Meinungen als trojanische Pferde

Von Rönne-Debatte Zur gesellschaftlichen Lage der von Rönne-Debatte: Hinter den Kulissen des öffentlichen Theaters. Ein Lehrstück, wie rechte Meinungen sich als unpolitisch tarnen
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Meinungen als trojanische Pferde
Von Rönne: im trojanischen Pferd der persönlichen Meinung
Bild: Rischgitz/Getty Images

Die von Rönne-Debatte ist langsam am Abflauen. Wenn alle großen Zeitungen einen Kommentar abgegeben haben, wenn die Hashtags bei Facebook und Twitter auslaufen, dann erst lässt sich ein Resümee ziehen. Denn die Debatte, die zwischen öffentlich, halb-öffentlich und privat geführt wurde, sagt mehr über die Gesellschaft als über von Rönne aus. So etablieren sich Soziale Medien mehr und mehr als Vermittler zwischen einer dunklen nicht-öffentlichen Meinung und den etablierten Medienmachern der öffentlichen Meinung.

Zwischen der Öffentlichkeit und seinem Schattenreich, dem Internet, erleben wir gerade einen Kampf um die Deutungshoheit im politischen Feld. In prätelekommunikativen Zeiten existierten die Bereiche Stammtisch und Zeitung/Fernsehen/Radio noch in friedlicher Koexistenz. Heute verteidigen die etablierten Institutionen der Meinungsbildung ihre Position gegen die Herausforderer. Diese sind mit den Sozialen Medien anonym und quantitativ schlagkräftig geworden und können am Öffentlichkeits-Monopol der Zeitungen und Rundfunkanstalten kratzen.

Als Metapher kann hier durchaus das Freudsche topische Modell dienen. Die Print-Telemedien-Öffentlichkeit fungiert als das Bewusstsein, als erlaubter Rahmen der herrschenden Moral. Das Unbewusste ist der Bereich des Privaten, hier brodelt es und strebt nach Bewusstsein. In dieser Einteilung bleibt für den Bereich soziale Medien das Vorbewusste, es vermittelt bewusst und unbewusst und bringt immer wieder private Gespräche, Einstellungen und Moralvorstellungen vom unbewussten in den bewussten Bereich.

Diese Vermittlungsleistung basiert häufig auf einem Deklarierungstrick, den es auch außerhalb von Social-Media gibt und der teils sehr erfolgreich funktioniert (siehe Pegida). Tabuisiertes Gedankengut versucht in den Rahmen der öffentlichen Moral einzudringen und ihn damit zu verändern, in dem es als unpolitische Privatmeinung daherkommt, als unverdächtige Einzeleinstellung. Was für Freud die Träume sind, dass sind im Bereich der Gesellschaft die Meinungen, die meist mit “Ich bin ja nicht rechts, aber ...” oder “Man wird ja wohl noch sagen dürfen, dass ...” beginnen. Im ersten Beispiel wird der rechten Einstellung, dessen Träger wohl darum weiß, eine unpolitische Tarnung gegeben. Im zweiten Fall wird das Tabu mit der Meinungsfreiheit amalgamiert. So bekannt dieses Muster ist, so ungewöhnlich ist es, wenn etablierte Zeitungen ebenfalls zum Mittel des kalkulierten Tabubruchs im unpolitischen Gewand greifen, wenn auch auf intellektuellere Weise.

So ist auch der von Rönne Kommentar als unpolitische Meinung getarnt, obwohl er politisch ist. Er ist aber nicht politisch, weil die NPD-Frauen ihn mögen, sondern weil er rechtes Gedankengut enthält als klare Opposition gegen den Feminismus, der ein genuin linkes Selbstverständnis verkörpert. Natürlich lässt sich daraus nicht ableiten, dass von Rönne grundsätzlich rechtsgerichtet sei, ihr Text ist es aber. Ihr rechtes Gedankengut ist versteckt im trojanischen Pferd der persönlichen Meinung. Verkleidet als solche private Meinung schöpft der Kommentar seine politische Kraft aus der Rezeption, die er entfaltet. Von Rönne ist dabei nicht NPD-rechts, sondern CSU-Stammtisch-rechts, man könnte es auch neo-konservativ nennen. Sie verteidigt den Sexismus (wenn er eben auf Plakatwänden zur Profitmaximierung funktioniert), sie plädiert für ein gesellschaftliches Ego-System und zieht ihre gesamte argumentative Kraft daraus, dass sie Sexismus noch nie persönlich erfahren hat, als ob sich daraus ein allgemeingültiger Anspruch herleiten lässt.

