und in totalitären Gesellschaften auch individuelles Denken.

Tschechen und Slowaken hatten sicher ihre Vorbehalte gegenüber dem Staat und der von ihr beherrschten Partei, aber sie waren in der Regel keine Opponenten des Staates und der Partei. Gleiches galt für die meisten "Ostblockstaaten" - Polen mag eine Ausnahme sein.

Eine Meinungsumfrage - deren Glaubwürdigkeit sicherlich in Frage gestellt werden kann - will 2013 herausgefunden haben, dass für eine Mehrheit der Russen Leonid Brezhnev, Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) von 1964 bis 1982, der populärste "russische" Führer des 20. Jahrhunderts gewesen sei. Gorbatschow schnitt demnach am schlechtesten ab.

Das erscheint nicht unwahrscheinlich. Im Gegensatz zu allen seinen Vorgängern unter den Sowjetführern - und seinen Nachfolgern - vermittelte er vielen Russen das Gefühl, dass die Partei und der Staat sie in manchen privaten Dingen - anders als zuvor - in Ruhe ließen, und dass die Führung sie andererseits gegen viele existenzielle Lebensrisiken schützte. Das Leben in der UdSSR begann, sich "normal" anzufühlen, trotz der später von Gorbatschow beklagten wirtschaftlichen Stagnation der 1970er und 1980er Jahre. Im Gegensatz zu Lenins, Stalins, Kruschtschows, und später Gorbatschows Führung schien eine ruhige Hand das Land zu leiten. (Was davon Empfindungen der damaligen Zeit waren, und was später die vergoldete Erinnerung hergab, muss wohl ungeklärt bleiben.)

Dass Russen sich mit vergleichsweise wenig zufrieden geben - von einer mitteleuropäischen Perspektive, und das heißt auch von einer ostdeutschen oder tschechoslowakischen -, mag zum Teil mit der Geschichte erklärbar sein, die der sowjetischen voranging - Leibeigenschaft, brutale landwirtschaftliche und industrielle Ausbeutung, usw.. Aber das erklärt vermutlich nicht alles. Vielen Russen war die relative Brezhnevsche Ruhe willkommen, das sie nach Jahrzehnten der Agitation, der Hungersnöte, Massenverhaftungen, Schauprozesse, und dem deutschen Krieg gegen ihr Land, nun leben konnten.

Das wurde mit Gorbatschow und seinen Effizienzbemühungen - wieder - anders. Warum er nicht populär werden konnte, deutet sich womöglich schon in einer Wikipedia-Zusammenfassung der ersten Wochen seiner Führung aus: Bereits zu Beginn seiner Amtszeit startete er mit dem Vernichten von Weinstöcken und Obstbäumen die größte Anti-Alkohol-Kampagne, die es jemals in der UdSSR gab.

Das muss nicht heißen, dass der größere Teil der russischen Bevölkerung unter Entzugserscheinungen zu leiden begann. Es kann ebenso gut bedeuten, dass ein Volk, das offene Bevormundung ja keineswegs schätzte, ein deja-vu erlebte. Gorbatschow überschritt eine (private) Grenze. Stärker ausgedrückt, vermittelte er der Öffentlichkeit den Eindruck, die neue Führung betrachte das russische Volk als einen Haufen fauler, nutzloser Saufnasen.

Und Gorbatschow tat etwas, was eine erfolgreiche Propaganda - laut Ellul - niemals tun würde: er wandte sich gegen den Zentralstaat.

Durchaus möglich, dass ihm die annähernde Aussichtslosigkeit dieser Strategie durchaus bewusst war - dass es sich dabei also um eine Verzweiflungstat handelte.

Das ist in Deutschland, wo Gorbatschow vielfach Kultstatus genießt, kaum vorstellbar. Sicherlich half die sympathische Art und Weise des Sowjetchefs dabei, und ebenso die Bereitschaft vieler westdeutscher Medien, ihn zu hypen (und zum Teil vielleicht in der damaligen DDR die Linie ostdeutscher Medien, möglichst viel Distanz zu ihm zu halten). Aber der Hauptfaktor im Erfolg der Gorbatschowschen "PR", der 1986 von Helmut Kohl in unmissverständlichen Worten beklagt wurde, war die Art, in der seine Politik der Offenheit und Umgestaltung in die westdeutsche Propaganda passte. Im Grunde scheint damit auf der Hand zu liegen, dass nahezu gespiegelt zur deutschen Gorbimanie eine Entfremdung Gorbatschows zu den grundlegenden sowjetischen - oder russischen? - Mythen und der auf ihr basierenden langfristigen Propaganda stattfand.

