Dumme Frage

Tristram Shandy Der Ich-Erzähler des gleichnamigen Romans von Laurence Sterne wurde vor 298 Jahren, in der Nacht von Sonntag auf Montag am ersten Wochenende im März 1718, gezeugt
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Der Akt der Zeugung des Helden in der Nacht vom 6. auf den 7. März gelang zwar, verlief aber nicht ohne Komplikationen:

„Ei, mein Guter, sprach meine Mutter, hast du auch drangedacht, die Uhr aufzuziehen? – Guter G – rief mein Vater im Eifer, indes zugleich bemüht, die Stimme zu dämpfen, - Hat wohl jemals seit der Erschaffung der Welt eine Frau einen Mann mit einer so dummen Frage unterbrochen?“

Tristram Shandy erfuhr die Umstände seiner Zeugung später vom Bruder des Vaters, dem verehrten Onkel Toby. Demzufolge habe der Vater, auf die 60 zugehend, die Angewohnheit gehabt, am ersten Sonntagabend eines Monats die Hausuhr zu stellen, und habe im Lauf der Zeit allmählich gewisse andere Familienobliegenheiten gleichfalls auf diesen Termin geschoben, um sie … alle auf einen Streich vom Hals zu haben und den Rest des Monats über nicht weiter damit geplagt und geplackt zu werden.

Darf ein Erzähler seine Biografie mit der Schilderung seiner Zeugung, sozusagen ab Ovo, beginnen? Tristram Shandy tritt alten Autoritäten und den literarischen Konventionen, die diese Methode missbilligen, selbstbewusst entgegen und rät allen, denen es nicht passt, in diesen Dingen so weit zurückzugreifen, … das restliche Kapitel zu überschlagen.

Ja, er traute sich was, der anglikanische Pfarrer Laurence Sterne aus Yorkshire, der zwischen 1759 und 1767 in neun Folgen von The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman erzählte, und er hatte Erfolg:

Die gute Gesellschaft Londons schätzte die sonderbaren Figuren, die vielen Anspielungen auf zeitgenössische Vorgänge und die ungewöhnliche Erzählweise seines Romans (der im Jahr 1718 beginnt und im Jahr 1712 aufhört);

zukünftige europäische, vor allem deutsche Kollegen (Lessing, Goethe, Jean Paul, Schopenhauer, Nietzsche, Thomas Mann) bewunderten die Gelassenheit seines Humors, mit der er auf die spottschlecht-kummervolle Welt reagierte und

Literaturwissenschaftler bescheinigen ihm, er habe den Werkzeugkasten des modernen Romans (z.B. innerer Monolog, erlebte Rede, Abschweifung, Spiel mit Zeitebenen und Perspektiven, Dialog mit dem Leser) bereits souverän genutzt, bevor dieser mehr als ein Jahrhundert später erfunden wurde.

Hat Sternes Tristram Shandy heutigen Leserinnen und Lesern noch irgendwas zu sagen? Vielleicht das, was der Autor in seiner Zueignung an den SEHR EHRENWERTEN Mr. PITT bekennt:

schreibe ich … doch in einem abgelegenen, strohgedeckten Haus, allwo ich in dem unerschütterlichen Bemühen lebe, wider die Gebrechlichkeiten schlechter Gesundheit und andere Überstände des Lebens mit Frohsinn anzufechten; indem ich die feste Überzeugung hege, daß, so oft der Mensch lächelt, - und um so viel mehr, wenn er lacht, es dieses Bruchstück von Dasein bereichert.

Das klingt brav und nach Biedermeier, ist es aber nicht. Einfach mal testen und am kommenden Sonntagabend, dem ersten des Monats März, auf Tatort und Anne Will verzichten und in der neuen Übersetzung von Michael Walter lesen, sich den Roman von Harry Rowohlt vorlesen lassen oder dem Hörspiel des Bayerischen Rundfunks lauschen.

15:31 03.03.2016
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Geschrieben von

koslowski

"In Saloniki / weiß ich einen, der mich liest, / und in Bad Nauheim./Das sind schon zwei." (Günter Eich, Zuversicht)
koslowski

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