Körperwelten

Tatü, Tata .... Tatoo Modische Kleidung kann jederzeit abgelegt werden. Was, wenn heute eine Brust verkleinert wurde, morgen aber als zu mickrig erscheint? Ist's mit Tatoos nicht ähnlich?
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Wie in meinem ersten Beitrag über eine »verrückte« Kleidermode, möchte ich hier ebenfalls versuchen bestimmte fragwürdige Erscheinungformen und »Anomalitäten«, dialogartig bzw. diskursiv aus der Sicht von erfundenen Kinderfragen und möglichen Elternantworten zu problematisieren.

»Papa, schau mal wie bunt der Mann sich am ganzen Körper mit Fingerfarben angemalt hat.

Nein Junge, das sind keine Fingerfarben, die würden ja bald wieder abgehen. Die Farben sind richtig in die Haut eingestochen worden, damit sie lange, sehr lange halten.

Eingestochen? Aber das tut doch schrecklich weh!

Ja, das glaube ich auch und es kostet auch noch ziemlich viel Geld sich das machen zu lassen.

Warum macht der das denn dann überhaupt?

Ich weiß es auch nicht so richtig. Vielleicht gefällt ihm seine Hautfarbe nicht? Aber ich denke in erster Linie, er glaubt, wenn ich so ein Bild auf meiner Haut habe, das kein anderer so hat, dann bin ich wer ganz besonderer. Einzigartig!

Ich habe aber auch schon andere Leute mit solchen Bildern auf dem Arm oder anderswo gesehen. Da ist er aber doch nicht der Einzige!

Ja, das stimmt schon. Aber gerade das ist auch ein neuer Ansporn:
jeder will ein noch tolleres, größeres, außergewöhnlicheres Tattoo, so heißen diese Bilder auf der Haut, als seine Freunde haben und so werden immer mehr Bilder auf den Körper gestochen, bis kein Platz mehr ist.

Aber Papa, warum hast denn Du kein solches Tattoo?

Weil ich zu keiner Gruppe gehöre, wo das »in« ist, in der man so etwas haben muss um als Gruppenmitglied anerkannt zu werden, um dazu zu gehören.

Und was sollen das denn für Gruppen sein, wo man so ein Tattoo haben muss?

Heute ist das sehr unterschiedlich, glaube ich. Früher war das ziemlich klar. Da hatten die Matrosen solche Tattoos, die stolz zeigten »Ich fahre zur See, ich bin ein toller Kerl«. Oder ganze Volksgruppen haben sich tätowiert um sich von den Nachbarvölkern zu unterscheiden. Aber es gab auch Gruppen, die wurden zwangstätowiert z.B. Strafgefangene.

Heute ging das zwar auch von bestimmten Gruppen aus, z.B. von Rockergangs oder von Fanclubs, aber irgendwie fanden andere, vor allem junge Leute, das interessant, sich so etwas machen zu lassen, um sich aber gerade von der Masse abzuheben. Und irgendwie wurde daraus eine ganze Modewelle.

Aber Papa? Wenn das nur eine Mode ist, dann kann doch sein, dass die Tattoos den Leuten in ein paar Jahren gar nicht mehr gefallen und wenn die nicht mehr weggehen, was machen die denn dann mit ihren altmodischen Bildern auf der Haut?

Das ist eine gute Frage Sohn! Ich frage mich auch, wenn das ein Kind fragt, warum sich die erwachsenen Leute vorher nicht die gleiche Frage stellen? Jedenfalls ist das Wiederentfernen eine noch schmerzhaftere Angelegenheit als das anbringen. Und umsonst ist das auch nicht.

Nein, so dumm werde ich mal nicht sein!

Kommt drauf an!?

Diskussion

Wie im Gespräch zwischen Vater und Sohn schon erwähnt wurde, hatten Tattoos in früheren Zeiten ganz gewisse Funktionen. Meist als Zeichen der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Volks-, Religions-, Berufs-, oder Standesgruppe.

Insbesondere in anderen Kulturkreisen gibt es noch konkret funktionelle Tätowierungen. So tragen z.B. koptische Christen in Ägypten ein Kreuz an der Innenseite des rechten Handgelenkes, um sich vom Islam zu distanzieren. Und unter der Volksgrupp der Tigray in Äthiopien und Eritrea ist unter anderem das Tragen eines tätowierten orthodoxen Kreuzes auf der Stirn verbreitet. [1]

Waren Anfang des 20. Jahrhunderts in unserer Gesellschaft Tätowierungen fast nur bei Seeleuten, Soldaten, Angehörigen der Unterwelt oder Häftlingen zu sehen, so entwickelte sich in den späten 1980er Jahren, zuerst bei subkulturellen Gruppen wie z.B. Rockergangs oder innerhalb gewisser Musikszenen, später dann aber auch in der allgemeinen Gesellschaft, ein noch nie dagewesener Trend zu Tattoos.

