Ein Streitgespräch mit dem Kapitalismus

Kapitalismus Ich wage ein fiktives Streitgespräch mit dem Kapitalismus, das durchaus mal hitzig wird.
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Ein leicht mulmiges Gefühl begleitet mich, kurz bevor der Kapitalismus zum Interview auftauchen wird. Vorurteile sind ebenso präsent in meinem Kopf wie das Bestreben, meinem heutigen Gast nicht sofort zu vegraulen, ja gar ein wenig Toleranz ihm gegenüber aufzubringen. Mir stellt sich die Frage: Ist der Kapitalismus wirklich ein Mensch?

Bevor ich weiter überlegen konnte, kam er bereits: Der erste Anblick wirkte wie eine überspitzte Karikatur, eine schlechte, wohlgemerkt, ohne Pointe, real. Er trat ein mit schillernder Kleidung, einem weiten Lächeln auf dem Gesicht. Massiver Einsatz von Gel. Eine goldene Kette. Eine ebenfalls goldene, keineswegs unecht aussehende Armbanduhr am seinem Handgelenk. Diverse Ringe. Markenhose. Natürlich ist auch das Oberteil feinste Markenware. Fehlte nur noch das klischeehafte Aufblitzen eines goldenen Zahnes in seinem Gebiss.

Ich bat ihm einen Stuhl an, er setzte sich prompt. Schüttelte mir die Hand. Grüßte freundlich. Ich rief einen Kellner, wollte Getränke bestellen.

Kaisan: „Was wollen Sie trinken? Ich gebe einen aus.“

Kapitalismus (im Folgenden mit K abgekürzt): „Ich wäre für einen Rotwein zu begeistern, wenn es Ihnen nichts ausmacht.“

Ich ordere zwei Gläser Rotwein, natürlich folgt die Rechnung unglaublich schnell. Ich gebe ein leichtes Grummeln von mir.

Kaisan: „Die Preise waren hier auch schon mal günstiger. Und das führt mich direkt zu meinem ersten Punkt: Was würden sie davon halten, wenn Güter auf der Erde frei verfügbar wären? Man ginge in den Supermarkt und würde sich so viel nehmen, wie man zum Überleben benötigt. Geldsysteme wären komplett obsolet. Vor allem im Bereich der Nahrung haben wir genügend Ressourcen, um die Weltbevölkerung zu ernähren.“

K: „Ich denke, das ist utopisches und idealistisches Geschwätz. Ein System ohne Zahlungsmittel würde nicht funktionieren. Denken Sie nicht, dass die Gier in großen Industriestaaten wie Deutschland dem Kampf gegen weltweiten Hunger überwiegen würde?“

Kaisan: „Die Gier, die durch Ihnen und Ihrer Verherrlichung des Konsums erst geschaffen wurde?“

K: „Ich bitte Sie. Ich habe die Gier nicht erschaffen. Das war die Menschheit.“

Kaisan: „Sie provozieren doch Gier, indem Sie die Möglichkeit geben, durch Geld einen höheren sozialen Status zu haben als andere, dadurch ein besseres Leben führen zu können. Sie haben doch unbewusst eine Klassengesellschaft konstruiert.“

K: „Meine Güte, Sie hören sich ja an wie ein Kommunist. Sie kennen doch den Kommunismus, meinen mittlerweile ergrauten, aber dennoch immer noch gefährlichen Konkurrenten? Das ist Faschismus. Er unterdrückt Menschen.“

Kaisan: „Nein, ich bin kein Kommunist, aber ich denke, dass diese Welt mal einen Denkanstoß benötigen könnte. Wobei sich mir bei Ihnen die Frage stelle: Sind Sie wirklich besser als Ihr Konkurrent, der Kommunismus? Unterdrücken Sie die Menschen nicht auch, bloß unter einem bunten Deckmantel?“

K: „Machen Sie sich nicht lächerlich. Von einer Unterdrückung der Menschen kann man bei mir nun wirklich nicht sprechen. Schauen Sie sich an, wie zufrieden beispielsweise die deutsche Bevölkerung ist.“

Kaisan: „ … während wahrscheinlich in diesem Moment ein Kind in Afrika an Hunger, an Krankheiten oder an Krieg stirbt.“

K: „Sie können mich doch nicht für sämtliches Übel auf dieser Welt verantwortlich machen.“

Kaisan: „Nein, nicht für alles. Aber vieles hat seinen Ursprung in Ihnen. Denken Sie beispielsweise auch an die Ausbeutung durch die Natur, an der Sie einen beachtlichen Beitrag leisten.“

Er nimmt genüsslich einen Schluck Wein.

