Islamkritik oder Religionskritik?

Kritik der Zustände Kritik am Islam oder Religionskritik? Wonach fragen die Autoren? Und warum sprechen wir über den Islam, wenn die Rechte demonstriert?
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Es gibt mehrere Dinge in dieser Gemengelage, die mir echt aufstoßen, das erste ist die vehemente Verharmlosung der gewaltsamen Demonstration menschenverachtendem rechten Gedankenguts. Und nur weil irgendein Hooligan zur Demo aufgerufen hat, während die Rechten von den Pro-Parteien über Die Rechte bis zur NPD sich auf offizieller Ebene im Hintergrund hielten, dominiert das Wort Hooligans die Schlagzeilen.

Das englische Hooligan wird von Pons online mit Rowdy ins Deutsche übersetzt und auch so gebracht. Damit wird angedeutet, dass die Gewalt vom "unpolitischen" Teil der Demo, den Rowdys, ausgegangen sei. Dass der Aufruf „Hooligans gegen Salafisten“ schon politisch ist und damit eine künstliche Grenze zwischen den unpolitischen Hools und den politischen Rechten gezogen wird, ist schon angesichts steigender rechter Gewalt, die selbst der Verfassungsschutz registriert hat, skandalös.
Dass die Rechte aus Hools und bekennenden Rechten nunmehr keine symbolträchtigen Daten (Bombadierung Dresdens, Geburtstage von Nazi"größen") mehr brauchen, um auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren, stellt einen weiteren Beleg für das Erstarken der Rechten dar.

Ein weiterer Punkt ist, dass in Köln keine Salafisten auf der Straße waren, die Demo gegen die Salafisten also in deren Abwesenheit stattfand, doch in den Medien sie in den Artikeln rund um das Thema "Ausschreitungen in Köln" fast genauso präsent, wie die Demonatranten. Dass bei der Demonstration in Köln kein Gegenüber anwesend war, zeigt viel mehr, dass es ihnen um eine Demonstration der Stärke ging. Die Agenda haben sie schon jetzt mal wieder mitbestimmt.

Dass nun die Debatte um eine westliche Kritik am Islam aufkommt und als Religionskritik bezeichnet wird, spielt der Rechten in die Hände. Und dabei gibt es an den Zuständen in den Ländern des nahen Ostens viel zu kritisieren: etwa das Fehlen der Menschenrechte, undemokratische Zustände, fehlende Perspektiven usw. Darum lasst uns über diese Länder sprechen und schreiben.

Leerstelle linker Islamkritik

Interessanterweise erschienen in der Welt, dem Freitag und im Neuen Deutschland Artikel zum Thema Aufklärung und Islamkritik, die sich meiner Meinung nach doch sehr ähneln. Im Freitag heißt es in der Unterüberschrift "Wir dürfen die Debatte über Salafisten nicht dem rechten Rand überlassen " und Neuen Deutschland wird sogar vom "linken Islam-Tabu" geschrieben. Irgendwie irritiert mich die Wortwahl vom Tabubruch, das Lieblingswort aller Aufklärer à la Sarrazin, in diesem Zusammenhang.

"Wer auch immer sich kritisch über den Islam äußert, den stecken linke Gruppen gerne in den »Deutscher Mob«-Sack und prügeln mit der verbalen »Rassismus«-Keule ordentlich drauflos." Auch diesen Satz kennt man. "Es muss in einer modernen Gesellschaft ohne Einschränkung erlaubt sein, Ideen und Ideologien schlecht zu finden und zu kritisieren", heißt es entsprechend bei Oliver Jege in der Welt.

"Zu sagen: Der gute Islam bedeutet Frieden, einen schlechten Islam gibt es hingegen nicht, entlarvt die Islamvertreter und Islamversteher als Blender und Täuscher. Solange die islamische Welt unentschlossen, uneindeutig und abwartend gegenüber radikalen Tendenzen vorgeht, solange sie nicht zugeben will, dass der Islam auch eine kriegerisch-politische Seite hat, so lange ist es ein gesamtislamisches Problem", so Jeges. Sein Artikel endet schließlich mit den Worten: "So lange darf man auch Islam und Islamismus vermischen. Oder um es mit den Worten Aiman Mazyeks zu sagen: Mit 'Islamophobie' hat das alles nichts zu tun. Wir nennen es Aufklärung!" Mich erinnert diese Rhetorik eher an den Revolutionsexport eines Napoleon, was man begrüßen kann, aber auch benennen sollte. Aufklärung dagegen war ganz unabhängig davon, ob diese je ein Breitenphänomen war, eine reflexive Bewegung.

