J.K. Rowlings Buch: Ein plötzlicher Todesfall

Großbritannien Die "Nach-Thatcher-Zeit" unter der Lupe einer Literatin: J.K. Rowling übt mit ihrem Roman "Ein plötzlicher Todesfall" bittere britische Sozialkritik.
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Ein unerwarteter Todesfall versetzt die Bürger der Kleinstadt Pagford in helle Aufregung. Der sozial engagierte Gemeinderat Barry Fairbrother erliegt mit Anfang 40 einem Aneurysma und hinterlässt nicht nur eine trauernde Familie. Der frei gewordene Platz im Gemeinderat des englischen Ortes stellt die eigentliche Hinterlassenschaft von Fairbrother dar. Von der Neubesetzung hängen die zukünftigen politischen Mehrheitsverhältnisse ab. Und es geht um viel: eine Sozialsiedlung am Rande von Pagford soll an die Nachbarstadt „abgeschoben“ werden. Auch eine Drogenklinik soll geschlossen werden – und zwar schnell. So wollen es die konservativen Bürger der Kleinstadt. Gleich mehrere Kandidaten aus verschiedenen politischen Lagern stellen sich zur Wahl. Ein erbitterter Kampf beginnt. Sogar die Kinder der Bewerber greifen in den Machtkampf ein. Um sich an den ungeliebten Eltern zu rächen, stellen die Jugendlichen pikante Familiengeheimnisse ins Internet.

Joanne Kathleen Rowling beschreibt einen „Kampf aller gegen alle“ im 21. Jh. - und zwar im Mikrokosmos eines fiktiven englischen Ortes. Damit bewegt sich die Literatin auf dem gleichen geistigen Boden wie ihr Landsmann Thomas Hobbes (1588 – 1679), der in seinem philosophischen Traktat „Leviathan“ ein ausgesprochen negatives Menschenbild zeichnete. „Homo homini lupus“ - „der Mensch ist des Menschen Wolf“, meinte der englische Philosoph im 17. Jh. Der Einzige, der im Roman von J.K. Rowling menschlich, fair und brüderlich beschrieben wird, ist Barry Fairbrother. Doch der stirbt bereits nach drei Seiten.

Manche Literaturkritiker werfen Rowling vor, ihre Sozialkritik sei mit zu vielen Klischees behaftet. Tatsächlich aber bedient sich die britische Autorin des Stilmittels der rhetorischen Zuspitzung, um die heutigen gesellschaftlichen Zustände in Großbritannien zu geißeln. Dabei kommt ihre sprachliche Ausdrucksweise oft mit einiger Härte daher. Die Struktur des Buches ist durch viele verschiedene Erzählstränge geprägt, welche die Autorin virtuos miteinander verknüpft. Damit verlangt Rowling dem Leser ein hohes Maß an komplexer Denkleistung sowie ein gutes Namensgedächtnis ab.

Ob die ehemalige Premierministerin Margaret Thatcher das im September 2012 erschienene Buch gelesen hat, ist mir nicht bekannt. Der harte Sprachstil hätte der „Eisernen Lady“ wohl gefallen – der Inhalt wahrscheinlich nicht.

20:21 17.04.2013
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