K: „Inwiefern?“

Kaisan: „Fossile Rohstoffe neigen sich dem Ende. Strom wird immer noch zu großen Teilen durch umweltschädliche Verfahren gewonnen. All das, um einen verschwenderischen Lebensstil zu fördern, den Sie doch maßgeblich mitgeprägt haben.“

K: „So schlecht, wie Sie uns darstellen wollen, geht es uns doch nun wirklich nicht.“

Kaisan: „Werden wir ja in einigen Jahren sehen, wenn die Auswirkungen auch das alltägliche Leben beeinflussen. Wahrscheinlich wird man erst dann anfangen, zu handeln, wenn das eigene Leben beeinträchtigt ist. Dann ist es aber bei Weitem zu spät.“

K: „Und was wollen Sie dagegen unternehmen? Die Menschen mögen mich. Und andere Systeme neben dem mir, ich denke da zum Beispiel an den Kommunismus, sind zurecht kläglich gescheitert.“

Kaisan: „Es gibt durchaus alternative Systeme, die für eine bessere Zukunft sorgen könnten. Kennen Sie zum Beispiel das Venus Project?“

K: „Ich habe davon gehört. Es würde jedoch nicht funktionieren. Zumindest nicht auf friedlichem Wege. Es wird immer Menschen geben, die mir mehr zugeneigt sind, alleine schon, weil sie in meinem System mehr Macht haben. Wenn Sie diese zwanghaft und mit Gewalt zu einem anderem System konvertieren wollen: Dann sind Sie doch auch nicht besser als der Kommunismus oder ich.“

Kaisan: „In diesem Punkt muss ich Ihnen Recht geben. Gewalt darf unter keinen Umständen eingesetzt werden. Und ich möchte Sie letztlich auch nicht für die Existenz von Gewalt verantwortlich machen – Gewalt entsteht meiner Meinung nach aus einem Angstzustand vor einem anderen Menschen oder auch Ding. Nur denke ich, dass Sie Gewalt weiter anheizen.“

K: „Ich weiß, dass ich nicht makellos bin. Ich bin schließlich auch nur ein Mensch. Melden Sie sich, wenn Sie ein alternatives System finden, das perfekt funktionieren würde. Ein solches existiert meiner Meinung nach noch nicht. Und wird vielleicht auch nie existieren.“

Kaisan: „Da bin ich anderer Meinung. Ich habe zwar auch noch kein perfektes System gefunden, aber es lohnt sich, weiterhin zu suchen und kritisch zu denken. Und nicht blind Ihrer Konsumverherrlichung und ihrem Klassensystem zu verfallen.“

K: „Wie Sie meinen. Ich akzeptiere Ihre Meinung.“

Kaisan: „Eine abschließende Frage noch: Was denken Sie, macht Sie so erfolgreich?“

K: „Ich gebe Menschen die Chance, Macht durch finanzielle Mittel zu erlangen. Ich denke, Menschen haben das Bedürfnis nach Macht. Daraus bin ich entstanden.“

Kaisan: „Dann möchte ich mich an dieser Stelle für das Gespräch bedanken.“

Ein Händeschütteln. Der Wein ist geleert. Und der Kapitalismus und ich gehen wieder getrennte Wege.

Venus Project: Ein Projekt von Jacque Fresco, das eine alternative Lebensweise, die auf Nachhaltigkeit und eine neue Gesellschaft baut, vorschlägt. Mehr Informationen: thevenusproject.com

13:00 06.11.2014
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Geschrieben von

Kaisan

Freund von Musik (vornehmlich alle Arten von Rock, Punk, Jazz, Blues und Reggae), Gitarrist, gute Literatur, Schreiben jeglicher Art.
Kaisan

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