Das Geheimnis der Paprika

Umberto Eco Die Nachrufe feiern die Leistungen des großen Gelehrten, Romanciers und Intellektuellen. Da ist die anachronistische Paprika in seinem ersten Roman nur eine Petitesse
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Eco trat radikal für die Autonomie des Textes ein: Der Autor müßte das Zeitliche segnen, nachdem er geschrieben hat. Damit er die Eigenbewegung des Textes nicht stört. Theoretisch, denn tatsächlich hat er sich immer wieder in die Rezeption seiner Texte eingemischt.

Deshalb bestand bis zu seinem Tod Hoffnung, er werde irgendwann doch noch erklären, warum Adson von Melk, der Ich – Erzähler im Roman „Der Name der Rose“, sich als alter Mann daran erinnern kann, dass er als junger Mann geträumt hat, der Pharao habe zum Festmahl des biblischen Personals eine Paprika beigetragen - obwohl doch diese Frucht im November 1327, der erzählten Zeit des Romans, und am Ende des 14. Jahrhunderts, als der alte Adson das alles aufschrieb, noch nicht von Amerika nach Europa gelangt sein konnte (das geschah erst nach der Entdeckung Amerikas, also etwa 200 Jahre später).

Aufmerksame Leserinnen und Leser haben seit der Veröffentlichung des Romans immer wieder Vorschläge zur Klärung des Geheimnisses gemacht. Am meisten Zustimmung fand die Hypothese, auf dem langen Weg von den Aufzeichnungen des alten Adson über ihre Abschrift durch den Gelehrten Mabillon im 17. Jahrhundert, deren Übersetzung ins Französische durch den Abbe Vallet im 19.Jahrhundert, deren Übersetzung ins Italienische durch den Autor zwischen 1968 und 1980 und deren Übersetzung ins Deutsche durch Burkhart Kroeber zwischen 1980 und 1982 habe sich eine Fehlübersetzung eingeschlichen: aus pepones (Wassermelonen) seien peperoni (Paprika) geworden.

Nun ist der Autor tot und wir Leser sind darauf angewiesen (und berechtigt!), eigene Interpretationen in die Welt zu setzen, denn, sagt Eco, ein Roman ist eine Maschine zur Erzeugung von Interpretationen.

Gestern beim Frühstück, angesichts eines Salattellers mit Tomaten und einer grünen Paprika, fiel mir diese ein, die mir auch heute, am Tag danach, noch plausibel zu sein scheint:

  1. Der Autor war unaufmerksam, als er den fiebrigen, atemlosen, häretischen Traum des jungen Adson notierte, oder er hat den Fehler absichtsvoll in den Text eingebaut.
  2. Wenn der Autor, was in Anbetracht seiner Lust an der Konstruktion von Erzählsituationen und am spielerischen Umgang mit den Erwartungen des Lesers wahrscheinlicher ist, bewusst eine falsche Spur legte: Welche Absicht verfolgte er? Er wollte wohl einfach unsere Aufmerksamkeit testen und diskret darauf hinweisen, dass sein Text, der sich Mühe gibt, als authentisches Dokument zu erscheinen (Ich sage, daß Vallet sagte, daß Mabillion sagte, daß Adson sagte), durch und durch fiktiv ist, so dass in seiner fiktiven Welt auch eine anachronistische Paprika Geltung auf Existenz beanspruchen darf.

Aber nun schnell weiter zu den gesellschaftlich relevanten Blogs.

14:17 23.02.2016
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Geschrieben von

koslowski

"In Saloniki / weiß ich einen, der mich liest, / und in Bad Nauheim./Das sind schon zwei." (Günter Eich, Zuversicht)
koslowski

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