Jahreszeit der Ängste

QUERGESTELLT Jeder Castor spaltet das Wendland wie am ersten Tag

Im Wendland steigt die Spannung wieder. Noch wenige Tage bis zum nächsten Tag X, dem Tag, an dem der Castor kommt. Die in den Jahren der Ruhe verrotteten und zerbrochenen Zeichen des Protestes - ein leuchtend gelbes X etwa, aus Holz gefertigt und in die freie Landschaft gestellt - werden repariert, und neu angestrichen. Die Polizei ist auf der Suche nach Unterkünften, die ihnen die regionale Politik nicht geben will, weil noch eine bunte Anti-Atom-Koalition im Wendland die Mehrheit im Kreistag stellt - der nächste Landrat könnte im September schon wieder von der CDU kommen.

Die zunehmende Nervosität einer ganzen Region verdeckt nur noch zeitweise, dass auch im Wendland die Ablehnung der Atomanlagen in Gorleben nicht mehr als Grundlage einer gemeinsamen Politik ausreicht. SPD, Unabhängige Wählergemeinschaft, die Ex-Grünen von der Grünen Liste und die verbliebenen Reste von Bündnis 90/Die Grünen können sich auf keinen gemeinsamen Landratskandidaten einigen. Dass die Gorlebenpartei CDU wieder die Verwaltung in Lüchow-Dannenberg übernimmt, scheint demgegenüber nicht mehr das größte Problem zu sein.

Gutachter für Regionalentwicklung bescheinigen dem Landstrich im östlichen Niedersachsen, zwischen Heide und Elbe, dass er nur dann eine Aussicht auf Bestand hat, wenn sich seine Einwohner zu einer gemeinsamen Leitidee zusammenraufen können. Doch davon ist schon im Alltag keine Rede mehr. Die Chiffre "Gorleben" stand von Anfang an auch für unterschiedliche Zukunftsentwürfe. Viele davon sind zwar in den 24 Jahren, seitdem Gorleben als Standort für ein Endlager im Gespräch ist, eingeebnet worden. Das Bemühen um Abgrenzung ist geringer geworden zwischen Gegnern und Befürwortern der Atomanlagen. Doch wenn der Castor kommt, dann ist alles wie am ersten Tag. Dann versucht die Bevölkerung einer im Windschatten lebenden Region, Stellung zu beziehen gegenüber einem großen Problem.

Bisher waren die Verhältnisse übersichtlich. Trotz Ermüdungen, Resignation, Rückzug gab es immer noch die eine und die andere Seite. Seit dem Atomkonsens gilt diese Übersichtlichkeit auch im Wendland nicht mehr. Die schon immer vorhandenen Unterschiede zwischen den verschiedenen Strömungen auch des wendländischen Protestes wurden zu festen Grenzzäunen. Als im September in Gorleben demonstriert wurde, planten die Vertreter der reinen Wahrheit Bündnis 90/ Die Grünen vom Demozug auszuschließen. Die haben ihrerseits nie einen Zweifel daran gelassen, dass sie weiter gegen jeden Atomtransport protestieren würden. So lange jeder Castor mehr das Endlager im Gorlebener Salzstock festschreibt, bleiben sie Teil des Protestes. Das ist für sie eine Frage der Glaubwürdigkeit. Die ihr nach dem Atomkonsens eigene Glaubwürdigkeit sah auch die Bundespartei in Gefahr. Nur Demos für einen sicheren Castor sollten laut Parteiratsbeschluss noch möglich sein. Am Ende setzten sich die Wendländer durch. Seitdem ist die Atompolitik wieder auf der Tagesordnung der Grünen im Bund.

In der Region rückt der Castor in diesen Tagen in den Mittelpunkt der Wahrnehmung. Die Polizei sendet ihre 130 Konfliktmanager zum "Klinkenputzen", so bezeichnen es die Beamten selbst. Und am Bahnübergang Pisselberg probten Polizei und eine Blockadetruppe von x-100mal-quer schon den Tag X. Die einen versuchten, für eine "Nacht im Gleisbett" auf die Schienen zu kommen. Die anderen räumten sie schleunigst wieder weg. Nach zwei Stunden war die Übung beendet.

Es sind nicht immer reale Ängste, die sich in diesen Tagen breit machen. Normalerweise stört sich niemand daran, wenn er beim Brötchenholen neben einem uniformierten Polizisten steht, der eine Dienstwaffe umhängen hat. Aber wenn der Castor kommt, fühlen sich Atomkraftgegner von Waffenträgern umzingelt. Gleichgültig, ob begründet oder übertrieben - naht der Castor, beginnt die Jahreszeit der Ängste. Jedes Mal werden die alten Gräben neu aufgerissen. Am Wochenende wird es wieder so weit sein. Dann wird man sich wieder das Schauspiel ansehen können, wie eine Gesellschaft von 80 Millionen Mitgliedern mit Hilfe von 30.000 Polizisten eine Bevölkerung von 50.000 Menschen dazu zwingt, ihr ungelöstes Problem auszuhalten.

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