Wolfgang Schäuble: Der strafende Vater

Griechenlandkrise Die Griechenlandkrise lässt sich auch anderes erzählen. Der strafende Vater hat Angst vor seinen Kindern. Zornig verlangt er eine Opfergabe als Wiedergutmachung.

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Als der Papst vor wenigen Monaten erklärt hatte, dass man Kinder schlagen dürfe, nur nicht ins Gesicht, weil dies die Würde verletzten würde, da hat er ausgesprochen, was auf politischer Ebene der status quo ist - schlage deinen politischen Gegner, um die eigenen Interessen durchzusetzen, aber demütige ihn nicht.

Wolfgang Schäuble und mit ihm weitere Konservative haben dieses ungeschriebene Gesetz politischer Erziehung verletzt. Der autoritäre Charakter ist wieder da und er personifiziert sich in der wildgewordenen Vaterfigur Wolfgang Schäuble. Die Brüderbande Tsipras und Varoufakis, die bestimmt den einen oder anderen Streich ausgeheckt haben, die frech waren und die sich schützend vor ihre Geschwister gestellt haben, müssen mit dem Wutausbruch des Vaters leben.

Der Vater, der an einer Ordnung festhält, die es so nie wirklich gab und die nur in seiner Vorstellung einer idealen Welt aus Regeln, Verträgen und Disziplinierung existiert, lies nicht mehr mit sich reden. Der eine Bruder musste gehen, der andere musste sich fügen und die Strafe ertragen. Vater Schäuble ist von der Angst beseelt, dass die europäischen Nachbarn den Streit mitbekommen und er darin unfähig wirkt, kein Machtwort aus sich herausbringen könnte. Die Strafe kann daher nicht verhandelt werden, und mit jedem kleinen “Aber” des Kindes Tsipras wird sie nur noch schärfer, ungeachtet der Folgen.

In seinem Wutausbruch hat der Vater das Verhältnis von Verbrechen und Strafe nicht mehr unter Kontrolle. Die Irrationalität der Strafe, die alle Kinder Griechenlands trifft, soll den Anführer der Widerworte zu Fall bringen. Die Bestrafung aller Griechen soll sie zur Unterwerfung zwingen und als Geste erwartet der Vater, dass ihm die Anführer geopfert werden. Das gottähnliche Familienoberhaupt verzeiht, wenn die Opfergabe ihn milde stimmt.

Das Opfer ist für ihn unverzichtbar, sonst werden die anderen Kinder es dem Aufrührer gleichtun. Wenn der angestachelte Brudermord nicht den ganzen Aufstand zu Fall bringt, dann droht der Vatermord, der endgültige Bruch mit den Eltern und die Emanzipation der Kinder. Das Enfant terrible macht den Eltern zu schaffen und statt eines Dialogs, einem Austausch über Probleme und Missverständnisse schlägt der Vater zu, trifft ins Gesicht und droht damit den anderen.

Die herumstehenden Medien beobachten die Szenerie. Zunächst fordern Sie, dass man dem Kind doch Einhalt gebieten sollte, man munkelt, dass man das Kind nicht im Griff hat und die Eltern wohl überfordert seien. Nachdem der Vater das Gegenteil beweisen wollte und zugeschlagen hatte, da sprachen die Medien nur noch vom überharten Vater, der doch sein Kind nicht so schlagen dürfe. Zornig ruft er, dass man sich doch um die eigenen Angelegenheiten kümmern soll.

Es ist mehr als bekannt, dass die Gewalt der Eltern die zukünftige Gewalt der Kinder sein wird. Die Aggression des unterlegenen Kindes wandelt sich in Wut. Entweder wendet sich diese Wut gegen das Kind selber und führt zur Depression oder sie wendet sich blind gegen alle anderen und macht eine erfolgreiche Sozialisation unmöglich. Die Geschwister des Anführers könnten begreifen, dass nicht der Aufstand gegen den Vater, sondern der Vater selbst das Problem ist. So könnten sich die Geschwister dem Enfant terrible anschließen und gemeinsam gegen die Autorität rebellieren. Tun sie es nicht und wenden sie die Aggresion gegen sich selber, in eine tiefe Depression, dann wird aus Greichenland der failed state im Herzen des ideengeschichtlichen Europas. Und das nur, weil der autoritiäre Vater nicht begriffen hat, dass eine Lösung mit Gewalt keinen Hausfrieden bringen wird, sondern nur noch mehr Gewalt. Mutti Merkel steht dabei im Hintergrund und ist verzweifelt. Wahrscheinlich tut ihr es leid, dass Vater so etwas machen musste, aber das Kind hat ihm doch keine Wahl gelassen.

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