Dienen-eine Handlung in Demut

Der tägliche Irrsinn Was macht uns so wütend an den Verhältnissen, in denen wir leben? Uns geht es doch eigentlich extrem gut. Also, besser als den Kindern in Afrika. Ein kurzer Wutanfall.
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Man muss doch gegen diesen Wahnsinn anschreiben und anschreien! Gegen den Wahnsinn AUFSTEHEN! Gemäß Stéphane Hessel empöre ich mich jetzt.

Wogegen muss man also anschreiben, anschreien und aufstehen?Na gegen die Gegenwart! Gegen unsere Gesellschaft, wie sie ist! Verdammt nochmal! Da sitzen wir in unseren mehr oder weniger bequemen Stühlen vor einem Schreibtisch und schreiben uns in Foren unsere Meinung vom Leib-und es interessiert niemanden. Es verändert nichts.

Eben las ich eine kleine Meldung bei Spiegel online: Abgeordnete dürfen nun ihre Netzkarte der Deutschen Bahn, die vor dem 14. November nur für Mandate gültig war, nun auch zu privaten Zwecken nutzen. WAS??

WIE BITTE??! Bin ich bekloppt oder was? Ich, im öffentlichen Dienst, muss für jeden beruflichen Pups, den ich lasse, eine Abrechnung vorlegen, die vielleicht mal, wenn überhaupt, zurückgezahlt wird. Will ich zu meinen Eltern fahren, muss ich rechnen, ob ich es mir leisten kann. Und ich arbeite Vollzeit. Mit welchem Recht dürfen diese Gestalten umsonst mit der Bahn fahren?

Nein, daß ist keine Neid-Debatte. Wie so vieles, was uns den Unterkiefer vor lauter Fassungslosigkeit herunterfallen lässt, keine Neid-Debatte ist. Ein Totschlagargument, bei dem der Nicht-Neidische dem Ankläger beweisen (!) muss, daß er nicht neidisch ist.

Mir ballen sich einfach die Fäuste in der Tasche, wenn ich so etwas lese. Ich bin wütend. Weil es mit nichts, aber auch gar nichts gerechtfertigt ist, daß ein Bundestagsabgeordneter diese Privilegien erhält. Und dann auch noch 1. Klasse. Da findet sich weniger Volk. Oder wie?

Mir ballen sich ständig die Fäuste in der Tasche, wenn es um Politiker, bzw. Abgeordnete des Deutschen Bundestages, geht. Warum? Ich habe meinen Respekt vor ihnen komplett verloren. Eben weil sie sich Privilegien herausnehmen. Weil sie sich, auch bei Null-Runden im Renten und Arbeitnehmerbereich, die Diäten erhöhen. Weil sie zwar über die Gesellschaft entscheiden, aber nichts dazu beitragen. Weil sie umsonst 1.Klasse Bahn fahren. Ich arbeite auch 60 Std. die Woche. Aber ich muss pro Monat sogar noch 30 Euro für das Parken vor der Uni an die Stadt bezahlen. Was ich mir überhaupt nicht leisten kann. Oder ggf. die Hälfte vom Jobticket.

Man sollte Politik zu einem Ehrenamt machen. Unbezahlt. EHRENamt. Man sollte sich mal wieder um Moral kümmern. Moral, daß hört sich mittlerweile so pathologisch an wie Formalin. Jedem der noch einen Funken Moralverständnis besitzt, sollte sich angesichts dieser Meldungen die Fäuste ballen.

Warum macht mich das eigentlich alles so wütend? Ich werde geboren, ich lebe und ich sterbe. Während des Lebens habe ich die Verantwortung, mein Leben zu gestalten. Und zwar gut zu gestalten. Ich habe den Wunsch, meinem Leben Sinn zu geben, es in Würde zu leben. Und natürlich auch-zu teilen. Mitzuteilen. Was aber, wenn nun die Gestaltung des Lebens so offensichtlich abhängig wird von wahnwitzigen Gegebenheiten, die einen umgeben? Und was aber, wenn man auf diese Gegebenheiten überhaupt keinen Einfluss hat? Was also, wenn die Gestaltung eines Lebens eben NICHT mehr in der eigenen Selbstverantwortung zu liegen scheint? Sie liegt ja dummerweise auch überhaupt nicht in den Händen einer Gesellschaft. Nein, sie liegt in den Händen von einer kleinen Elite, so kommt es mir vor, die, sich alle vier Jahre neu formierend, wie zum fünten Mal aufgewärmeter Eintopf, meine Gestaltungsfreiheit bestimmt, begrenzt und, so scheint es, immer wieder beschneidet. Hätte diese Begrenzung eine Gültigkeit für alle, dann wäre es gut zu ertragen. Denn dann ist es eben so und wir wären alle in einem Boot. Aber es ist eben so nicht. Es ist eben so, daß der größte Teil der Gesellschaft jedes Jahr einen neuen Einschnitt hinnehmen muss, und es scheint so zu sein, daß ein kleiner Teil der Gesellschaft, der offensichtlich in einem Paralleluniversum lebt, welches sich auf Kosten des größeren Gesellschaftsanteils gebildet hat, Erweiterungen seiner bereits bestehenden Überpriviligiertheit (z.B. umsonst Bahn fahren), erhält. Und da frage ich mich-mit welchem Recht? Ist das eine Belohnung für geleistete Arbeit? Soll es ein übermäßiges Pensum erleichtern? Da mir offensichtlich niemand sagen kann, oder will, was denn der LOGISCHE Grund der oben beschriebenen Verhältnisse sein soll, muss ich nun einmal annehmen, daß diese Verhältnisse dem Machterhalt dienen. Wenn ich der großen Masse ihre Fähigkeit nehme, sich selbst zu gestalten, dann kann ich letztendlich machen, was ich will. Denn die große Masse hat nicht einmal mehr Zeit, nachzudenken. Sie kann nur noch resignieren und sich darum kümmern, daß das Wenige, was sie im Stande ist zu gestalten, ihr Eigen bleibt. Etwas Eigenes. Ein Lebensverhältnis auf einer bestimmten Stufe. Innerhalb der vier Wände, eines (noch) bestehenden Arbeitsplatzes, der Kneipe, des Sportvereins.

