Die kaukasische Spur

RUSSLAND Die Bomben in Moskau lassen auf Duma-Wahlen in einer Atmosphäre aus Angst und Hysterie rechnen

Die Explosion in einem Moskauer Wohnhaus am Montag war die jüngste, aber wie zu befürchten ist, nicht die letzte in einer Serie von Bomben attentaten, bei denen während der vergangenen Monate in Russland Hunderte von Menschen ums Leben kamen. Die Liste der Anschläge ist lang:

19. März: Bombe auf dem Lebensmittelmarkt der südrussischen Stadt Wladikawkas, mehr als 50 Tote.

26. April: Eine Sprengladung explodiert im Fahrstuhl eines Moskauer Geschäftshauses, elf Verletzte.

31. August: Detonation in einem unterirdischen Einkaufszentrum gleich neben dem Kreml, eine Tote, 40 Verletzte.

4. September: Eine Autobombe im dagestanischen Buinaksk sprengt ein Wohnhaus in die Luft, in dem russische Offiziersfamilien leben, 64 Tote.

Am 9. September schließlich der erste Anschlag auf ein neungeschossiges Hochhaus im Südosten Moskaus, bei dem 93 Tote aus den Trümmern gezogen werden. Am Tage ihrer Bestattung, am 13. September, zeigt sich, es kann noch grauenhafter kommen ...

Nach anfänglicher Zurückhaltung sprechen die russischen Sicherheitsbehörden inzwischen von einer »tschetschenischen Spur«. Die beiden letzten Explosionen seien nach dem gleichen Muster erfolgt, heißt es. Sie wurden durch eine Mischung aus den Sprengstoffen Hexogen und TNT ausgelöst, die man jeweils gegen Mitternacht in einer Ladenwohnung im Erdgeschoß der betreffenden Häuser gezündet habe. Dubiose Geschäftsleute mit Verbindungen zu Tschetschenen sollen Mieter der Räume gewesen sein.

Nach dem Anschlag vom 9. September hieß es in den Moskauer Medien unter Berufung auf Geheimdienstquellen sogar, die Anführer der tschetschenischen Islamisten, Shamil Basajew, sein Bruder Schirwani und der in Jordanien gebürtige Chattab, hätten nach den erfolglosen Kämpfen in Dagestan beschlossen, Terroranschläge in russischen Städten auszuführen. Dazu seien vorwiegend aus Russen bestehende Kommandos gebildet worden, die ein tschetschenischer Kommandeur führe und deren Mitglieder mit je 50.000 Dollar bezahlt würden. Diese Gruppen arbeiteten konspirativ und mit lokalen Helfern.

Präsident Jelzin warnt zwar davor, den Ereignissen eine ethnische oder religiöse Färbung zu geben. Moskaus Oberbürgermeister Juri Luschkow - schon immer bekannt für ein hartes Vorgehen gegen Kaukasier - betrachtet die Anschläge jedoch unumwunden als Taten des kaukasischen Terrorismus und hat Einreisebeschränkungen für russische Staatsbürger aus dieser - ethnisch gesehen - nicht-russischen Region verfügt.

Viele Indizien sprechen indes dafür, dass der kaukasische Krieg inzwischen auf die russische Zivilbevölkerung zurückschlägt. Die Frage ist nur: In wessen Interesse liegt die jetzige Eskalation? Aslan Maschadow, der Präsident Tschetscheniens, hat zu Wochenbeginn zwar eine allgemeine Mobilmachung angeordnet und zugleich den Ausnahmezustand verhängt, zugleich aber verlauten lassen, es gehe gerade darum, einen erneuten Krieg mit Rußland zu vermeiden. Außerdem: Tausende tschetschenische und dagestanische Freiwillige waren in den vergangenen Wochen aufgebrochen, um an der Seite der russischen Armee die islamischen Gottesstreiter als Invasoren zurückzuweisen. Die konnten sich daraufhin nur in einigen Bergdörfern Dagestans festsetzen.

Shamil Basajew hat seinerseits jede Verantwortung für die Attentate in Moskau bestritten, Zivilisten in dieser Form anzugreifen, sei nicht sein Stil. Sein Bruder Schirwani kam bei den jüngsten Kämpfen ums Leben, heißt es. Mindestens er könne an der Organisation des Terrors dann nicht beteiligt gewesen sein.

Bemerkenswert sind Kommentare der Rechten. So veröffentlicht die Zeitung Limonka, das Kampfblatt der National-Bolschewisten, unter der Frage: »Ist eine einheitliche Front der Kommunisten und der Mohammedaner möglich?« die Erklärung eines »islamischen Komitees« Dagestans, in der es unter anderem heißt: »Die Patrioten Russlands, welche Boris Jelzin, die USA und Israel tadeln, sollten in den Mohammedanern Dagestans ihre Verbündeten sehen, und nicht einstimmen in den Chor der Lügner und Provokateure, die Russland in das nächste kriegerische Abenteuer mit den Mohammedanern ziehen wollen. Die wirkliche Bedrohung Russlands kommt von den Kräften, die aus dem Inneren des Landes heraus agieren - von den Oligarchen, von den ›Demokraten‹ und vergleichbaren Schützlingen des Westens, und auch von Gouverneuren aus rein russischen Territorien.«

Man muss kein intimer Kenner der National-Bolschewisten sein, um in diesen Mahnungen an die patriotischen Freunde das kleine Körnchen Wahrheit zu entdecken, das ausreicht, der »kaukasischen Spur« nicht allzu leichtgläubig zu folgen. Der russische Wahlkampf bis zur Abstimmung über die neue Duma am 19. Dezember dürfte noch für einige Enthüllungen gut sein.

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