Kleine Fluchten (5)

Kraniche am Hochzeitstag Trip ins Moor
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Nach dem Besuch bei Tante Frieda (93), der wir nur von der Straße aus zuwinken konnten, und dem Kauf eines Räucheraals am Dümmer See nahmen wir Kurs auf das Rehdener Geestmoor, wo Tausende Kraniche auf ihrem Weg von Skandinavien nach Südspanien einen Zwischenhalt einlegen, um sich auf den abgeernteten Maisfeldern satt zu essen.

Gegen 18 Uhr, kurz vor Einbruch der Dunkelheit, erschienen am Himmel große Schwärme dieser Vögel in disziplinierten V-Formationen und setzten unter lautem Rufen und Geschnatter zur Landung in ihren Schlafplätzen an. Paare und Individuen gab es auch, aber selten. Die Windkraftanlagen mit den roten Warnleuchten und die mit Fernrohren und Kameras bewaffneten menschlichen Beobachter schienen sie nicht zu stören. Gegen 18:30 Uhr war der Himmel dunkel und leer, das Moor war wieder ruhig.

Auf der Rückfahrt passierten wir an der B 239 ein voll erleuchtetes Bordell, vor dessen giftgrün illuminiertem Portal ein einsamer, weißer Kleinwagen parkte.

In einer Raucherpause auf einem Parkplatz kramte B. einen Zettel aus ihrer Tasche und las (mit Betonung) das berühmteste deutsche Kranich-Gedicht vor:

Die Liebenden

Seht jene Kraniche in großem Bogen!
Die Wolken, welche ihnen beigegeben
Zogen mit ihnen schon als sie entflogen
Aus einem Leben in ein anderes Leben.
In gleicher Höhe und mit gleicher Eile
Scheinen sie alle beide nur daneben.
Daß so der Kranich mit der Wolke teile
Den schönen Himmel, den sie kurz befliegen
Daß also keines länger hier verweile
Und keines anderes sehe als das Wiegen
Des andern in dem Wind, den beide spüren
Die jetzt im Fluge beieinander liegen:
So mag der Wind sie in das Nichts entführen.
Wenn sie nur nicht vergehen und sich bleiben
So lange kann sie beide nichts berühren
So lange kann man sie von jedem Ort vertreiben
Wo Regen drohen oder Schüsse schallen.
So unter Sonn und Monds verschiedenen Scheiben
Fliegen sie hin, einander ganz verfallen.
Wohin ihr? – Nirgend hin. Von wem davon? – Von allen.
Ihr fragt, wie lange sind sie schon beisammen?
Seit kurzem. – Und wann werden sie sich trennen? – Bald.
So scheint die Liebe Liebenden ein Halt.

„Ach, dieser Brecht“, sagte sie und wiederholte den letzten Vers, „mit seiner ewigen Coolness kann der jede Romantik zerstören.“

Zuhause angekommen waren wir froh, unseren 49. Hochzeitstag in solch entspannter Weise begangen zu haben. Aber im nächsten Jahr, nahmen wir uns vor, würden wir ohne Corona und mit voller Kapelle feiern.

Und dann gab's Aal (mit Rührei und Schwarzbrot).

11:50 26.10.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

koslowski

"In Saloniki / weiß ich einen, der mich liest, / und in Bad Nauheim./Das sind schon zwei." (Günter Eich, Zuversicht)
koslowski

Kommentare 8