„Mal ein bischen dalli!“

1941 Vor 75 Jahren verschleppten Gestapo, Polizei und Reichsbahn 420 jüdische Männer, Frauen und Kinder aus vielen ostwestfälischen Gemeinden von Bielefeld nach Riga
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„Mal ein bischen dalli!“
Deportation, etwa 1941 aufgenommen

Foto: Hulton Archive/AFP/Getty Images

„Mal ein bischen dalli! Einsteigen! Einsteigen!“ , notierte der Direktor des städtischen Kunstmuseums im Kriegstagebuch der Stadt unter dem Foto vom 13. Dezember 1941, das eine Menschenmenge mit Gepäck auf einem engen Bahnsteig des Güterbahnhofs zeigt.

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Gestern am frühen Abend vor dem Hauptbahnhof:

Pendler, Reisende mit Rollkoffern, wartende Taxen, fröstelnde Raucher an den beiden Standaschenbechern, rege Nachfrage bei Curry-Paul. Daneben das Mahnmal mit den Namen der jüdischen Menschen aus Ostwestfalen, die von hier zwischen 1941 und 1945 in die Vernichtungslager im Osten Europas deportiert worden waren.

Etwa 100 Menschen waren dem Aufruf mehrerer Bürgerinitiativen gefolgt, der Menschen zu gedenken, die am 13. Dezember 1941, einem Samstag, in den Personenzug 3. Klasse am Güterbahnhof getrieben worden waren, um nach Riga gebracht zu werden. Fast alle wurden ermordet: im Ghetto von Riga, im Wald von Bikernieki, in Salaspils, Jungfernhof, Kaiserwald, Strasdenhof, im Armeebekleidungsamt Mühlgraben, in Stutthof, Buchenwald, Dachau und am Ende eines langen Todesmarsches in Neustadt/Holstein. Nur 47 überlebten.

Sprecher der Initiativen verlesen die Namen der verschleppten Menschen und zitieren aus Berichten von Überlebenden. Zum Beispiel aus der Aussage (1964) von Inge Rosenthal vor dem deutschen Konsul in Cleveland, Ohio:

Am 16. Dezember kam der Transport, dem ich und meine Eltern angehörten, am Bahnhof Riga an. […] Schon am Bahnhof hieß es: wenn jemand glaube, den Weg zum Ghetto nicht zu Fuß zurücklegen zu können, sollte er sich melden. Einige ältere Leute taten dies auch. Sie wurden in einen Autobus verladen und in ihm vergast, wie ich später hörte. Ich weiß aber aus eigener Anschauung, daß sie nie im Ghetto ankamen. Nachdem mein Vater im Ghetto eine Wohnung für uns gefunden hatte, wurde er sehr bald zum Schneeschippen eingeteilt. Ich möchte noch bemerken, daß unsere Wohnung, wie ich später erfuhr, von lettischen Juden bewohnt worden war, die im Rahmen einer großen Erschießungsaktion am 1. Dezember 1941 umgebracht worden waren.

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Wir hören der Lesung eine Weile zu. Dann müssen wir weiter. Als wir später am Abend den Bahnhofsvorplatz passieren, ist niemand mehr da. Es herrscht wieder vorweihnachtliche Normalität.

Fotos von der Deportation am 13. Dezember 1941 hier: http://bit.ly/2hz3l7t

18:42 14.12.2016
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Geschrieben von

koslowski

"In Saloniki / weiß ich einen, der mich liest, / und in Bad Nauheim./Das sind schon zwei." (Günter Eich, Zuversicht)
koslowski

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