Auch Christian Baron fordert eine Religionskritik am Islam. Allerdings argumentiert er differenzierter. Ausgehend vom unterschiedlichen Bildungshintergrund und unterschiedlicher sozialen Lage der Akadmiker und dem Rest der Bevölkerung (darüber ließe sich heftig streiten), sieht er die Akademiker, die sich über alternative Lektüre eine differenzierter Weltsicht erschließen könnten, in der Pflicht zu einer zu einer linken Religionkritik des Islam. Dies sei nötig um mit dem Rest der Bevölkerung in einen Dialog treten zu können, die lediglich aus der rechten Ecke eine Kritik des Islams angeboten bekämen. Hier liegt aber genau die Unschärfe der Argumentation aus der nicht deutlich wird, ob es um eine Kritik am Islam oder um eine Religionskritik geht. Letzteres im Hinblick auf Marx zu betreiben, ist, ich wiederhole mich, sicherlich von außen schwierig.

"Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks. Die Forderung, die Illusionen über einen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf. Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Religion ist.

[...]

Es ist also die Aufgabe der Geschichte, nachdem das Jenseits der Wahrheit verschwunden ist, die Wahrheit des Diesseits zu etablieren. Es ist zunächst die Aufgabe der Philosophie, die im Dienste der Geschichte steht, nachdem die Heiligengestalt der menschlichen Selbstentfremdung entlarvt ist, die Selbstentfremdung in ihren unheiligen Gestalten zu entlarven. Die Kritik des Himmels verwandelt sich damit in die Kritik der Erde, die Kritik der Religion in die Kritik des Rechts, die Kritik der Theologie in die Kritik der Politik." (Herv. i. Org. Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung)

Liest man sich dies durch, dann fällt zunächst auf, dass Marx von der Religion im Allgmeinen, aber von konkreten gesellschaftlichen Zuständen spricht. Er kritisiert ein bestimmtes "Jammertal" und dessen Aura, "Heiligenschein", das sehr konkret war: die deutschen Zustände.

"Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes."

Aber gerade weil es um ein konkretes Elend geht, kann man den grellen Heiligenschein nur durchdringen, wenn man die jeweilige Ausprägung der Religion und auch den Volksglauben mit berücksichtigt, mit dem sich konkrete Herrschaftsverhältnisse verbinden. Und da sich Macht in allen Poren der Gesellschaft wiederfindet, ist die Kenntniss dieser Gesellschaft mit allen duftenden aber auch stinkenden Körperöffnungen nötig.

"Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist. " (Herv. i.Org.)

Für eine linke Religionskritik sind entsprechend zwei Dinge notwendig. Erstens: Die Kenntnis der Grundlagen der Religion und der Religionsgeschichte. Und dazu gehört natürlich auch die Erkenntnis, dass der Religionsstifter bei der Verbreitung der Regligion alles andere als ziemperlich war, was Blutvergießen einschloss. Zweitens: Die Kritik des Islams kann nur als Kritik der jeweiligen konkreten Ausprägung in einem bestimmten Land mit seinen Eigenheiten bedeuten und davor steht das Interesse für und die Kenntnis der islamischen Länder.

"Nur so ließe sich endlich ein gesamtgesellschaftlicher Weg finden zwischen einer radikalen Bekämpfung der rassistischen Strukturen, die ganz legal Menschen im Mittelmeer ersaufen lassen oder muslimische Migranten sozial benachteiligen, und einer ebenso radikalen Bekämpfung des in weiten Teilen der Welt reaktionäre Ausmaße annehmenden politischen Islam." Aber es gehört auch ein Verständnis für und die Solidarität mit den gemäßigten Muslimen dazu.

14:15 31.10.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

wortspiele

Alidusti
Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Kommentare