Es geht nicht darum, daß wir es nicht gönnen, wenn jemand für einen Vortrag 25000 Euro erhält. Es geht nicht darum, daß wir es nicht gönnen, wenn jemand umsonst mit der Bahn fährt, eine millionenschwere Abfindungssumme erhält. Nein, es geht nicht um das Gönnen. Es geht darum, daß wir ständig die mittlerweile bedeutungslosen Worte "Chancengleichheit" und "Demokratie" hören, und uns fragen, wo denn diese Chancen, diese Demokratie, sind.

Lebt jemand auf Hartz4, ist er ein übergewichtiger Schmarotzer, der sich in seinem Gelsenkirchener Barock die Birne mit Aldi-Schnapps wegbrummt, selbstgestopfte Zigaretten vom Polenmarkt raucht und seine Frau vermöbelt, während seine verblödeten Kinder auf der Hauptschule mit dem Handy filmen, wie sie gerade jemanden vermöbeln. Aber er ist natürlich nicht der 49-jährige, der seine Arbeit verloren hat, weil seine Firma wegrationalisiert wurde. Es ist nicht der Studierte, der in seinem Bereich einfach keine Arbeit mehr bekommt, und nun, trotz dieser extrem teuren Ausbildung, noch einmal zum Computerkurs geschickt wird. Nein, Hartzer sind nicht divers. Es geht darum, das dauernd vom Mittelstand geredet wird, aber niemand mit Mittelständlern redet. Es geht darum, das die Leute, die einer bezahlten Arbeit nachgehen, die den Dienst am Menschen darstellt, also AltenpflegerInnen, ErzieherInnen etc., einen Hungerlohn bekommen, der sie zum unwürdigen Aufstocken zwingt, während der Undienst am Menschen, nämlich die Erschaffung virtueller Geldwerte, das Schlucken von Firmen und somit die Freistellung von Arbeitnehmern u.ä. Millionengehalte zahlt. Vom öffentlichen Diesnst, will hier gar nicht erst anfangen: Lehre, Forschung etc... Das geht in keinen Kopf mehr rein. Das kann niemand mehr rational begreifen. Verstehen-das ist vielleicht der Prozess in dem die Logik von Argumenten dem Gefühl der moralischen Richtigkeit derselbigen die Hand gibt. Synthese. Wenn das nicht mehr der Fall ist, wie in den oben beschriebenen Szenarien, wenn man nicht mehr begreifen kann, wie so etwas Unlogisches jeden Tag passiert, und wenn dann noch die Ohnmacht, es nicht ändern zu können, hinzukommt-dann entsteht Wut.

Liebe Mitmenschen: wir sind die Bürger dieses Staates. Ohne uns gäbe es nichts zu regieren. Es gäbe ohne uns keine Einnahmen, nichts zu verwalten, keine kreativen Prozesse, nichts! Die Regierung dient dem Staat, also seinen Bürgern. Dienen-daß ist eine Handlung in Demut.

Diese ganze Gesellschaft, in der wir leben, stinkt vor lauter Ungerechtigkeiten. Sie stinkt. Ich will eine öffentliche Diskussion über unsere Moral. Ich will eine öffentliche Diskussion über Visonen für unsere Zukunft als Gesellschaft. Wie wollen wir miteinander leben? Ich will, daß unsere Verfassung und die tatsächlichen Gegebenheiten gegübergestellt werden. Ich will, daß definierte Begriffe, wie z.B. Dienen und Demut, wieder erörtert und definiert weren.Ich will einen Paradigmenwechsel. JETZT! Mir reichts. Sowasvon.

15:38 17.11.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

KaEff

Forscherin aus Leidenschaft. Streitbarer Geist, der oft verneint-aber nicht immer. Wenn ich etwas hasse, dann Ignoranz und Dummheit.
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KaEff

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