Etwa innerhalb Peergroups oder in bestimmten weltanschaulichen und subkulturellen Kreisen, mögen Tattoos noch einer beschwörenden, einheitsstiftenden Aussage dienen, aber in der Allgemeinheitsgesellschaft kann ich dafür keine Entsprechung finden.

Welche Botschaften sollen dann von den vielen, auf inzwischen tausenden von Körpern zu findenden Tattoos ausgehen? Welche Motive treiben die Menschen an, ihren doch naturgegeben so »einzigartigen« Körper vermeintlich noch »einzigartiger« umzugestalten?

Einzigartig ist schon rein logisch nicht steigerbar. Aber auch diese Logik ist im allgemeinen Sprachgebrauch verloren gegangen, wie man so oft hört: »Ich bin der »Einzig-ste«, der …« Im Gegenteil, durch ein Tattoo verspielt man seine Einzigartigkeit, indem man sich einreiht in tausende und abertausende Tattooträger.

Wie in der Überschrift etwas spöttisch angedeutet, könnte trotzdem eine Botschaft sein: tatü, tata …, schaut her, hier komme ich der Einzigartige, Schönste, Mutigste, der sich solche Tattoos leisten kann.

Aber auch: ich gehöre zu denen die wissen was in meiner Gruppe »in« ist. Oder ganz einfach: Ich möchte auch dazu gehören!

Als mögliche Motive nehme ich an: Aufwertung des Selbstwertgefühls (im Positiven), Geltungssucht (im Negativen), Gruppen- und Unterordnungszwang (aus Ichschwäche), Verschönerungsglaube, Modegläubigkeit usw.

Auf der Internetseite Sein[2] wird an den Berliner Tätowierer Peter Lindenberg die Frage gestellt: »Warum lassen Menschen sich tätowieren? Was ist die Motivation?«

Dazu meint er: »Das ist schwer zu erklären. Sich tätowieren zu lassen, ist nicht unbedingt eine bewusste Entscheidung, in dem Sinne, dass ihr rationale Überlegungen zu Grunde liegen. Es kommt viel aus dem Bauch. Es ist ein Kribbeln, ein Reiz, ein Gedanke, der einen nicht mehr loslässt. Man sagt sich: >Eigentlich ist es bescheuert, eigentlich dürfte ich es nicht. Meine Freundin fragt: Bist du verrückt? Meine Eltern würden mich enterben. Im Job darf ich es nicht zeigen.< Alles steht dagegen und trotzdem lässt es einen nicht los.«

Und sein eigenes Fazit: »Wer sich tätowieren lässt, muss eigentlich verrückt sein. Es tut weh, geht nicht mehr weg und kostet Geld.«

Und dennoch sind es tausende, die diesem irrationalen Wunsch nachgeben! Alles Verrückte also? Oder Süchtigen gleich, hier aber nach Anerkennung und Bewunderung und immer neuen Kicks, von einem psychischen Drang gezwungen, wogegen sie sich nicht wehren können.

Wenn man absolut rational an die Problematik heranginge, bliebe dies der einzige Schluss. Denn eine Handlung entgegen besseren Wissens kann nur als eine aus der Realität in die Irrationalität verrückte Handlung bezeichnet werden.

Emotionaler Nachtrag:

Wie weit die gesellschaftlich öffentliche Akzeptanz bereits mit in die Tiefen der unappetitlichen Geschmacklosigkeit abgeglitten ist, zeigt mir folgendes kürzlich erlebtes Ereignis: Vor der Kuchentheke meines bevorzugten Einkaufszentrums steht eine Familie mit zwei Kindern. Ein Mädchen, ein Junge. Wobei deren »Oberhaupt« wohl glaubt seinen Mitkunden beweisen zu müssen, dass er ein »echter Kerl« ist, indem er seinen gänzlich nackten, mit irgendwelchen nichterkennbaren Motiven vollgestochen Oberkörper zur Schau stellt. Und die Vorbildfunktion für seinen Sohn, ermutigt den, zwar noch untätowiert, es ihm gleichzutun. In einem geschlossenen Verkaufsraum für Lebensmittel! Und niemand reagiert entsprechend darauf. Nicht der Filialleiter, nicht die Verkäuferinnen, kein Mitkunde. Gleichgültigkeit, Toleranz, Blindheit? Oder einfach Feigheit, wie auch ich mich nicht traute diesem Muskelprotz mitzuteilen, dass mich seine unangebrachte Nacktheit in dieser Umgebung stört und ihn zu bitten sich etwas anzuziehen oder den Raum zu verlassen. Aber es ist eben so, dass sich jeder Einzelne alleingelassen wähnt, sollte er durch seine Einmischung auf Aggression treffen. Denn Keiner kann heute noch auf Gemeinsinn und Solidarität bauen.

Ade Zivilcourage!

[2] https://www.sein.de/die-magie-der-taetowierung/

16:22 31.12.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

kahemay

76 Jahre, männlich, ehemals Ingenieur und Berufsschullehrer mit M.A. in Pädagogik, Theologie und Philosophie
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