Kalla

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RE: Das Potenzial einer demokratischen Selbstreformschule | 06.09.2009 | 19:49

Lieber Christian,
ich finde es prima, dass Du nun in Deiner Antwort doch die Frage der Schulstruktur in den Mittelpunkt stellst. In Deinem Beitrag, der diese Debatte ja ausgelöst hat, habe ich genau dieses Thema vermisst. Der Skandal der Haupt- und „Förderschulen“ – darauf heißt die Antwort doch nicht „charter-school“ oder „frei-öffentliche Schule“, wie Du suggerierst, sondern, wie ja auch bei den Freundinnen und Freunden von der „Mittendrin“-Bewegung (die Hauptschüler haben ja keine lautstarke Elternlobby) erst mal ganz schlicht „eine Schule für alle“.
Wir werden uns gemeinsam darüber aufregen, dass unser deutsches Schulsystem ein gutes Fünftel der Kinder in ein so genanntes Übergangssystem entlässt, ihnen den Weg in eine Randexistenz vorzeichnet, und darüber, dass die heilige Kuh des deutschen Gymnasiums nicht geschlachtet werden darf. Verantwortlich dafür ist das Schulsystem. Andere Länder machen es längst anders, Finnland und Schweden zum Beispiel. Und das sind Staatsschulsysteme, und weil sie gut funktionieren, ist der Anteil der Privatschulen gering. Also: Einheitsschule – ich habe keine Angst vor diesem Begriff mit einer guten Geschichte – oder selektives Schulsystem, das ist die erste Frage.
Ich weiß nicht genau, wie du dir die „frei-öffentliche Schule“ vorstellst. Da ist einmal der Hinweis auf die Charter-Schools. Ihr Erfinder ist ein gewisser Milton Friedman, es steht im Zusammenhang mit dem Prinzip der Bildungsgutscheine und der freien Schulwahl - so viel Zeit muss sein, um das mal zu erwähnen. Auch private Bildungsfirmen hatten diese Charter-Schools übernommen, pädagogisch und ökonomisch war es ein Flop. Nun werden sie geführt von autonomen Schulleitern, wie Du sie dir wünschst, mit mäßigem Erfolg – ihr Finanzgebaren ist undurchsichtig, ihr Erfolg bei den Migrantenkindern schlecht ( vgl. articles.latimes.com/2009/may/21/local/me-charter21 - und im übrigen die Bildungsinfos von Georg Lind, die sind voll von solchen Hinweisen).
Es gibt mittlerweile doch einige Belege dafür, dass die freie Schulwahl (in NRW wurden gerade die Grundschulbezirke aufgehoben) den Trend zur Segregation verstärkt – der durch die Siedlungsstruktur ohnehin gegeben ist – also die Reichen und die Armen wohnen zusammen, und die Aufstiegswilligen fahren ihre Kinder, die noch etwas zur Heterogenität einer Schülerpopulation beitragen könnten, lieber in die „besseren“ Stadtviertel und Schulen. Also, meine Befürchtung, freie Schulwahl, und dazu noch eine von Deiner Schul-Exzellenzinitiative beförderte Differenzierung von exzellenten und miesen Schulen, all das ist nicht geeignet, eine Schule für alle zu befördern, es wird nicht für Heterogenität im Klassenzimmer sorgen, sondern es bewirkt das Gegenteil.
Und noch eins: Nein, mir reicht es nicht, auch nicht für Haupt- und Sonderschüler, sie „fit zu machen“ für eine „Arbeitswelt“. Bildung hat für mich den Anspruch, dass Menschen selbst in der Lage sind, ihre Dinge in die Hand zu nehmen, natürlich zuerst, für sich selbst sorgen zu können. Aber nicht dadurch, dass sie befähigt werden, die besten Sonderangebote herauszusuchen, wie es ein ausgesprochen zynischer (autonomer?) Hauptschulleiter für seine SchülerInnen als „Bildungsziel“ formulierte. Sondern, dass sie sich gegen Zumutungen wehren, ihre Möglichkeiten einschätzen und verbessern können etc. Dazu gehört natürlich, dass man Zeitungen liest, einen Begriff von Geschichte hat, von Ästhetik, aber auch seine Telefonrechnung versteht. Das zu fordern halte ich nicht für realitätsblind, wie Du schreibst, sondern ist für mich unverzichtbar. Und zwar für alle, wie es Comenius wollte. Und Marx. und von Hentig. Sonst wüsste ich nicht, wofür wir Schulen veranstalten sollen.
So viel erstmal,
beste Grüße,
Karl-Heinz Heinemann

RE: Auslese mal ganz anders | 02.09.2009 | 14:43

Lieber Christian,
freut mich, dass Du nicht gleich beleidigt reagiert hast. Es ist nun aber nichts freitag-Spezifisches, dass der Ton in solchen Diskussionsgruppen manchmal recht grottig wird. Nun bin ich ja auch schon als immerhin linker Protagonist des "kapitalpädagogischen Komplexes" entlarvt.
Ich bin auf Deine Antwort gespannt und hoffe, wir können den Ball flach halten,
Grüße aus Köln
KH