Hauptsache Weiß

Argentinien In Argentinien spielt weniger das Geschlecht als viel mehr die Hautfarbe eines Menschen eine tragende Rolle für seinen gesellschaftlichen Status

Die Frage dieses Monats:

Meine Antwort:

Klar, argentinische Männer beschweren sich über ihr hartes Schicksal, ständig Frauen im Bus einen Platz anbieten zu müssen. Und, natürlich, es gibt noch einige Dinge, für die die Frauen in Argentinien kämpfen müssen. Aber, viel entscheidender als das Geschlecht ist für den Lebensverlauf die Hautfarbe.

Nachfahren der Ureinwohner und Einwanderer aus Nachbarländern haben es schwer in Argentinien. An eine Hauswand im Zentrum wurde gesprayt: „Die Bolivianerinnen wollen wir nicht mal als Nutten.“ Und gegenüber Einwanderern aus Europa und den USA gibt es eine positive Diskriminierung (Ich kann ein Auto ohne internationalen Führerschein mieten, kenne Europäer, die seit Jahren ohne Visum in Argentinien wohnen und arbeiten).

Aber, es geht mir nicht darum, Statistiken über die Benachteiliung der pueblos originarios zu zitieren. Eine kleine Presseschau zeigt genauso gut, dass es auch 200 Jahre nach der Conquista so aussieht: Weiße, die Geld und Einfluss haben, können machen, was sie wollen. Die anderen können mitspielen oder es lassen.

Tinelli, das ist der argentinische Dieter Bohlen. Und Tinellis Shows sind die, die Millionen von Argentiniern sich im Abendprogramm reinziehen. Tinellis Sendung und seine Sendung Showmatch – das ist es, was die Argentinier anscheinend sehen wollen. Tinelli gibt im Fernsehen den Ton an. Als hätten die pueblos originarios noch nicht genug gelitten, legte Tinelli vor kurzem einen drauf. Auf der Insel Apipé, in der Provinz Corrientes.

Etwa 2000 Menschen leben dort, seit vier Generationen, Nachfahren der Guaraní-Indianer. Tinellis Leute geben sich als Mitarbeiter einer kanadischen Baufirma aus, teilen den Leuten auf Apipé mit, dass sie binnen weniger Tage ihr Dorf verlassen müssen (Bericht der Zeitung página12). Der „Witz“ besteht darin, die verzweifelten Dorfbewohner zu filmen. Die „solidarische Kamera“ heißt dieses Konzept Tinellis: Erst die Menschen leiden lassen, danach gibt’s ein Geschenk. In diesem Fall sollen sie eine Fähre bekommen. Doch das Konzept der versteckten Kamera geht dieses Mal nicht auf. Als der Vertreter von Tinellis Showmatch-Team sich zu erkennen gibt, reagieren die Dorfbewohner nicht erleichtert, wie sonst bei Tinellis makabren Scherzen. Denn auf Apipé gibt es keinen Strom. Die Menschen dort kennen Tinelli und seine Mitarbeiter nicht. Sie schauen nicht fern. Heftig: Auch die Bürgermeisterin spielte mit. Tinellis Leute kommen mit offiziellen Autos, werden deshalb überhaupt erst ernst genommen.

Weiter mit der Presseschau. Ein krasser Fall aus dem Nordwesten des Landes. Und vermutlich einer, von dem die Öffentlichkeit ausnahmsweise überhaupt erfährt.

Mariela, eine Jugendliche aus einer Wichi-Gemeinde, kommt aus einer Diskothek, sieht ihre Cousine in eine Sickergrube fallen. Das Mädchen läuft zu ihrem Onkel, will Hilfe zu holen. Wird später verhaftet, des Mordes angeklagt, obwohl die Leiche der Cousine nicht gefunden wird. Unter Folter gestehen Mariela und ihre Freunde, die Cousine ermordet und gevierteilt zu haben. Die Polizei ist froh, der Richter auch, der Fall ist gelöst. Dumm nur, dass die Leiche nach ein paar Tagen in der Sickergrube auftaucht. Es gab gar kein Verbrechen, keinen Kannibalismus in der Wichi-Gemeinde, keine Vierteilung. Und vermutlich gibt es auch kein Verfahren gegen die Folter-Polizisten. Wäre die Leiche der Cousine nicht aufgetaucht (in der nur dürftig eingezäunten Grube), hätten die Leute vermutlich gedacht: Jaja, diese Wichis. Schlachten sich untereinander ab. Wie unzivilisiert.

Zum Weitergucken und Weiterlesen (spanisch):Tinellis solidarische Kamera

Das Verbrechen, das keins war

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