Eine Jahrhundertaufgabe. Und noch eine.

Flüchtlinge Zuzüge von Flüchtlingen bieten die Chance, nachhaltige Stadtentwicklungsziele zu verfolgen - und damit Klimaschutz und Integration zu verbinden
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Eine Jahrhundertaufgabe. Und noch eine.
Leerstand ist in Deutschland keine Seltenheit

Bild: BildFunkMV/imago

Während auf der Pariser Weltklimakonferenz wieder Lösungen gesucht werden, den CO2-Ausstoss zu senken, sucht Deutschland weiter nach Lösungen zur Unterbringung von Flüchtlingen: Beheizte Zelte, bunte Container in Anordnung arabischer Hofhäuser und Holzbauten sind aktuell kursierende Formen – bis zum Ankommen auf dem freien Wohnungsmarkt.

Die Ankündigung ist gemacht – im September stellte Bundesbauministerin Barbara Hendricks eine Verdoppelung der Mittel für den Sozialen Wohnungsbau in Aussicht. Mit nunmehr 1 Mrd. Euro Bundeszuschüssen sollen bis 2019 jährlich 350.000 neue Wohnungen entstehen. Die Länder frohlocken: Brandenburg kündigte bereits an, 2.000 neue Sozialwohnungen zu bauen. Ein Scherz? Leider nein.

Alles scheint zurückzutreten vor der „Jahrhundertaufgabe“, der Unterbringung und Integration von Millionen Flüchtlingen in Deutschland. Und das ist neben der schrittweisen Absenkung der CO2-Emmissionen und aller damit verbundenen Anstrengungen schon die zweite in diesem noch so jungen Jahrhundert, um die sich unser Land kümmern muss.

Energiesparen in den USA: trendy, aber unnötig

Bei der Erreichung der Klimaziele steht Deutschland im internationalen Vergleich weit vorne. Zwar sind die Einsparungen gegenüber dem Verbrauch von Ländern wie China oder den USA verschwindend, dennoch trägt Deutschland in seiner Vorbildfunktion für die Welt eine hohe Verantwortung. Während wir über Sinn und Unsinn der vierten Novelle der Energieeinsparverordnung (EnEV) diskutieren, wurde im deutschen Konsulat in New York unlängst bei einer Tagung zum Thema „Green Building Technology: Made in Germany“ Bauprodukte wie dichte Fenster und Dämmprofile gegen Kältebrücken, zur Anwendung bei Hochhäusern, vorgestellt -in den USA sind die Energiepreise im Vergleich zu Deutschland immer noch so niedrig, dass man sich ernsthaft überlegt, ob man zur Raumtemperierung die Heizung herunterdreht, oder lieber das Fenster öffnet. Energie sparen ist zwar trendy, aber nicht notwendig.

In Deutschland wird mit dem Klimawandel die Wirtschaft angekurbelt, so weit es um wachstumsfördernde Prozesse, klimasparende Produkte und Technik geht. Staatliche Investitionen in Förderprogrammen zur Einsparung von Energie ziehen milliardenfach Investitionen im privaten Bereich nach sich. Für die eher unbequemen Aspekte der Nachhaltigkeit, die Suffizienz und Einsparungen abverlangen finden sich nicht so leicht Verbündete. So zum Beispiel zur Verringerung des Flächenverbrauchs. In Deutschland werden täglich immer noch 71 ha Flächen neu besiedelt – während die Bevölkerungszahl seit 2003 sinkt.

Neue Bewohner schaffen neue Fakten

Aber all das wird sich nun ändern – der Zuzug von Flüchtlingen in noch unbekannter Höhe schafft neue Fakten. Demografie-Prognosen werden relativiert, Rückbauprogramme schrumpfender Städte gestoppt. Vergessen sind die Versprechen, bald mehr Flächen einzusparen – im Gegenteil, jetzt brauchen wir wieder Neubauten, und zwar sofort.

Der soziale Wohnbau kommt wieder in Mode, hält man doch eine Herabsetzung von Baustandards für eine „Flüchtlingsarchitektur“ für ein falsches Signal. Dem riesigen Bauprogramm stehen 1,7 Mio. leer stehende Wohnungen in Deutschland gegenüber, Spekulationsobjekte, verlassene Häuser und „nicht markttaugliche“ Immobilien. Diese bereiten uns Sorge – es ist völlig ungeklärt, was mit dem großen Gebäudebestand der 60er bis 80er-Jahre geschehen soll.

Im Sinne einer Ressourcenschonung wäre es sinnvoll ihn zu ertüchtigen und solange wie möglich weiter zu nutzen. Stattdessen wird i.d.R. lieber so weit wie möglich abgerissen und neu gebaut – um marktgerechte Wohnungen und Gewerbe zu schaffen, und mit ihnen neue Abschreibungsobjekte und sichere Renditen. Solange die im Bestand enthaltene Graue Energie nicht in die gesamte Energiebilanz einfließt und sich damit in harten Zahlen ausdrückt, wird sich an dieser Praxis wohl nichts ändern.