Auch für Amerikaner ist das schwer nachvollziehbar. Einer der Lieblingswitze Ronald Reagans ging so:

Selbst wenn die KPdSU morgen eine Oppositionspartei zuließe, bliebe die Sowjetunion ein Einparteienstaat - jeder würde die Oppositionspartei wählen.

Die Propaganda der KPdSU fasste nie richtig Fuß in der Tschechoslowakei oder in Ostdeutschland - nicht so, wie sie es in Russland tat. Dafür mag es verschiedene Gründe geben. Zum einen war den und Slowaken die Befreiung von der deutschen Besatzung zwar willkommen, aber die Ideologie, die Moskau ihnen bald darauf aufzudrängen begann, beantwortete nicht die Fragen, die sie gerne gestellt hätten. Sie beseitigte keinen als solchen empfundenen Mangel. Das ist aber - laut Ellul - entscheidend für propagandistische Erfolge. Die Tschechoslowakei war weniger ein anschauliches Beispiel für den Erfolg propgandistischer Agitation, als für Repression - insbesondere mit der Niederschlagung des "Prager Frühlings".

Aber ob die Rezeptur nun aus Agitation, der Verbreitung von Furcht, oder einer Kombination aus beidem besteht: wenn bei Menschen ein Lebensgefühl besteht, das von Hilflosigkeit beherrscht ist, öffnen sie sich mehrheitlich für die systemische Propaganda. Um sich "einig" zu werden mit der Welt, "wie sie nun mal ist". Um nicht ein Leben lang zu den Geschlagenen zu gehören.

In dieser Situation wurde die Charta 77 zu einer Herausforderung. Für die Behörden ohnehin, aber auch für viele "normale Bürger", denen sie durch ihr Handeln mindestens andeuteten, das es auch anders gehe. Die Dissidenten waren eine Minderheit - sie gehörten nicht zum Mainstream.

Eben das war ehrenvoll. Es war menschengerecht. Und Gorbatschows Mut zu Reformen war nicht weniger ehrenvoll.

Aber zum äußeren, verändernden Erfolg führen solche Bemühungen nur mit vielen glücklichen Faktoren, die zur Arbeit hinzukommen müssen. Gorbatschow hatte diesen Erfolg nicht. Und eins ist der Propaganda aller Länder, seien sie demokratisch, autoritär oder totaltär verfasst, gemeinsam: Erfolglosigkeit geht überhaupt nicht.

Über Michail Gorbatschow lässt sich viel Gutes sagen. Aber im Zusammenhang mit dem Buch, das ich gerade lese, drängt sich vor allem der Gedanke an das auf, was seine Führung zum Scheitern brachte - oder zum Scheitern verurteilte.

Linkspazi »brachte mich zu dem oben genannten Leseerlebnis.

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Jacques Ellul: Propaganda - the Formation of Men's Attitudes.

1962 auf Französisch veröffentlicht, fand Propagandes ab 1965 auch englischsprachige Leser.

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Moderne Propaganda ist keine Agitation, sondern konstante Konditionierung, möglichst nicht gegen, sondern mit allgemein empfundenen Normen. Sie erklärt dem propagandee, dem Propagandaempfänger, die Welt, so Ellul. Sie helfe ihm bei der Einordnung seiner Erfahrungen. Sie "helfe" ihm, anders zu handeln, als er denkt - auch gegen seine eigentlichen Überzeugungen -, ohne sich selbst deswegen dauerhaft als kompromittiert zu erleben. Sie stabilisiert damit auch die moderne Massengesellschaft.

Warnung: Was ich blogge, ist eine Reaktion auf das, was ich lese. Ich greife zu den Beispielen, die mir als erstes einfallen, und verarbeite sich gedanklich bzw. schriftlich. Es handelt sich dabei um keine Wiedergabe Elluls - schon gar nicht durchwegs. Wer Ellul verstehen will, muss ihn lesen - nicht mich.

Einen ersten Eindruck dessen, was der Leser Elluls bekommt, findet sich zum Beispiel bei Wikipedia. Das englischsprachige Buch ist als Reprint im Handel erhältlich.

Credits: Linkspazi - vergleiche "Info" links vom Blogtext. Nicht misszuverstehen: seine und meine Sicht unterscheiden sich vermutlich deutlich voneinander.
10:21 23.02.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

JR's China Blog

Wer Demokratie für selbstverständlich hält, hat sie vermutlich geschenkt bekommen.
JR's China Blog

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