Viel Deutschland

Dresden, Februar 2016 Wochenende mit Lernprozess
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Wir entspannten uns wieder, als wir am Sonntagabend auf der Rückfahrt im Intercity zwischen Dresden und Hannover dem lauten Gespräch zweier junger Frauen in der Reihe hinter uns über vergangene und vergehende Lieben zuhören mussten. Die zwei Tage in Dresden hatten uns mit dem Land und seiner Vergangenheit konfrontiert, ziemlich erschöpft und etwas ratlos gemacht:

- Auf der Führung durch die Altstadt waren wir berittenen Polizisten begegnet, während am Himmel Hubschrauber kreisten und nach Rechtsradikalen Ausschau hielten, die hier in den letzten Jahren gegen die Luftangriffe amerikanischer und britischer Bomber am 13. / 14. Februar 1945 demonstriert hatten;

- der Stadtführer, der erklärte, er habe 1989/90 seinen Staat verloren, und sich Mühe gegeben hatte, uns Touristen aus dem Westen zu erklären, dass Dresden nicht nur eine Stadt der Opfer, sondern auch eine Stadt der Täter gewesen sei;

- der Mann am Nachbartisch im Cafe, der sich über unseren AfD-Witz (Was ist eine Blondine zwischen zwei AfDlern?- Nicht die Dümmste) aufregte und, wie er behauptete, aus dem Rheinland gekommen war, um am Montag am Aufzug von Pegida teilzunehmen;

- die zwei fröhlichen Diakonissen mit Häubchen, neben denen wir am Samstagabend in der Menschenkette gestanden hatten;

- der Chor Dresdener Bürgerinnen und Bürger in der Inszenierung von Graf Öderland /Wir sind das Volk im Schauspielhaus , der Ängste und Hass der Montagsdemonstranten (Wir sind die Deutschen und wollen nicht, dass der uns überrennt, der Islam ) skandierte;

- die Birkenau - Bilder von Gerhard Richter im Albertinum im letzten Saal der Galerie neuer Meister, die versuchen, für die Darstellung des Völkermords eine abstrakte Bildsprache zu finden (Kinder fotografierten einander vor den Tafeln).

Später dann hinter Hannover sagte B., am meisten habe sie im Albertinum ein Bild von Katharina Sieverding mit dem Titel Deutschland wird deutscher (aus dem Jahr 1992) verstört, das ihr wie ein Kommentar zur Zeit erscheine: Kaum hätten sich Regierung und Zivilgesellschaft entschieden, Geflüchtete in großer Zahl aufzunehmen, trete das alte Deutschland mit seinen aggressiven Ängsten wieder auf den Plan. Sie sei nach diesem Wochenende in dieser deutschen Stadt fast sicher, sagte sie, dass wir es nicht schaffen werden. Ich dachte an David aus Nigeria, Jaouad aus Marokko und Hasan aus Syrien, mit denen ich Deutsch lerne, und stimmte dann widerstrebend zu.

Über Dresden am 13.02.2016 hier: http://bit.ly/1Tlp6qf

Eine Rezension des Schauspiels im FREITAG hier: http://bit.ly/1Tlmx7y

Die Bilder von Gerhard Richter und Katharina Sieverding hier http://binged.it/1SPOqoA und hier http://bit.ly/214Fi0l

21:15 17.02.2016
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Geschrieben von

koslowski

"In Saloniki / weiß ich einen, der mich liest, / und in Bad Nauheim./Das sind schon zwei." (Günter Eich, Zuversicht)
koslowski

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