Gralshüter

Kommentar zu den Schwingungen auf der transatlantischen Brücke
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Manchmal klingt er bei Diskussionen russischer Nationalisten durch. Der Begriff „Drittes Rom“. Er bezieht sich auf die Legitimität des Erbes am römischen Kaiserreich. Mit dessen Spaltung in Ost- und Westrom gab es ab der Spätantike derer zwei. Das erste römische Reich wurde bekanntlich von den Barbaren vernichtet. Der Erfolg etwas davon fortzuführen war eher bescheiden. Zumindest jedoch beim Namen "Heiliges Römisches Reich" ist es bis 1806 gelungen. Nicht zuletzt um damit den Anspruch derer, die sich im Verlauf der Zeit deutsch nennen wollten, auf Europa zu legitimieren. (Was sich über die Jahrhunderte offenbar so tief in unsere Kultur gesenkt hat, dass wir heute keine Kaiser mehr brauchen und uns ein Kanzler genügt um unsere hegemonialen Perversionen weiter zu betreiben.)

Nachdem Byzanz, das aus der Nummer 2 "Ostrom" hervorging, durch die Türken - damals als osmanischen Reich organisiert - vernichtet wurde, sahen sich die Moskowiter als legitime Erben der byzantinischen Kultur, was sich auf einige bereits zuvor übernommene Kulturleistungen wie Schrift und insbesondere christlich-orthodoxem Glauben bezog. Diese Sicht auf die russische Geschichte findet man bis heute.

Die Motivation eigenes politisches Handeln zu legitimieren in dem anderswo untergegangene Mythen fortgeführt werden, um sich eigene Gefolgschaft zu sichern, ist also nicht neu. Falls nun die Politik des einen Imperiums des 20. Jahrhunderts, der USA, unter dem künftigen Präsidenten der eigenen ökonomischen Leistungsfähigkeit folgen sollte, d. h. sich mehr auf sich selbst konzentriert und falls der künftige Präsident den so genannten westlichen Werten tatsächlich nicht so ein hohes Gewicht beimisst, wie die europäischen Adepten von einem Lehrer erwarten, tun sich Lücken auf. Es sollte nicht verwundern, wenn nun Leute zur Durchsetzung ganz eigener Interessen die Fahne der westlichen Werte hochhalten und im ruhig festen Tritt weitermarschieren.

Erdogan beispielsweise wird sich vor seinem Gegenputsch zurechtgelegt haben „Wer will mich davon abhalten mein Land zu einem neoosmanischem Reich aufzupolieren und geografisch anzufetten, wenn der USA nach der ökonomischen auch die politische Führerschaft abgeht?“ Der Putsch gab ihm die Gelegenheit entsprechende Vorbereitungen anzugehen ohne die Hülle westlicher Demokratie abstreifen zu müssen.

Genauso werden auch die Interessengruppen, für die Merkel die Politik macht, gefragt haben, wie sich die Leiche einer Weltmacht fleddern lässt, falls dem Kollos die tönernen Füße brechen. Aus Sicht des Politmarketings ist es durchaus nachvollziehbar, wenn die politische Klasse der Bundesrepublik sich zum Gralshüter der westlichen Werte krönt, um - wie immer - Legitimation für eigenes Handeln zu heischen. (Soweit eine Trump-USA hier tatsächlich Platz zum nachrücken lässt.) Die Bedingungen die Merkel für eine Zusammenarbeit Trump ins Poesiealbum stempelte lassen zumindest auf eine derartige Bereitschaft schließen. Wer sich derart moralisch aufgeladen sieht, für den ist der Schritt nicht weit, sich zu Höherem berufen zu fühlen.

Und so brechen sich einer Zeit in der lt. Piketty die Einkommens- und Vermögensverteilung zwischen Arm und Reich wieder derart schief ist wie während des 19. Jahrhunderts bis hin zum 1. Weltkrieg auch die alten Verhaltensweisen wieder Bahn:

  • die USA schaut sich zusehends nur auf den eigenen Bauchnabel
  • die Britten versuchen sich rauszuhalten
  • Frankreich ist schwach
  • Russland scheint bedrohlich
  • der Balkan heißt jetzt Naher Osten
  • und es sei jetzt an Deutschland der Welt zu dienen indem es die Richtung vorgibt (nachdem es der EU ihren Platz zugewiesen hat und den Euro-Ländern das Glaubensbekenntnis zu Austerität und Migration abzuringen gewillt ist)

Diejenigen die dachten, die USA wären der Haupthinderungsgrund dafür, dass Deutschland und Russland an einer Versöhnung gehindert werden, sollten sich nicht wundern, falls sie demnächst eines Besseren belehrt werden. Denn es scheint, als ob nun bei der Aufrüstung der Turbo eingeschaltet werden soll, um im Osten der EU den Glauben an den heiligen Gral zu sichern. Bleibt zu hoffen, dass er sich nicht als Schierlingsbecher entpuppt.

Folgende Frage stellt sich nun künftig vielleicht ganz anders…

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21:35 12.11.2016
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