Die Erinnerung frisch an die Wand zeichnen

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Das Loveparade-Unglück am 24. Juli 2010 beschäftig die DuisburgerInnen in diesen Tagen wieder einmal etwas mehr. Ab Donnerstag, den 12. Januar, können nämlich rund 370.000 Menschen über 16 Jahren abstimmen, ob der seit dem Unglück immer wieder stark kritisierte Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) im Amt bleiben soll oder nicht.
Dieser Bericht wurde zehn Monate nach dem Unglück von mir im Rahmen einer Bewerbung auf einer Journalistenschule verfasst und schildert den mittlerweile verlorenen Kampf der Angehörigen um ein Denkmal direkt am Unglücksort.

Von Jan Felix Walther

Von überall her hörte man Sirenen und sah Rettungswagen zum alten Güterbahnhof fahren. In der Luft dröhnten die lauten Rotorblätter der Hubschrauber des Rettungsdienstes und der Polizei. Im Minutentakt kamen neue Rettungskräfte die Karl-Lehr-Straße entlang, um zur Rampe zu gelangen, an der etwas Schreckliches geschehen sein musste.

Es schien, als sei der gesamte Katastrophenschutz und Rettungsdienst Deutschlands in diesem Moment in Duisburg. Diese nicht aufhörende Kolonne von Rettungs- und Krankenwagen, Notarztfahrzeugen und Polizeiautos bahnte sich den Weg frei zu dem Tunnel, den viele Menschen nun für immer mit Duisburg und der Loveparade verbinden werden.

Kornelia Hendrix' Gesicht ist staubig und sie sieht müde aus. Sie hat heute den ganzen Tag damit verbracht, die Schattenfiguren im Tunnel, der zum Loveparade-Gelände führt, mit Sandstrahlern nachzuzeichnen. Diese Schattenfiguren sollen an die Menschen erinnern, die an jenem Tag feiern wollten bis es dann zu diesem Unglück mit 21 Toten kam.
Seit nun schon 10 Monaten trifft sie sich an jedem 24. eines Monats mit anderen an dieser Stelle, um dafür zu sorgen, dass die provisorische Gedenkstelle an der Karl-Lehr-Straße gepflegt und das Andenken gewahrt wird.

Hendrix ist Vorstand des Opfer-Verbandes „Never Forget“, der an die Opfer der Loveparade erinnern soll. Sie und die anderen Mitglieder, die heute mit Sandstrahlern und viel Kraft die Erinnerung frisch an die Wand zeichneten, wollen auch weiterhin hier trauern, wo so viele verletzt worden und gestorben sind.

Nirgendwo anders können sie sich einen angemessenen Ort vorstellen, der den Opfern der Loveparade würdig wäre. Doch der Eigentümer des Geländes Kurt Krieger ist dagegen und die Stadt scheint auch Einwände zu haben. Sie sind für eine andere Stelle; nicht dort, wo Kriegers neues Möbelgeschäft gebaut werden soll. Die Rampe, an der 21 Menschen starben, soll die Zufahrt werden für die neue Niederlassung.

Wenn man heute zu dem alten Güterbahnhof kommt, erwartet einen eine gespenstische Atmosphäre. Briefe und kleine Bändchen sind auch jetzt noch an einem Absperrzaun an der Rampe befestigt. Auf der Treppe, deren Bilder Wochen lang durch die Presse gingen, sieht man nun 21 Kreuze mit Name und Herkunft der Opfer.

Am Boden stehen auf weißen Steinchen Bilder einiger Toter. Direkt an der Wand darüber hängt warnend eine offizielle Gedenktafel der Stadt aus Bronze, auf der man die Anteilnahme Duisburgs lesen kann: „Duisburg gedenkt der Opfer der Loveparade – 24. Juli 2010“.
Und bei dieser kleinen Tafel soll es wohl auch vor Ort bleiben, mehr Erinnerung am alten Güterbahnhof soll nach dem Willen einiger Offizieller nicht kommen.

„Die Stadt schiebt es dem Grundstücksbesitzer Kurt Krieger zu und andersherum“, dass der Karl-Lehr-Tunnel nicht Ort des Gedenkens werde, erklärt Kornelia Hendrix. Seit einem Jahr fast ginge das nun schon so, erläutert Hendrix weiter. Wie schon bereits bei der Suche nach den Ursachen des Unglücks wolle ebenfalls keiner bei der Frage der Trauerstätte verantwortlich sein und entscheiden.
Sie wisse schon gar nicht mehr, an wem das Vorhaben einer Gedenkstelle direkt am alten Güterbahnhof im Moment genau scheitere.

Nun wird das 3 x 3 Meter große Mahnmal des Künstlers Gerhard Losemann wohl auf einer städtischen Wiese am Rande der Karl-Lehr-Straße stehen.
Nichtsdestotrotz werden Trauernde Kornelia Hendrix und die übrigen „Never Forget“-Mitglieder vorerst weiterhin bei ihren Arbeiten dort auffinden können, wo 21 Menschen starben.

09:39 14.01.2012
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Geschrieben von

Jan Felix Walther

Journalist - Musikbegeistert - Student
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Jan Felix Walther

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