Klimabewusstsein in Südamerika

Klima Subjektive Betrachtungen zum Thema Umwelt und Klima: Das hohe Verkehrsaufkommen und veraltete Transportmittel in Südamerika machen Umweltbemühungen in Europa zunichte.
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Bis 2020 soll die CO2-Emission von PKWs in der EU auf durchschnittlich 95g/km gesenkt werden, so die Verordnung von Dezember 2008.
Auf einer Südamerika-Rundreise wird einem jedoch die ganze Sinnlosigkeit dieses Unterfangens bewusst.
Ganz abgesehen von den so wunderbar als Unregelmäßigkeiten bezeichneten Betrugsversuchen des VW-Konzerns, der wahrscheinlich nur den Reigen namhafter Hersteller anführt und das Pech hatte als erster aufzufliegen, sind die realisierbaren Ergebnisse nur Tropfen auf dem immer heißer werdenden Stein Klimawandel.
Statt für Hersteller ökonomisch uninteressante Maßstäbe zu verordnen, die, wie sich zeigte, in Betrugsskandalen enden, sollten sich alle Parteien an einen Tisch setzen und überlegen, wie man an anderen Örtchen dieser Welt überhaupt erst ein Bewusstsein für die Problematik schaffen kann.
In europäischen Metropolen ist man mit gut ausgebautem Personen-Nahverkehr, Carsharing-Angeboten und Umweltzonen schon vorangeschritten. Auch wenn das erst der Anfang einer Entwicklung sein kann, ist es jetzt an der Zeit zu sehen, wie es anderswo läuft. Oder nicht läuft.
Als Berliner ist man wahrlich alles, nur keine Landluft gewöhnt, aber in Ecuadors Hauptstadt Quito bleibt auch Kettenrauchern der Atem weg, nicht nur im übertragenden Sinne.
Das Verkehrsaufkommen wirkt surreal, Zugverkehr gibt es nicht. Der Teil der Bevölkerung ohne eigenes Auto wird ausschließlich in Bussen transportiert, die beim Anfahren eine schwarze Wolke ausstoßen, die die Jahres-CO2-Bilanz eines europäischen Sportwagens überbieten dürfte. Bis auf wenige Ausnahmen sind die unzähligen und häufig getunten Taxis deutlich vor Einführung von Rußpartikelfiltern gebaut worden. In Peru verpesten zusätzlich die für Kurzstrecken genutzten so genannten Motokars, motorisierte Rikschas, die Luft.
An großen Straßen der Millionenmetropole Lima kann man tatsächlich kaum atmen, auch weil die betuchtere Schicht gerne übermotorisierte Pickups fährt, die 20 Liter und mehr verbrauchen.
Und all das ist kein Problem, weil Sprit und Haltungskosten nahezu lächerlich sind.
Das Schlimme dabei: der allergrößte Teil der Bevölkerung ist nicht nur nicht für die Thematik sensibilisiert, er weiß über die Folgen gar nicht Bescheid.

Der Klimawandel lässt die Gletscher schmelzen. Die Wasserversorgung wird ein großes Problem nicht nur für Perus Hauptstadt, nicht erst in ferner Zukunft.
Trotzdem verbrauchen Limas Bewohner durchschnittlich doppelt so viel Wasser wie ein Deutscher.
Das zeigt auf dramatische Weise, wie es um das Bewusstsein für den Klimawandel in diesem Teil der Erde bestellt ist. Und wir reden von einer Metropolregion. Die meisten hier sprechen besser Englisch als so mancher Deutscher und haben ständigen Zugang zu Informationskanälen.
Gar nicht auszudenken, wie es sich in ländlichen Regionen verhält.
Doch genau da sollte man bei Weltklimagipfeln und ähnlichen Veranstaltungen ansetzen: Wie erreicht man die Menschen und kann ein Bewusstsein für Klima und Verbrauch schaffen?
Sämtliche EU-Bürger könnten mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren und doch kaum einen Unterschied machen, zumal es in Asien ein noch höheres Verkehrsaufkommen mit teilweise noch desaströseren Vehikeln gibt.
Dieses mangelnde Bewusstsein zieht sich natürlich durch sämtliche Lebensbereiche. Im Supermarkt wird fast jedes Produkt einzeln eingetütet, so dass man nach dem Wocheneinkauf gerne mal mit 12 Tüten in den Händen den Laden verlässt. Aber nicht mit den stabilen, recycelten Modellen, die hierzulande ausgegeben und gerne wiederverwandt werden. Sondern jene dünnen, von denen die Hälfte schon beim Einpacken reißt und später den direkten Weg in den Müll findet.
Aber zurück zum Automobil.
Verlässliche Zahlen zum PKW-Bestand in südamerikanischen Metropolregionen finden sich zwar nicht, aber der Verkehr zum Beispiel in Mexiko City lässt einen Arztbesuch trotz geringer Wartezeiten dank (zu) kostspieliger medizinischer Versorgung zum Tagesausflug werden.
Statt also die für die europäische und nicht zuletzt deutsche Wirtschaft essentielle Automobilindustrie mit unrealistischen Zielsetzungen in die Ecke zu drängen, so dass diese sich zum Schummeln genötigt sieht und, natürlich auch selbstverschuldet, weltweit Schaden an den Folgen nimmt, sollte man lieber an einem Strang ziehen und die automobile Zukunft gemeinsam gestalten.
Denn ohne Auto geht es in vielen Teilen dieser Länder nicht und Radfahren ist bei dem Autofahrstil vieler Lateinamerikaner zu gefährlich - nicht nur weil der Krankentransporter im Verkehr stecken bleiben könnte.

17:49 21.07.2016
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