Stolpersteine

Integration im Alltag Hasan stellt eine Frage an die deutsche Geschichte
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„Warum wolltet ihr sie alle töten?“, fragt Hasan, als wir nach dem Ende der Stadtrallye vor der Eistheke stehen.

Hasan ist 14. Mit seinem Vater kam er vor wenigen Monaten aus Syrien (über den Libanon und Weißrussland) in die Stadt. Mutter und Schwester sind noch in der Heimat. Deswegen sei er, sagte er, „immer traurig“. In der Schule ist er erfolgreich, nach Pfingsten kann er am Regelunterricht einer 8. Klasse seiner Gesamtschule teilnehmen. Er möchte das Abitur machen und dann studieren, Chemie - wie sein Vater, der in Russland studiert hat. Einmal in der Woche kommt er am Nachmittag zu uns ins Büro der "Bürgerinitiative für Bildung", um zusammen mit anderen Kindern und Jugendlichen aus Flüchtlingsfamilien sein Deutsch zu verbessern und auf Exkursionen die Stadt kennenzulernen.

Eine Station auf der Rallye durch die Innenstadt waren zwei Stolpersteine, die an ein jüdisches Ehepaar erinnern, das in dieser Straße gewohnt hatte, in ein Vernichtungslager im Osten Europas deportiert und dort ermordet worden war. Die jungen Leute aus Syrien, Irak, Nigeria und Bangladesch hatten aufmerksam zugehört, als wir berichteten, dass vor mehr als 70 Jahren Deutsche andere Deutsche und Europäer getötet hatten, weil diese Juden waren. Ihre Gesichter zeigten ihr Entsetzen und ihr Unverständnis. Die Aufgabe war, den Vornamen des Mannes auf dem Stolperstein zu ermitteln und den Anfangsbuchstaben an einer bestimmten Stelle des Lösungswortes einzutragen.

Als wir unser Eis haben, setzen wir uns auf eine Bank, etwas abseits von den anderen. Ich versuche, seine Frage so zu beantworten, dass er verstehen kann, was ich selbst – 71 Jahre alt, Studium der Geschichte, 40 Jahre Geschichtslehrer – nicht wirklich verstehe: viele Menschen ohne Arbeit, eine Diktatur entsteht, Juden verlieren erst ihre Rechte als Bürger, dann werden sie in Lager eingesperrt und dann ermordet …

Hasan hört zu, fragt nach und sagt dann (mehr zu sich selbst): „Aber heute ist anders. Kann nicht wieder kommen.“ Ich nicke ihm zu und spendiere uns noch eine Kugel Eis.

23:30 13.05.2016
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Geschrieben von

koslowski

"In Saloniki / weiß ich einen, der mich liest, / und in Bad Nauheim./Das sind schon zwei." (Günter Eich, Zuversicht)
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