Wie Muck Petzet, Architekt aus München und Generaldirektor der Architekturbiennale 2012 es bei einer Konferenz zur Umbaukultur im Januar auf den Punkt brachte: „Wir haben ein schlechtes Gewissen, eine Coladose aus Aluminium in den Hausmüll zu werfen. Aber wir entscheiden uns mit einem Achselzucken für den Abriss der nicht mehr markttauglichen, aber eigentlich noch ganz gut erhaltenen Fünfziger-Jahre-Siedlung.“

Standards senken, Spielräume schaffen

Warum sollten nicht Baustandards herabgesetzt werden, um günstigeres Wohnen gegen Selbstausbau zu ermöglichen? Was hält uns davon ab, allen Bevölkerungsschichten Wohnungen mit Leitungen, die über Putz laufen, zur Verfügung zu stellen? Angesichts der existenziellen Lage, aber eigentlich auch schon vorher war es Zeit, diese Ansprüche über Bord zu werfen, die in Wirklichkeit nur ökonomisch motiviert sind und nichts zur Verbesserung unserer Lebensqualität beitragen, im Gegenzug aber das Spektrum verfügbaren Wohnraum auf dem Markt sehr bereichern würde.

Die Eckpunkte einer nachhaltigen Stadtentwicklung passen wunderbar mit den Aufgaben dieser Tage zusammen. Dazu gehört auch die Nachverdichtung unserer Städte durch Aufstockungen flacher Gebäude, Erschließung von Brachflächen und Leerständen. Wie könnten Flüchtlinge besser integriert werden, als mitten in unseren Städten? Prof. Jörg Friedrich, Architekt aus Hamburg, veröffentlichte im Oktober in seiner Publikation „Refugees Welcome“ hierzu Entwürfe seiner Studierenden der Uni Hannover - unkonventionelle Szenarien einer Ergänzung unserer Städte, durch „Darauf bauen“, „Hinein bauen“ und „Zwischen Bauen“1. Wir brauchen mehr solcher unkomplizierter Ansätze – und die (bau)rechtlichen Rahmenbedingungen dazu.

Wie wollen Flüchtlinge leben

Bei allen Interviews, Berichten und O-Tönen, die man von den Flüchtlingen wiederkehrend hört – soweit man angesichts unterschiedlicher Herkunft und Interessen von einer homogenen Gruppe sprechen kann – ist eines gemeinsam: Sie möchten selbstwirksam handeln. Sie möchten weder dem Staat auf der Tasche liegen noch genießen sie es, zu warten. Sie möchten ihr neues, oft zurückerworbenes Leben in die eigene Hand nehmen, sie wollen arbeiten, ihrem Alltag eine Gestalt geben - einfach selbstwirksam ihre Zukunft gestalten.

In Deutschland erlebte die Kultur des Reparierens und Selbermachens in den letzten Jahren eine Renaissance. Die DIY-Bewegung entsteht aus einer eher alternativen, öko-sozialen Haltung und richtet sich gegen die Massenproduktion. Sie wird „gepflegt“ - ökonomisch notwendig ist sie meistens nicht.

Das sieht schon in Südeuropa etwas anders aus. Mittel und Ressourcen sind begrenzt, aus einer Notwendigkeit heraus wird die Arbeit gemeinsam erledigt. Mit wenig Material und viel Improvisation wurden und werden in Nachbarschaftshilfe Häuser gebaut - die eine Familie hilft der anderen, und wenn man selbst baut, kann man mit Unterstützung rechnen.

Dieses Modell, welches gleichzeitig Ausdruck einer Gesellschaft ist, die sich der Gemeinschaft und Familie verpflichtet, wurde in Deutschland auch bis in die 70er Jahre praktiziert - bis sich der Trend zur Individualisierung auch bis in die letzten Nischen fortsetzte. Heute werden mühsam wieder Anreize geschaffen, in Gemeinschaft zu leben und zu arbeiten – viele Fähigkeiten und Fertigkeiten sind auf diese Weise für immer verloren gegangen und werden von einer neuen Generation vollkommen neu erlernt.

Warum harren junge Familien, Singles und Paare in Langeweile in Zeltstädten oder provisorischen Bauten aus, während sie stattdessen ihre eigenen Lebensräume gestalten könnten, Brachen als Selbstversorgergärten bestellen, und unsanierte Häuser für sich ausbauen könnten? Mit einer Neuauflage des Sozialen Wohnungsbaus werden nun vielleicht Lebensentwürfe in Beton gegossen, die der Wirklichkeit vieler Flüchtlingsfamilien möglicherweise gar nicht entsprechen.

Erstaunlich an der „Krise“ ist, dass sie auch eine unglaubliche Chance ist. Der Zustrom von Flüchtlingen löst eine Menge unserer Probleme, nicht nur im Bereich des Generationenvertrags. Bei einer klugen Bündelung der Aufgaben können die Ziele der Integration und Unterbringung von Flüchtlingen mit der Erreichung von Klimaschutz-Zielen sinnvoll miteinander in Einklang gebracht werden.

Aufgabe und Lösung passen gut zusammen. Leerstand und Bedarf sind vorhanden. Wir müssten sie nur noch zusammen bringen.

1 Jörg Friedrich (Hg.): Welcome Refugees - Konzepte für eine menschenwürdige Architektur, Berlin 2015

Zur Autorin:

Karin Hartmann ist Freie Architektin BDA und Journalistin. In Paderborn entwickelt sie ein Zwischennutzungsprojekt in einem 80er-Jahre-Komplex der Innenstadt und hat den Leerstand jeden Tag vor Augen.

10:29 30.11.2015
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Geschrieben von

Karin Hartmann

Freie Architektin BDA und Journalistin. Themen: Architektur, nachhaltige Stadtentwicklung, Suffizienz, Das Gute Leben
Karin Hartmann

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