An einem Montag im Café

KEHRSEITE Er sei, sagt ihr der junge Mann, immer zum Glück begabt gewesen. Es ist nicht leicht zu entscheiden, was er damit meint. Vielleicht hat er ...

Er sei, sagt ihr der junge Mann, immer zum Glück begabt gewesen. Es ist nicht leicht zu entscheiden, was er damit meint. Vielleicht hat er Stimmungen, um die man ihn beneiden kann. Ermöglichen sie ihm, schon mit wenig sehr zufrieden zu sein? Er erzählt seiner Begleiterin nie davon. Manche Menschen brauchen nicht viel Aufmerksamkeit, um zu gedeihen.

So wie die Anhänger der Bildung sich aufs engste der Vernunft verwandt fühlen, sagt er, habe bei ihm die Zufriedenheit in Wahrheit nicht viel mit erfreulichen Lebensumständen zu tun. Natürlich sei er gebildet, es sei dennoch ein Makel an ihm. Das unbeendete Studium, an eine Vollendung mag der junge Mann gar nicht erst denken. Das, sagt er, wäre zuviel gewollt, hänge an ihm wie herausgerissenes Gedärm, das hinter ihm nach auf dem Boden herschleifte. Es bremse ihn, er wolle es abschneiden. Zum Leben könne man es nicht brauchen, darüber wisse er Bescheid. Er lebe ja schon lange genug ohne den Abschluss.

Einen Moment lang wirkt er traurig und bestellt noch ein Bier. Dann geht er kurz aufs Klo und Zigarettenholen, während seine Begleiterin die unterdrückten Anrufe auf ihrer Mailbox checkt. Sie blickt dabei auf den Platz und beobachtet den Regen. Gegenüber wird wieder ein neues Bistro gebaut. Ihr Begleiter kommt zurück. Sie ist glücklich, dass sie wieder einmal in Ruhe miteinander reden. Es kam ihr zwar albern vor, aber sie haben einen richtigen Termin dafür ausgemacht.

Die Zufriedenheit komme oft einfach über ihn, sagt er, und die Begleiterin nickt, weil sie das bereits häufiger beobachtet hat. Er zögert einen Moment und gesteht dann ein, dass er sich seinen Mitmenschen gegenüber deswegen manchmal schuldig gefühlt hat. Die Begleiterin zieht die Augenbrauen hoch. Er schweigt und wartet auf Zustimmung. Sie weicht seinem Blick beiläufig aus, indem sie wieder nach dem Regen sieht.

Dennoch sei er heute in den Räumen gewesen, wo die Studierenden ihre Übungen turnen. Er habe eine Unterschrift gebraucht, um sich der Operation zu unterziehen, die ihn vom Studium abschneidet.

Eine lästige Aufgabe, der er sich nur aus Pflichtgefühl gestellt hat, denkt die Begleiterin und sagt es nicht.

Längst sei das Studium etwas geworden, was man von ihm fordere, sagt er. Niemand sage das deutlich, von seinen Eltern abgesehen, doch auf die höre er nicht. Dennoch könne er die Stimmen quasi hinter seinem Rücken tuscheln hören. Heute habe er in der S-Bahn und in Bussen gesessen. Dann musste er noch lange laufen. Obwohl er einen Termin vereinbart hatte, habe er warten müssen. Vergeblich. Als er das Zimmer betrat, hätte ihn der Professor nicht erkannt. Müde habe der ihn angeblickt und gegähnt. Er habe, sagt der junge Mann, sofort gewusst: der sei an seinem Anliegen nicht die Bohne interessiert.

Die Begleiterin betrachtet ihn ausdruckslos. Der junge Mann schaut erwartungsvoll zurück. Der Regen fällt. Und, fragt sie. Der junge Mann lächelt ihr dankbar zu. Er habe den Professor dennoch angesprochen, sagt er.

Die Begleiterin sieht wieder aus dem Fenster.

Er wolle sein Gedärm abschneiden, habe er zu dem aufgeschwemmten Mitfünfziger gesagt, der sei so ein Genießertyp gewesen.

Wie das bewerkstelligt werden solle?

Mit ihrer Unterschrift, habe er gesagt.

Mit welchem Thema, habe der Professor gefragt.

Da habe etwas in ihm "Ich weiß nicht" gesagt. Ich weiß nicht, der junge Mann wiederholt das, mit einem Ausdruck vollständiger Gleichgültigkeit. Er wiederholt das Statement, ein drittes Mal, mit großer Emphase. Ich weiß nicht. Die Begleiterin muss ihn statt des Regens ansehen.

Er habe sich das nicht überlegt, was sicherlich falsch gewesen sei. Gemäß eben seiner Natur. Er könne nicht denken. Er spüre, horche, forsche wachsam vielem nach, aber ein Thema, über so etwas verfüge er nicht. Werde er auch nie, wie er wohl wisse.

Was er denn könne, habe der Professor gefragt.

Nichts, habe es in ihm gedacht, der so eine Antwort natürlich nicht habe sagen wollen. Dabei sei er gebildet, wie gesagt. Die Begleiterin sieht ihn immer noch an und macht keine Anstalten, den Kopf wegzudrehen. Er könne reden, laut, schnell und schon viel. Sei es also Dummheit gewesen, dass er ... Nein!, ruft der junge Mann so laut, dass seine Begleiterin zusammenzuckt, und sich die Leute am Nebentisch umdrehen. Seine Hoffnung sei gewesen, dass der Professor Zeit habe zum Reden, dass er andeutet, wie so eine Operation vor sich geht. Er habe gedacht, man werde reden, mit Ruhe, er werde das Seine schon finden daran. Er sei nicht dumm, nur, sagt er, und seine Begleiterin schaut wieder nach dem Regen.

Wie bitte, habe der Professor gefragt. Dann habe er Themen aufgezählt, als nenne er einem Idioten die Worte für Messer, Gabel und Licht. Er habe nachgefragt, ob etwas ginge. Die Situation sei unerquicklich gewesen. Zudem sei er wohl von falschen Voraussetzungen über die Regularien ausgegangen.

Ach ja, habe er gesagt und genickt. Er habe weiter genickt. Ihm sei heiß geworden.

Der Professor habe aus dem Fenster gesehen.

Und er, der dessen Augen gefolgt sei, habe nichts gefunden, was den Blick von ihm weg erklärt.

Schließlich sei ein Thema gefunden worden. Ein Lieblingsthema des Professors, wie er gemeint habe, auch er hätte immer gern darüber nachgedacht. Aber kein Lächeln, nicht ein Nicken mit dem Kinn, kein Zucken, sagt er, habe klargemacht, dass der Professor einverstanden sei. Sein Thema habe dem Professor nichts mehr bedeutet.

Danach habe er noch ein weiteres finden müssen.

Dann sei er gegangen. Zerstört. Gekränkt. Er wolle nicht mehr, erklärt er. Lieber wolle er das Gedärm ewig nach sich schleifen. Auf dem Rückweg zur Busstation habe er auf das unschöne, doch leise Geräusch gehört. Kann man sich daran gewöhnen, fragt er seine Begleiterin, die auf die schlanke Uhr an ihrem Handgelenk sieht. Er überlege, ob er es versuchen wolle.

Still ist es, für einen Moment. Der Regen hat aufgehört.

Er habe keine Sorgen, sagt der junge Mann schließlich, er sei ja zum Glück begabt.

Die Begleiterin entschuldigt sich und sagt ihm, es werde Zeit, dass sie geht. Sie lässt ihm einen Geldschein für den Milchkaffee liegen.

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