Spurensuche

Melancholische Ermittler "Es sind schmutzige Zeiten, das ist alles."
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Beim Wiederlesen der Krimis von Jean-Claude Izzo* und Leonardo Padura*fällt mir auf, dass beiden Romanen eine Melancholie eigen ist, die im Schmerz über den Zustand der Gesellschaft ihren Ursprung hat

Nachdem die Täter ermittelt sind, zeigen die Autoren ihre Detektive in der letzten Szene als einsame Männer.

Der eine geht fischen:

Ich schlich zu mir hinein wie ein Dieb. Aus der Küche holte ich eine volle Flasche Lagavulin, eine Jacke und eine warme Decke aus dem Schrank. Ich stülpte meine alte Fischermütze auf und stieg zu meinem Boot hinunter.

Mein treuer Freund.

Ich sah meinen Schatten im Wasser. Den Schatten eines verbrauchten Mannes.

Ich ruderte hinaus, um keinen Lärm zu machen.

Auf der Terrasse glaubte ich, Honorine und Fonfon Arm in Arm zu erkennen.

Da fing ich an zu heulen.

Teufel, tat das gut.

Der andere geht ans Bücherregal:

Er stellte die Tasse auf das Nachttischchen, das Spuren von anderen abgestellten Tassen aufwies, und ging zu dem Stapel von Büchern, die auf einem Hocker darauf warteten, gelesen zu werden. Er fuhr mit dem Finger über die Buchrücken, auf der Suche nach einem Titel oder einem Autor, für den er sich hätte begeistern können. Auf halbem Weg hielt er inne. Er streckte die Hand zum Regal aus und nahm das einzige Buch heraus, auf dem sich nie Staub ansammelte. »Es muss sehr untergründig und berührend sein«, sagte er laut zu sich. Und er las die Geschichte von dem Mann, der alle Geheimnisse des Bananenfisches kennt und sich vielleicht deshalb umbringt. Danach schlief er mit dem Gedanken ein, dass die Geschichte wegen des genial friedvollen Selbstmords eine Geschichte voller Untergründigkeit war.

Die Helden der beiden Romane ermitteln zu Beginn der 90er Jahre, der eine in Marseille, der andere in Havanna. Der eine hat den Polizeidienst verlassen und sucht nun auf eigene Faust ( und eigentlich gegen seinen Willen ) nach dem Sohn seiner schönen Cousine. Der andere ist Polizeikommissar ( und träumt davon, auszusteigen ) und sucht nach einem hohen Kader der Partei, der verschwunden ist. Beide Ermittler sind Männer in den besten Jahren (44 der eine, 34 der andere ), die ihre Stadt lieben und der Musik und der Literatur zugetan sind. Ihre Gedanken gehen oft in die Vergangenheit, Erinnerungen an Jugend, Liebe und Ideale.

Sie haben Mühe, die Gegenwart zu verstehen und die Übersicht zu behalten. Ihre Ermittlungen in den Vorstädten Marseilles und unter den postrevolutionären Kadern in Havanna konfrontieren sie mit den aktuellen Konflikten der Gesellschaft ( Rassismus und Aufstieg von Mafia und Front National; Isolation und Stagnation des Landes und das Scheitern einer menschenfreundlichen Utopie ) und führen sie zurück in die Geschichte ihrer Familie und ihrer Stadt.

Fabio Montale und Teniente Mario Conde, das wird schnell klar, sind Figuren, die von ihren Autoren nach dem Vorbild der amerikanischen hardboiled novels konzipiert wurden. Alle Versatzstücke sind da: die Müdigkeit der Helden, ihr illusionsloser Blick auf die Welt, ihre Tapferkeit, das zu tun, was trotz des absehbaren Scheiterns getan werden muss.

Ihre Autoren haben ihnen jedoch eine Eigenschaft gegeben, die sie, wenn ich das richtig sehe, von den literarischen Vorbildern unterscheidet. Beide Ermittler haben auch politische Gründe für ihre Melancholie.

Fabio Montale ist der Sohn eines italienischen Einwanderers und Kommunisten. Er hasst den aufkommenden Rassismus, den Front national und die islamistischen Hassprediger in den Vorstädten der arabischen Einwanderer. Er stellt mit Bedauern fest: „der Kommunismus war heute nur noch ein Haufen kalter Asche.“ Er verlässt den Dienst, als er merkt, dass Rassismus und Gewaltbereitschaft auch den Polizeiapparat zu beherrschen beginnen, und zieht sich zurück in sein Haus am Meer, um zu fischen und im Gebirge zu wandern.

Mario Conde träumt davon, eines Tages einen Roman in der Manier seines Vorbilds Hemingway zu schreiben. Er ist, nachdem er unversehrt aus Angola zurückgekehrt war, zufällig Polizist geworden und macht seinen Job ohne Begeisterung, aber zur Zufriedenheit seines Vorgesetzten. Den traurigen Zustand Havannas und der Revolution nimmt er zur Kenntnis, und als er mit den Ermittlungen in Sachen des verschwundenen Vizeministers im Industrieministerium beauftragt wird, werden in ihm demütigende Erinnerungen wach; denn der hatte, damals als Sprecher der Schüler der Oberstufe, die Zensur seiner ersten Erzählung gerechtfertigt.

Beide Detektive sind (irgendwie) linke Melancholiker, gute Beobachter der Gesellschaft, aber ohne Botschaft, keine politischen Aktivisten und keine bekennenden Dissidenten. Für beide gilt der Satz, den Izzo seinem Roman als Motto vorangestellt hat: „Es sind schmutzige Zeiten, das ist alles.“

Der miese Zustand der Welt hindert sie nicht, die kleinen Dinge des Lebens zu genießen – die Literatur, die Musik und vor allem Essen und Trinken:

Ihre Bouillabaisse war eine der besten in Marseille. Drachenkopf, Rotbarsch, Meeraal, Petersfisch, Seeteufel, Petermännchen, Meerbarbe, Rotbrasse, Knurrhahn, Wolfsbarsch ... Dazu ein paar Krebse und gelegentlich eine Languste. Nur Felsenfische. Nicht wie bei so vielen anderen. Für die Rouille hatte sie ihr einzigartiges Geheimnis, Knoblauch und Pfeffer mit Kartoffeln und Seeigelfleisch.“

„Nein nothing special, aber sehr lecker. Hör zu: die malangas, die du mitgebracht hast, gekocht, in Knoblauchsoße, mit viel Knoblauch und bitteren Apfelsinen; die Schweineschnitzel, die gestern übrig geblieben sind, stell dir vor, ich hab sie eingelegt, sie sind so gut wie fertig, und es reicht für zwei pro Kopf; dazu schwarze Bohnen, schön sämig, wie ihr sie am liebsten mögt, wegen des intensiven Geschmacks, und jetzt gebe ich noch einen Schuss argentinisches Olivenöl dazu, hab ich in der Bodega gekriegt… »Ich beiß mich in den Arsch, Jose«, sagte El Conde, und er spürte, wie sich sein angegriffener Magen endgültig erholte. Er schwärmte für reich gedeckte Tische und hätte sein Leben hergegeben für ein solches Menü.“

*Jean-Claude Izzo, Chourmo. Zürich 2000 (Frz. Original 1996)

**Leonardo Padura, Ein perfektes Leben. Zürich 2003 ( Span. Original 2000 )

13:33 24.12.2015
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Geschrieben von

koslowski

"In Saloniki / weiß ich einen, der mich liest, / und in Bad Nauheim./Das sind schon zwei." (Günter Eich, Zuversicht)
koslowski

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