November - Blues

Vom Verschwinden Elegante Melancholie eines alten Meisters
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In der nächsten Woche haben wir einen Termin mit dem Friedhofsgärtner in K.. Er wird uns die verschiedenen Möglichkeiten der Urnenbestattung zeigen und über die jeweiligen Kosten informieren. Die Gattin hatte die Initiative ergriffen. „Wenn wir schon Keller und Boden entrümpeln, Schränke, PC und Garten aufräumen, unser Testament machen und die Vorsorgevollmacht notariell beglaubigen lassen, sollten wir uns auch um unser Grab kümmern.“ Ich schlug vor, die Sache nicht zu übereilen, der November sei in diesem Jahr wegen Corona eh ein depressiver Monat, aber die Gattin war wegen der Abwahl Trumps einigermaßen euphorisiert und vereinbarte mit der Friedhofsverwaltung einen kurzfristigen Gang über das Urnenfeld.

Ich suchte Trost und Erbauung bei einem Lieblingsdichter:

Ich rührte mich nicht. Ich wartete,
bis er verschwunden war, schweigend.

Die Verse klingen, als habe der Sprecher / die Sprecherin des Gedichts eine bedrohliche Situation durch Anpassung und stumme Passivität überstanden. Vielleicht ein Versuch, die aktuellen Empfehlungen von Politik und Wissenschaft für das Leben mit Corona in tröstende, ermutigende Lyrik zu übersetzen? Nicht doch. Die Verse sind mindestens 15 Jahre alt und sind die Pointe des Gedichts Die Visite von Hans Magnus Enzensberger *. Das berichtet vom Besuch eines Engels im Arbeitszimmer des lyrischen Ichs, der dessen Selbstwertgefühl massiv attackiert:

Eine einzige unter fünfzehntausend Schattierungen

der Farbe Blau, sagte er,


fällt mehr ins Gewicht der Welt

als alles, was Sie tun oder lassen,


gar nicht zu reden vom Feldspat,

und von der Großen Magellanschen Wolke.


Sogar der gemeine Froschlöffel, unscheinbar wie er ist,

hinterließe eine Lücke, Sie nicht.

Aber das Ich ist schlau: Es ignoriert die Aufforderung zum Schlagabtausch, wehrt sich nicht, wartet ab und überlebt – einstweilen.

Also kein Heldenepos, aber eine Szene, die Hoffnung macht, dass wir vielleicht doch mit heiler Haut davonkommen.

Hilft die Lektüre dieses Gedichts und dieses Bandes gegen den Corona-Blues in diesem November? Wohl nicht. Aber die elegante Melancholie des alten Dichters (heute wird er 91) versöhnt fast mit der Zumutung, sich in diesen Zeiten mit der eigenen Bedeutung und dem eigenen Tod auseinandersetzen zu müssen.

Deshalb sehen wir der Besichtigung des Urnenfelds in der nächsten Woche mit Zuversicht entgegen.

HANS MAGNUS ENZENSBERGER

Die Visite

Als ich aufsah von meinem leeren Blatt,
stand der Engel im Zimmer.

Ein ganz gemeiner Engel,
vermutlich unterste Charge.

Sie können sich gar nicht vorstellen,
sagte er, wie entbehrlich Sie sind.

Eine einzige unter fünfzehntausend Schattierungen
der Farbe Blau, sagte er,

fällt mehr ins Gewicht der Welt
als alles, was Sie tun oder lassen,

gar nicht zu reden vom Feldspat
und von der Großen Magellanschen Wolke.

Sogar der gemeine Froschlöffel, unscheinbar wie er ist,
hinterließe eine Lücke, Sie nicht.

Ich sah es an seinen hellen Augen, er hoffte
auf Widerspruch, auf ein langes Ringen.

Ich rührte mich nicht. Ich wartete,
bis er verschwunden war, schweigend.

In: H.M.E., Kiosk. 1995

11:04 11.11.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

koslowski

"In Saloniki / weiß ich einen, der mich liest, / und in Bad Nauheim./Das sind schon zwei." (Günter Eich, Zuversicht)
koslowski

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