Im gesellschaftlichen Vorbewusstsein kommt dieses schlummernde rechte Gedankengut an, weil es im Schutz des Unpolitischen daherkommt. Gleichzeitig provoziert der Text, weil er die emanzipativen Kräfte des Vorbewussten verärgert. Der Kommentar kann also rechts sein, ohne sich als rechts auzugeben und spricht genau deswegen den Schattenbereich unserer Gesellschaft an. Die heftigen Reaktionen dafür und dagegen sind ein Ausdruck davon.

Von Rönne und die Welt machen kein Hehl daraus, dass der Text provozieren soll. Er vermischt beleidigende und argumentative Aspekte zu einem Meinungsartikel, der nicht in ein politisches Spektrum eingeordnet werden soll und damit den Anschein der Ideologiefreiheit beansprucht. Darum wirkt der Text paradoxerweise nicht mehr als Meinung, sondern als natürliche Wahrheit. Es handelt sich dabei um die selbe naive Wahrheit, die man dem Kind oder der Wirkung von Wein nachsagt. Passenderweise werden von der Welt auch gleichzeitig ein neutraler und ein pro-Artikel veröffentlicht, was den Anschein der offenen Diskussion stützten soll.

Die Welt unternimmt so den Versuch, den Feminismus zu entpolitisieren. Genauso wie Parteien versuchen, die Deutungs- und Kompetenzhoheit über bestimmte politische Themen zu gewinnen, genauso versucht die Welt die Deutungshoheit der Parteienpolitik wieder zu entziehen und wichtige Themen der unpolitischen privaten Meinung zu überlassen. Genau das ist der Grund, warum der vorbewusste Bereich unserer Gesellschaft, das Internet mit all seinen dunklen und befreienden Seiten, so responsiv darauf reagiert. Wie in Freuds Modell reagiert das Unbewusste und Vorbewusste auf bestimmte Trigger, die eine Reaktion (Hier Wut oder Zustimmung) in Gang setzen. Den Hass den von Rönne dem Feminismus entgegengebracht hat, der perpetuiert sich im Internet und kommt als Shitstorm zurück. Einmal als Shitstorm und einmal als Shitstorm gegen diesen Shitstorm. In diesem Sturm der Stürme muss jede sinnvolle Debatte zu Gleichberechtigung, Emanzipation und Frauenrechten zwangsläufig untergehen.

Dabei ist die Debatte immer noch wichtig. Der Feminismus konnte nur dem politischen Spektrum von links und rechts entzogen werden, weil er vom linksradikalen Flügel der Französischen Revolution bis in die Mitte der Gesellschaft gewandert ist. Den Themen in der politischen Mitte droht häufig eine Entpolitisierung, weil sie als Themen politisch anerkannt sind. Sie sind nicht mehr in der großen Auseinandersetzung, sondern nur noch in der Verwaltung präsent. Politische Parteien unterscheiden sich dann in diesen Themen der Mitte grundsätzlich nur noch im wie und nicht mehr im ob. Darum findet sich die einzige radikale Opposition des Feminismus im unbewussten unserer Gesellschaft, in der privaten Sphäre. Dadurch dass der Feminismus in die Mitte der Politik gerückt ist, scheint es so, als sei sein Gegenteil nicht mehr rechts, sondern eine vermeintlich ideologiefreie private Meinung.

Diese Verschiebung wird noch deutlicher, wenn man, als Gedankenexperiment, im von Rönne-Text den Feminismus durch Flüchtlingshilfe ersetzt. Dann wird schnell das politische Spektrum wieder sichtbar, welches sich auch beim Thema Feminismus versteckt.

Die sozialen Medien als das Vorbewusste vermitteln die Bereiche Öffentlichkeit und Privatheit in einer Geschwindigkeit, die dazu führt, dass die gesellschaftlichen Tabus immer schneller an die Oberfläche kommen, die erschreckenden aber auch die emanzipativen. Der Streit um den Feminismus ist ein Lehrstück dazu. So unschön von Rönnes Meinung ist, die berechtigte Wut darauf darf sich nicht in einer aggressiven Gegenübertragung äußern, sondern sollte klug und reflektiert debattiert werden. Eine Gesellschaft darf sich ihrer rechten Tendenzen und heimlichen unliebsamen Einstellungen nicht verschließen und diese tabuisieren, sondern muss mit ihnen umgehen und in einem reflexiven Prozess verarbeiten. Aber sie muss auch rechte Meinungen und Einstellungen als solche enttarnen dürfen. Nur so lässt es sich verhindern, dass rechte Gedanken sich in der öffentlichen Meinung nachhaltig festsetzen können.

16:50 04.06.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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